Darum gehts
- In Meiringen BE wehrt sich eine IG gegen mehr Fluglärm durch die geplante Stationierung der F-35
- Das VBS nennt 3,5 Dezibel mehr beim F-35-Start, die IG spricht von bis zu 10 Dezibel Unterschied
- Das VBS erwartet teils höhere Belastungen, lehnt den Verzicht auf F-35 in Meiringen aber ab
Der Lärm zerreisst die Stille über dem pittoresken Alpenpanorama. Und er hält lange an. Erst als die beiden F/A-18-Jets der Schweizer Luftwaffe schon aus dem Blickfeld verschwunden sind, wird es wieder ruhig über dem Brienzersee im Berner Oberland. Gestartet sind die Maschinen auf dem nahe gelegenen Militärflugplatz in Meiringen BE. Dieser ist zentral für die Luftraumverteidigung der Schweiz. Doch er ist auch eine Bürde für die Menschen, die hier leben.
So wie für Peter Michel (67). «Was Lärm betrifft, sind wir geeicht», sagt er. Über 40 Jahre hat er auf einem Bauernhof gut 250 Meter von der Startbahn entfernt gelebt. Und doch liegt Michel nun mit dem Verteidigungsdepartement (VBS) im Clinch. Der Grund: der neue F-35-Kampfjet, der in Meiringen stationiert werden soll. «Wir sind masslos enttäuscht und wütend, wie mit uns umgegangen wird, nachdem wir schon so lange mit dem Lärm leben», sagt Michel.
Wie laut ist die F-35?
Michel ist Präsident der Interessengemeinschaft, die sich gegen eine Zunahme des Fluglärms im Haslital wehrt. Denn mit der Stationierung des neuen F-35-Kampfjets ab 2030, so die Befürchtung von Michel und seinen Mitstreitern Simon Zumbrunn (60) und Samuel Hunziker (67), könnten sich die startenden F/A-18 im Vergleich geradezu leise anhören.
Zwei Faktoren kommen im Haslital zusammen. Michel sagt: «Das Tal ist wie eine Badewanne, der Schall wird hier von den Hängen zurückgeworfen. Das macht es besonders laut.» Sein Fazit lautet schon allein deshalb: Der Flugplatz Meiringen ist für eine Stationierung der F-35 ungeeignet.
Und dann ist da noch der Jet selbst. Dieser kann in Meiringen nur mit Nachbrennern starten, weil er wegen der umliegenden Berge schnell steigen muss. Nachbrenner heisst: mehr Power, mehr Krach. «Doch wie laut ein Start des neuen Kampfjets aus den USA in Meiringen wirklich sein wird, weiss keiner», sagt Simon Zumbrunn, ebenfalls Mitglied der IG gegen den Fluglärm.
Auf Anfrage von Blick sagt das VBS dazu: «2019 wurde in Payerne ein Start mit Nachbrenner gemessen, der für die Lärmberechnungen verwendet worden ist. Zudem wurde mit einer reduzierten Messinstallation ein weiterer Start mit Nachbrenner in Meiringen gemessen.» Der Start der F-35 sei dabei 3,5 Dezibel lauter gewesen als derjenige einer F/A-18.
Bis nach Norwegen
Peter Michel kontert: «Eine einzige Messung ist doch keine Grundlage.» Auch er habe die F-35 ebenfalls 2019 gemessen. «Dabei war die F-35 10 Dezibel lauter als die F/A-18.» Doch diese Messung wolle das VBS nicht gelten lassen. «Die sei nicht professionell durchgeführt worden», sagt Michel und schüttelt den Kopf.
Also reiste Michel sogar nach Norwegen, um die F-35 dort zu messen. «Er ist auf alle Fälle lauter als eine F/A-18, aber die Daten lassen sich nicht eins zu eins auf Meiringen übertragen», sagt er. Der Grund: Nirgendwo sonst startet der Jet in einem Talkessel wie in Meiringen.
Das grosse Problem ist, dass ein paar Dezibel mehr eine gewaltige Auswirkung haben. Die Belastung durch den Schall nimmt exponentiell zu. Michel erklärt: «Der Unterschied von einer F/A-18 mit 113 Dezibel beim Start zu über 120 Dezibel der F-35 ist gewaltig. 10 Dezibel entsprechen einer Verdoppelung des empfundenen Lärms.»
Wie laut wird es?
Doch nicht nur die widersprüchlichen Daten zu einem einzelnen Start der F-35 verärgern die Männer. Auch bei der erwarteten durchschnittlichen Lärmbelastung stimme einiges nicht, sagen sie.
Seit drei Jahren steht beim Hof der Tochter von Peter Michel eine private Lärmmessstation. Kostenpunkt: 20'000 Franken pro Jahr. Sie ist von der eidgenössischen Materialprüfungsanstalt Empa abgenommen. «Aktuell liegt die durchschnittliche Lärmbelastung bei gut 69 Dezibel», sagt IG-Mitglied Samuel Hunziker.
In der entsprechenden Planauflage vom Frühjahr 2026 sei für diesen Standort aber von einer mittleren Lärmbelastung über den Tag verteilt von 75 Dezibel die Rede. «Das zeigt ganz klar, dass der Lärm massiv zunehmen wird», so Hunziker.
Das VBS sagt zu diesem Punkt: «Man muss beachten, dass die Lärmbelastung weder künftig generell 75 Dezibel beträgt noch dass sie heute unter 70 Dezibel liegt. Die Lärmbelastung ist abhängig von der Lage der einzelnen Gebäude und von den Zuständen, die verglichen werden. Wir rechnen damit, dass die Belastung bei einem grossen Teil der Gebäude zunimmt, bei etlichen Gebäuden aber auch abnimmt.»
Zudem, so das VBS, würden mit der Stationierung der F-35 die Flugbewegungen in Meiringen um gut die Hälfte reduziert. Die längeren Ruhephasen würden das Lärmempfinden deutlich reduzieren.
Vorwurf der Lüge
IG-Mitglied Simon Zumbrunn sagt dazu: «Das VBS lügt uns an. Wie kann bei der Hälfte der Starts die durchschnittliche Lärmbelastung steigen, wenn der Jet nur ein kleines bisschen lauter ist als die F/A-18?» Das alles passe nicht zusammen. Er macht klar: Das Vertrauen in das VBS ist dahin.
Entsprechend klar ist die Forderung: «Die F-35 hat in Meiringen keinen Platz – die Belastung für Mensch und Umwelt ist viel zu gross», sagt Peter Michel.
Davon will man beim VBS nichts wissen: «Diese Forderung kann nicht erfüllt werden. Und eine weitere Reduktion der berechneten Lärmbelastung liesse sich einzig durch eine Reduktion der Anzahl Starts und Landungen erreichen.» Doch auch das gehe nicht.
So stehen die Zeichen in Meiringen auf Konfrontation. Nächster Akt: Mit einem Schweigemarsch beim Flugplatz am Montagabend will die zunehmend genervte Bevölkerung ihrer Forderung Nachdruck verleihen.