US-Botschafterin Callista Gingrich im Bünderland
Die Martullo-Blocher-Diplomatie

Die Schweiz erlebt stürmische Zeiten mit den USA. Um die Wogen zu glätten, lädt SVP-Nationalrätin und Ems-Chefin Magdalena Martullo-Blocher US-Botschafterin Callista Gingrich in ihre Firma und ins Kloster Disentis ein. Die Trump-Vertraute «is very pleased».
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«Es ist uns eine grosse Ehre, Sie hier zu haben.» Magdalena Martullo-Blocher (r.) zu Callista Gingrich vor ihrer Firma in Domat/Ems GR. Die US-Fahne wurde für den Gast aus Bern gehisst.
Foto: Kurt Reichenbach

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • US-Botschafterin Callista Gingrich besuchte die Ems-Chemie in Domat/Ems.
  • Die Firma präsentierte innovative Kunststoffe, darunter für US-U-Bahnen und Fracking.
  • Ems-Chemie erzielte 2025 weltweit 1,95 Milliarden Franken Umsatz.
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Thomas Kutschera
Schweizer Illustrierte

Her Excellency? Missis Ambassador? Ambassador Gingrich?» Magdalena Martullo-Blocher (56) erkundigt sich bei einem US-Botschaftsmitarbeiter nach der korrekten Anrede. Dann zu ihrem Mann Roberto (64): «Komm! Du musst auf gleicher Höhe stehen wie ich.» Leicht nervös schaut die Ems-Chemie-Chefin auf die Uhr – in der Eingangshalle ihrer Firma in Domat/Ems GR wartet sie mit ihrem Mann auf den Gast. Dann fährt der Cadillac mit dem Nummernschild CD BE 1 - 9 vor, Callista Gingrich (59) steigt aus.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

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«Welcome Missis Ambassador», begrüsst Magdalena Martullo die US-Botschafterin für die Schweiz und Liechtenstein in urigem Englisch, verneigt sich leicht. «Willkommen in unserem schönen Ferienland!» Die Unternehmerin lacht laut. Die Besucherin lächelt fein. «It’s nice to be here.»

Seit Oktober 2025 ist Gingrich im Amt. US-Präsident Donald Trump hatte sie bereits im Dezember 2024 kurz nach seiner Wahl nominiert. Danach dauerte es nicht lange, bis die Ems-Chemie-Chefin sie zu einem Besuch einlud. «Ich will ihr zeigen, wie innovativ unsere Wirtschaft ist. Und wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen den USA und der Schweiz ist.»

«Ihre vielfältige Produktion ist wirklich beeindruckend», schreibt die Botschafterin ins Gästebuch. Als Geschenk gibts ein Buch mit der Firmengeschichte, auf Englisch.
Foto: Kurt Reichenbach

Vor einem Jahr hatte die manchmal unzimperlich auftretende Bündner SVP-Nationalrätin für US-Präsident Donald Trump noch lobende Worte: «Er mag die Schweiz.» Kürzlich jedoch sagte sie: «Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit hatte ich Vertrauen, dass er sich für die Wirtschaft engagiert. Leider führten seine Aktionen zu Instabilität in der Welt. Das hat auch Amerika bisher noch nicht genützt.» Und: «Ich war überrascht, wie drastisch seine Massnahmen ausfielen.»

Fast wäre auch Trump gekommen

Nun also ist die Botschafterin hier. Ihr Ehemann Newt (82) – auch er eng vertraut mit Donald Trump – ist auf Vortragsreise in den USA. Als Erstes gehts in ein Sitzungszimmer, wo die Mehrheitsaktionärin ihrem Gast ihre Firma vorstellt. Mit 1000 Mitarbeitenden ist Ems-Chemie die grösste Arbeitgeberin und Lehrlingsausbildnerin des Kantons Graubünden.

