Darum gehts
- Ein Raser fuhr mit 283 km/h über die A15 bei Uster
- Solche Videos verbreiten sich auf Social Media für Klicks und Aufmerksamkeit
- Fast 300 km/h: Lebensgefahr für Fahrer und andere Verkehrsteilnehmer
Junge Raser setzen sich in PS-starke Autos, donnern mit über 200 km/h über die Autobahn, filmen ihre Fahrten selbst und veröffentlichen die Aufnahmen in sozialen Netzwerken.
Das jüngste Beispiel: Ein junger Mann, der mit über 280 km/h über die A15 bei Uster ZH raste. In der SRF-«Rundschau» berichtet er von dieser extremen Fahrt. «Ich war mit zwei Kollegen unterwegs», erklärt er im Beitrag. Er habe den anderen Eindruck machen wollen.
Der Fall Uster ist kein Einzelfall. In den sozialen Netzwerken kursieren regelmässig Clips, in denen junge Menschen aufs Gaspedal drücken. Die Videos verbreiten sich in Windeseile. Auch mehreren Schweizer Polizeikorps ist das Thema bekannt, wie es auf Anfrage heisst.
«Die Nachahmungsgefahr hat deutlich zugenommen»
Jean-Pierre Koch (57) arbeitet für Swissdrive, eine Organisation für die Aus- und Weiterbildung von Verkehrsteilnehmenden. Er hält fest: «Das Verhalten hat sich weniger in der absoluten Häufigkeit von Raserdelikten verändert, sondern vielmehr in der Art der Inszenierung.»
Durch die sozialen Medien würden sich immer neuere Möglichkeiten ergeben. «Durch Plattformen wie Tiktok, Instagram oder via Livestreaming werden gefährliche Fahrmanöver gezielt aufgezeichnet und verbreitet. Die Sichtbarkeit und damit auch die Nachahmungsgefahr haben deutlich zugenommen.»
Raservideos funktionieren, weil sie Tempo, Risiko und teure Autos in kurzer, emotionaler Form zeigen – genau das liebt der Tiktok-Algorithmus. In einem wenige Sekunden langen Clip passiert etwas, das im Alltag selten ist und gleichzeitig hochgefährlich ist. Solche Videos werden eher gelikt, kommentiert und weitergeleitet – und landen dadurch noch häufiger im Feed der Nutzer.
Junge beteiligen sich an «Wettbewerb»
«Aus unserer Sicht spielen mehrere Faktoren zusammen», erklärt Koch. «Soziale Anerkennung: Aufmerksamkeit, Likes und Reichweite wirken als starke Motivation.» Gleichzeitig werde die Wahrnehmung von Geschwindigkeit und Gefahr durch moderne Fahrzeuge und mediale Darstellung verzerrt.
Vor allem junge Menschen sind anfällig, in diesen «Wettbewerb» hereingezogen zu werden, der entsteht. Und nicht nur das. «Besonders junge Lenker unterschätzen die Konsequenzen und überschätzen ihre Fähigkeiten», so der Experte.
Ein kleiner Fehler kann tödlich enden
In digitalen Communitys schaukeln sich die Jugendlichen gegenseitig hoch: Einer zeigt ein Video mit 230 km/h, der nächste will 250 km/h schaffen. Aus einem einzelnen «Mutbeweis» wird so schnell ein Wettbewerb darum, wer am meisten riskiert und die krassesten Bilder liefern kann.
Was in den Clips wie ein adrenalinhaltiger Nervenkitzel wirkt, hat in der Realität massive Folgen. Wer mit fast 300 km/h unterwegs ist, verliert nicht nur die Kontrolle über das Fahrzeug – sondern gefährdet auch Unschuldige.
Bereits kleine Fehler wie ein Spurwechsel oder ein unerwartetes Hindernis können bei solchen Geschwindigkeiten tödlich enden. Dazu kommt: Die Aufmerksamkeit liegt nicht mehr voll auf der Strasse, wenn gleichzeitig gefilmt oder gestreamt wird.
Braucht es PS-Grenze für Neulenker?
«Leistungsstarke Fahrzeuge sind heute leichter zugänglich als früher», erklärt Koch. Aus Sicht von Swissdrive könne eine strengere Altersregelung Teil der Lösung sein. Dies greife jedoch zu kurz. Entscheidend sei vielmehr die Kombination aus Erfahrung, Verantwortungsbewusstsein und Kontrolle der Nutzung.
Laut Koch könnte es sinnvoll sein, bei Hochleistungsfahrzeugen eine strengere Prüfung anzuwenden und die Verantwortlichkeiten bei Mietfahrzeugen klar zu regeln. «Auch technische Begrenzungen oder Monitoring-Systeme bei Mietfahrzeugen könnten eine Möglichkeit sein.»
Das zeigen die Zahlen
Aktuelle Zahlen der Kantonspolizei Zürich zeigen: Zwischen 2021 und 2025 nahm die Zahl der Raserdelikte kontinuierlich zu – von 139 Fällen im Jahr 2021 bis zu 211 Fällen im Jahr 2025. Diese Entwicklung macht deutlich, dass schwere Tempoüberschreitungen und Raserfahrten kein Randphänomen sind, sondern der Polizei zunehmend zu schaffen machen.
Aus ermittlungstaktischen Gründen machen die Polizeien keine Angaben darüber, wie sie die Raser erwischt haben und welche Mittel dabei eingesetzt werden. Aber: «Die Kantonspolizei Zürich führt jeweils umfangreiche Ermittlungen in diversen Bereichen durch», heisst es auf Anfrage.