«Werde häufig angegriffen»
Noch nie so viele queere Parlamentarier in Bern

Queere Menschen sind in Bundesbern anteilsmässig untervertreten. Nun sind zwei Politikerinnen aufs Mal ins Parlament nachgerutscht, die offen queer leben. «Sichtbarkeit darf keine individuelle Mutfrage sein», sagt SP-Nationalrätin Tamara Funiciello.
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Das Bundesparlament wird ein Stück diverser – in der Sondersession rückten zwei offen queer lebende Frauen nach. Queere sind ansonsten etwa vertreten durch ...
Foto: Imago/Panama Pictures

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Rund 9 Prozent der Schweizer Bevölkerung identifizieren sich als queer; im Bundeshaus sind queere Personen untervertreten
  • Studie zeigt: Queere Menschen haben gesundheitliche Nachteile, besonders psychische
  • Nationaler Aktionsplan gegen LGBTQ-«Hate Crimes» mit zwölf Massnahmen verabschiedet
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Patrick GerberRedaktor Politik

Sie sind so sichtbar wie nie – im Bundeshaus aber noch immer untervertreten: Rund 9 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz identifizieren sich als homo-, bi-, pan-, omni- oder asexuell. Doch der Anteil der Parlamentarierinnen und Parlamentarier, die sich öffentlich als queer bezeichnen, ist deutlich tiefer.

Zu ihnen gehören die LGBTQ-Aktivistin Anna Rosenwasser (35, SP), Tamara Funiciello (36, SP), Michael Töngi (59, Grüne), Damien Cottier (51, FDP), Hans-Peter Portmann (63, FDP) und Patrick Hässig (47, GLP). In der Sondersession vergangene Woche rückten zudem Anna-Béatrice Schmaltz (33, Grüne) und Laura Gantenbein (36, Grüne) in den Nationalrat nach – beide leben offen queer, wie die Lesbenorganisation LOS stolz vermeldete: «Unsere Community braucht starke Stimmen, die uns im Parlament sichtbar machen und unsere Anliegen vertreten.»

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«Gesundheitliche Ungleichheiten» und Diskriminierung

Die queere Präsenz im Bundeshaus steigt also. Doch politisch gibt es noch einiges zu tun – heisst es gegenüber Blick unisono. Studien legen nahe, dass queere Menschen besonders auf die Sichtbarkeit in der Politik angewiesen seien.

Politikerinnen und Politiker sind auf verschiedenen Ebenen aktiv. So forderte SP-Nationalrätin Samira Marti (32) vom Bundesrat einen Bericht über «die Gesundheit von Lesben, Schwulen und Bisexuellen». Der Vorstoss wurde angenommen – und zeigte ein ernüchterndes Resultat. 

«Es bestehen gesundheitliche Ungleichheiten zwischen LGBT-Personen und der übrigen Schweizer Bevölkerung», fasst das Bundesamt für Gesundheit den Bericht zusammen. Besonders ausgeprägt seien «diese Ungleichheiten in den Bereichen psychische Gesundheit, Substanzkonsum und sexuelle Gesundheit». 

Der Bundesrat äusserte sich daraufhin klar: Man verurteile Diskriminierung und Gewalt aufgrund von sexueller Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung. Dagegen müsse man vorgehen, heisst es im Postulatsbericht. Für Nationalrätin Tamara Funiciello – sie ist selbst lesbisch – geht dieser Prozess aber nicht schnell genug. «Queere Themen werden politisch nach wie vor als Nebenschauplätze behandelt», sagt sie auf Anfrage von Blick. 

Abwertende Kommentare, Witze und Situationen, in denen man sich plötzlich nicht mehr sicher fühle, seien für viele Alltag. Auch sie selbst werde immer wieder und sehr häufig angegriffen, weil sie Frauen liebe. Für Funiciello ist das unverständlich: «Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben?»

Aktionsplan gegen Hate Crimes

Wie wird dieses Problem im Bundeshaus konkret angepackt? Mit einem Postulat forderte der vormalige SP-Nationalrat Angelo Barrile (49) einen «nationalen Aktionsplan zur Verminderung LGBTQ-feindlicher Hate Crimes (zu Deutsch etwa ‹Hassdelikte›) und Gewalt». Der Nationalrat nahm den Vorstoss an. Der Aktionsplan wurde im Januar 2026 vom Bundesrat verabschiedet. Er umfasst Unterstützung und Schutz der Opfer, Prävention und Monitoring. 

Auch das scheint nötig: Trotz «bedeutender Fortschritte bei Gleichstellung und Rechten von LGBTIQ-Personen» ist ihr Alltag laut Bundesrat weiterhin von Diskriminierung und Gewalt geprägt. Ein Aktionsplan mit zwölf Massnahmen soll dem entgegenwirken.

Auch sonst sieht Funiciello noch viel Handlungsbedarf. «Es kann doch nicht sein, dass lesbische Paare ihre Kinder immer noch adoptieren müssen», sagt sie. Heute müssen gleichgeschlechtliche Paare vor der Stiefkindadoption mindestens drei Jahre zusammenleben. In dieser Zeit fehle dem Kind die rechtliche Absicherung, so Funiciello. 

Eine entsprechende bundesrätliche Vorlage für «eine erleichterte Stiefkindadoption durch Wunschelternteile» wurde vom Nationalrat in der Frühlingssession gutgeheissen – und noch erweitert. Als Nächstes wird sich der Ständerat mit der Vorlage befassen. Da rechnet Funiciello aber mit einer Ablehnung, wie sie gegenüber Blick erklärt.

Und insgesamt? Funiciello zeigt sich vorsichtig optimistisch. Trotz aller noch immer bestehenden Missstände habe die «queerfeministische Bewegung in den letzten Jahren bereits enorm viel erreicht», sagt sie. Dazu zählten etwa Abtreibungsrechte, die Ehe für alle oder Anpassungen im Sexualstrafrecht. «Das sind keine Selbstverständlichkeiten, sondern erkämpfte Rechte.» 


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