Darum gehts
- Juso-Initiative abgelehnt, aber Erfolgssystem floriert weiter
- Juso treibt SP-Mutterpartei voran und infiltriert sie zunehmend
- Erbschaftssteuer-Initiative mit 50 Prozent Besteuerung für Vermögen über 50 Millionen Franken
Goldene «Tax the rich»-Ballone hängen im Raum, die Stimmung ist trotz der düsteren Umfrageprognosen gelöst. Die Jungsozialisten und Jungsozialistinnen haben sich in Bern im Kulturzentrum Progr versammelt, um den Abstimmungssonntag zu verfolgen. «Unabhängig davon, wie das Resultat heute ausgeht, politisch haben wir gewonnen», sagt ein Juso-Vorstandsmitglied. «Wir machen weiter, denn wir haben eine Welt zu gewinnen», schiebt Präsidentin Mirjam Hostetmann (26) in einer kämpferischen Rede nach.
Die Juso-Initiative für eine Erbschaftssteuer wurde zwar mit happigen 78 Prozent Nein-Stimmen vom Schweizer Stimmvolk versenkt. Doch tatsächlich: Das Erfolgssystem der Jungpartei floriert weiter. Die Juso ist der wichtigste Nachwuchspool für die SP. Über die Jahre hat sie die Mutterpartei regelrecht infiltriert. Juso-Kader wandern regelmässig in die SP, steigen die Karriereleiter hoch und prägen so zunehmend die Politik der Mutterpartei.
Wie funktioniert das Erfolgssystem Juso?
Juso hält SP auf Trab
Während andere Jungparteien mit Instagram-Sketches teils etwas verzweifelt um Aufmerksamkeit buhlen, prägen die Jungsozialistinnen ganze mediale Debatten. So auch mit der Erbschaftssteuer-Initiative: Ob historische Niederlage oder nicht, sie hat den Nerv der Zeit getroffen.
Auch die Mutterpartei brachte sie damit in Verlegenheit. Diese wirkte plötzlich unsicher in ihrer politischen Linie. Prominente SP-Parlamentarier warnten vor der Forderung, Vermögen über 50 Millionen Franken mit 50 Prozent zu besteuern. Und die SP-Parteileitung legte in letzter Minute einen «unternehmerfreundlichen» Umsetzungsvorschlag vor – ein indirektes Eingeständnis, dass die Initiative tatsächlich Probleme schaffen würde.
Die junge Garde ist linker, radikaler und lauter als die SP – und sie treibt die Mutterpartei vor sich her.
«Früher habe ich an Gott geglaubt»
Derzeit die vielversprechendste Persönlichkeit ist Juso-Präsidentin Mirjam Hostetmann. Sie wurde Ende Juni 2024 an die Spitze der Jungpartei gewählt – die Erbschaftssteuer-Initiative prägte ihre bisherige Amtszeit. Kaum im Amt, schoss sie scharf gegen Unternehmer Peter Spuhler (66). Er hatte zuvor gedroht, wegen der Juso-Initiative das Land zu verlassen.
Hostetmann ist durch und durch ein politischer Mensch. Früher hat sie einmal Geige gespielt und ist gerudert, heute hat sie neben der Politik kaum mehr Zeit dafür. Wenn sie über sich selbst sprechen soll, mündet das ganz schnell in eine lange Kritik am wirtschaftlichen System. Und das politische Engagement gibt ihr auch Sicherheit im Leben: «Früher habe ich an Gott geglaubt», sagte sie im Sommer zu Blick. «Jetzt finde ich Halt und Hoffnung in der Politik.»
Die Initiative verschaffte Hostetmann sogar internationale Aufmerksamkeit. Das britische Magazin «Spear's» hat Hostetmann kürzlich für seine «Power List 2025» nominiert – eine Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten in der globalen Hochfinanz. «Selbst wenn die Erbschaftssteuer nicht in Kraft tritt, hat sie doch genug Aufmerksamkeit erregt, um den Ruf des Landes als uneinnehmbare Festung für privates Vermögen zu schwächen», hiess es zu ihrer Nomination.
Von der Juso ins Parlament
Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Abstimmungskampf neue SP-Spitzenpolitiker an den Tag bringt. Der heutige SP-Co-Präsident Cédric Wermuth (39) gilt als Vater der 1:12-Initiative – politisch war es sein erster Coup. Obwohl das Anliegen mit 34 Prozent Ja-Stimmen 2013 deutlich floppte, diskutierte die Schweiz wochenlang über Managerlöhne.
Auch die heutigen Nationalräte und Nationalrätinnen David Roth (40), Mattea Meyer (38), Fabian Molina (35) und Tamara Funiciello (35) sind ehemalige Juso-Kader.
Ob auch Hostetmann irgendwann den Sprung nach Bundesbern wagen will? Das lässt sie heute offen. So oder so: Das wäre wohl nur möglich, wenn sie den Kanton wechseln würde. Denn Hostetmann ist Obwaldnerin. Ihre Chancen, vom Zentralschweizer Kanton in den Nationalrat, geschweige denn in den Ständrat, gewählt zu werden, dürften äusserst gering sein.