1,95 Milliarden Franken Umsatz hat das Unternehmen mit seinen Hochleistungs-polymer-Kunststoffen und Spezialchemikalien 2025 weltweit erwirtschaftet. Vor 22 Jahren hatten Magdalena Martullo und ihre Geschwister die Aktien von ihrem Vater Christoph Blocher (85) nach dessen Wahl in den Bundesrat gekauft. Seither leitet Magdalena Martullo die Geschicke der Firma. 23 Produktionsstandorte in 16 Ländern gehören dazu, schon über 20-mal war die Chefin auf Geschäftsreise in den USA, dem drittgrössten Absatzmarkt der Ems-Chemie. Als 19-Jährige arbeitete Magdalena Blocher ein halbes Jahr in Detroit (USA) für die Autoindustrie.

In der Ausstellung. Martullo: «Jeder benutzt täglich Gegenstände mit unseren Spezialkunststoffen. Sie kommen in vielen Autobestandteilen vor.» Rechts Gingrichs Stellvertreter Brad Bell.
Foto: Kurt Reichenbach

«Wow!» Die US-Botschafterin staunt, als nach der Firmenpräsentation zwei Lernende mit Sennenchäppi und Kuhglocken hereinkommen. Die beiden stellen das Schweizer Bildungssystem und Lehrlingswesen vor, beantworten die Fragen des Gastes. «Look at his shoes!», sagt Martullo und zeigt auf die Sneakers ihres Mannes. «Künzli shoes! Swiss tradition, high quality. It’s Roberto's business.» Der Werbespot ist ähnlich kultig wie ihre Problemlösungsleitlinien «The seven thinking steps».

Grosses Potenzial

Die Unternehmerin bittet in den nächsten Raum. Die Szenerie, eine New Yorker U-Bahn-Station, wurde extra für die Visite aufgebaut. Der geplante Zolldeal zwischen der Schweiz und den USA sowie der Kauf von US-Kampfjets sind kein Thema, dafür neue Lösungen für die dortige Industrie.

Zwei Lernende erklären die neuste Innovation: ein Ems-Kunststoff für U-Bahn-Isolatoren – damit sind diese bruchfest und halb so teuer wie herkömmliche Isolatoren aus Keramik. So gibt es viel weniger Zugsausfälle. Neben den U-Bahnen von New York werden auch die in Miami, Washington D. C. und Philadelphia umgerüstet. «Die amerikanischen U-Bahnen sparen so Millionen Dollar», sagt Martullo-Blocher. Tina Annen, ebenfalls eine Lernende: «Ems really makes the world great again.»

In einer nachgebauten Subway-Station erklärt die Chefin ihrem Gast einen Isolator mit Ems-Kunststoff drin. Neben ihnen die Lernenden Tina Annen (l.) und Selina Baffioni, als Taylor-Swift-Fans verkleidet.
Foto: Kurt Reichenbach

Bei der nächsten Präsentation ist Joël Gubler an der Reihe. Der hauseigene Chemiker und Polymer-Experte führt ins Thema Fracking ein. Mit dieser Methode werden in Nordamerika täglich drei Billionen Liter Erdgas gewonnen. Dafür braucht es Fracking-Pfropfen. Mit dem extra dafür entwickelten wasserlöslichen Spezialkunststoff kann die US-Fracking-Industrie jährlich dreistellige Millionenbeträge einsparen. «Ein grosses Potenzial», freut sich Martullo-Blocher.

Auch Präsident Trump fordert mit «Drill, baby, drill!» vehement, in seinem Land müsse mehr Erdgas gefördert werden. Callista Gingrich: «Really innovative.» Donald Trump übrigens plante 2019 einen Besuch bei der Ems-Chemie im Rahmen seiner Reise ans WEF. Doch wegen des Shutdowns kam er damals nicht ins Bündnerland.

Im Showraum zeigt die Unternehmerin, wo ihre Kunststoffe überall vorkommen – in Autos, Brillengestellen, Handys, Kaffeemaschinen und so weiter. Die Chefin: «We are plastic guys!» In einem Schaukasten sind hitzebeständige Küchenutensilien aus Kunststoff zu sehen. Morgen reise sie nach Perth in Westaustralien, erzählt die Gastgeberin. Dort besucht sie ihre 19-jährige Tochter Tamara, die für ein paar Wochen in einem Delfin-Forschungsinstitut arbeitet. «Auf ihren Wunsch bringe ich ihr dank unseren Kunststoffen feuerfeste Pfannenwender mit. Ich hoffe, sie freut sich nicht nur deswegen auf meinen Besuch.»

Ton in Ton. Gingrich, begleitet von Vigeli Monn, Abt des Benediktinerklosters Disentis (r.), und Pater Ioannes Chandon Chattopadhyay.
Foto: Kurt Reichenbach

Wie alt ist das Kloster?

Die Ems-Chefin will Callista Gingrich nicht nur ihre Firma zeigen. Nach dem Eintrag ins Gästebuch fährt der Konvoi durch die Surselva zum Benediktinerkloster in Disentis GR. Auf dem Pfortenplatz steht Abt Vigeli Monn zur Begrüssung parat. Martullo zu Gingrich, einer strenggläubigen Katholikin: «Die Abtei ist 700 Jahre alt.» Der Abt schmunzelt: «Sie wurde anno 700 gegründet, ist 1400 Jahre alt.» Mit der Zahl 700 liege sie wenigstens nicht ganz falsch, konstatiert Martullo. Gelächter reihum.

Als Nichtkatholikin könne sie nicht so viel über die Klosterkirche erzählen, wendet sie sich an die Diplomatin. Ausser dass Ems-Chemie die Kirche und die Klosterschule mit dem Chor gern unterstützt. So informiert Pater Ioannes in der sechs Grad kalten Kirche über die Geschichte und die Kunstwerke des prächtigen Sakralbaus mit seinen 320 Engelfiguren. Welchen Beruf er früher ausgeübt habe, fragt die US-Botschafterin den Geistlichen. Tropenarzt, antwortet dieser. «Angesichts der Temperaturen braucht es keinen solchen hier», sagt Callista Gingrich. Allgemeine Heiterkeit.

«Wir Bündner sind ein lustiges Volk.» Die Ururgrosseltern ihres Gastes wanderten 1875 von Chur GR in den US-Bundesstaat Wisconsin aus.
Foto: Kurt Reichenbach

Als Nächstes hat der Chor vom Gymnasium & Internat Disentis seinen Auftritt. Unter der Leitung von Rilana Cadruvi Scherrer tragen die 60 Jugendlichen einen Strauss Lieder vor. Die zurückhaltende Botschafterin klatscht, bedankt sich. Bei einem wärmenden Klostertee in der abteieigenen Stiva Sogn Placi erläutert der Abt die wichtige Bedeutung der Klosterschule.

«Thank you for the wonderful concert», sagt Gingrich in der Klosterkirche Disentis zum Jugendchor. Als Altistin war sie lange Solistin im Kirchenchor der Basilika der Unbefleckten Empfängnis in Washington D. C.
Foto: Kurt Reichenbach

Pizokels und Politik

Elegant steigt Callista Gingrich in ihren Dienstwagen. Den Abschluss des Tages bildet der Besuch des Schlosses Rhäzüns, das im Besitz der Ems-Chemie ist. Auf der Führung durch die Residenz zeigt sich die historisch bewanderte Besucherin beeindruckt von den Wandmalereien aus dem 14. Jahrhundert. Zum Abendessen gibts getrocknetes Steinbockfleisch, Kalbsschulterbraten und Pizokels. Dabei kommt auch Politik zur Sprache.

Der Aufenthalt im Herrschaftssitz findet hinter geschlossenen Türen statt. Tags darauf lässt die Firmenchefin dem SI-Journalisten ausrichten: «Die Botschafterin äusserte sich beeindruckt von den Ems-Anwendungen in den USA. In der Kirche und auf Schloss Rhäzüns tauchte sie tief in die Geschichte Graubündens ein. Sie war sehr angetan von diesem ‹fabulous day›.» Magdalena Martullo-Blocher kann sich zufrieden zurücklehnen auf der langen Reise zu ihrer Tochter. Diese Mission ist erfüllt.

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