Steuern sparen dank Zuger WG-Zimmer
«Sozialhilfebezüger werden mit Detektiven beschattet. Bei den Reichsten schauen wir weg»

Wer in Zug wohnt, spart Steuern: Das versuchen auch findige Vermieter für sich zu nutzen. Sie bieten WG-Zimmer als Briefkastenadressen an für Leute, die nie an ihrer Adresse auftauchen sollen. Die Behörden kennen das Spiel inzwischen.
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Wer in Zug 250'000 Franken Einkommen versteuert, zahlt rund halb so viele Steuern wie in Lausanne. Ein Steuersitz in Zug kann sich also lohnen.
Foto: Keystone

Darum gehts

  • Scheinwohnsitze im steuergünstigen Kanton Zug werden offen inseriert
  • Vermieter bieten Briefkastenadressen für Steuervermeidung
  • 2022 wurden in der Stadt Zug rund 30 Anmeldungen abgelehnt
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Lucien FluriCo-Ressortleiter Politik

Der Zweck des Inserats ist rasch klar: Offiziell gesucht wird zwar ein Mitbewohner. Tatsächlich angeboten wird aber ein Scheinwohnsitz im steuergünstigen Kanton Zug.

Vermieterinnen und Vermieter aus dem Zentralschweizer Kanton bieten auf einschlägigen Immobilienportalen Briefkastenadressen zwecks Steuervermeidung an – ohne jegliche Scheu. Mal vermieten sie ein «möbliertes WG-Zimmer plus Briefkasten» an. Mal suchen die Zuger Inserenten «einen Untermieter, der sich nur selten im Zimmer aufhält». Mal ist im Inserat von «digitalen Nomaden» die Rede – oder von Leuten, die «beruflich viel auf Reisen» sind.

Angeboten werden auch Extra-Dienstleistungen. «Möglichkeiten, die Post digital zu erhalten sind, auch vorhanden», steht etwa in einer Annonce. Tatsächlich: Ein Zuger Zimmer kann sich für Gutverdienende trotz einiger Hundert Franken Miete rasch lohnen: Wer 250’000 Franken Einkommen versteuert, zahlt in Zug gut halb so viel wie in Lausanne, der Steuerhölle unter den Kantonshauptorten.

«Das ist Wohnsitzbetrug»

Luzian Franzini (29) beobachtet das Phänomen seit zwei, drei Jahren. «Solche Angebote missbrauchen den Wohnungsmarkt für rein steuerliche Zwecke», sagt der Kantonsrat der Grün-Alternativen. Es gebe auch Wohnungen, in denen die Nachbarn die Mieter noch nie gesehen hätten, sagt Franzini. In Zug halte sich hartnäckig das Gerücht, dass gewisse Anwaltskanzleien Kreditkarten von Briefkasten-Zugern einsetzen, in Wohnungen Licht machen oder die Storen bewegen. «Sozialhilfebezüger werden mit Detektiven beschattet. Aber ausgerechnet bei den Reichsten schauen wir weg», sagt Franzini, der von Wohnsitzbetrug spricht.

Blick hat mit Andreas (Name geändert) gesprochen, der im Kanton Zug wohnt. Er hat selbst eine gewisse Zeit lang ein Zimmer in seiner Wohnung an einen ursprünglich aus Deutschland stammenden Millionär vermietet, ohne dass dieser je in der Wohnung auftauchte. Dass es dazu kam, war Zufall. Andreas wollte tatsächlich ein WG-Zimmer vermieten. Als er die Wohngelegenheit ausschrieb, kamen mehrere Anfragen für eine Anschrift ohne Schlüssel. Er entschied sich dafür. Der Vorteil: Er hatte die Wohnung für sich alleine. Der Nachteil: Die Mieteinnahmen waren weniger hoch.

Andreas selbst findet es nicht besonders fair, dass Vermögende so Steuern umgehen. Er sieht dies aber auch als Querfinanzierung für hohe Wohnkosten: «Die Mieten sind sehr hoch in Zug.» Tatsächlich profitiert in Zug der Mittelstand längst nicht immer von den tiefen Steuern. Es braucht ein gewisses Einkommen, damit die tiefen Steuern die hohen Mieten wettmachen. 3150 Franken beträgt der Mietpreis aktuell für die günstigste 3,5-Zimmer-Wohnung, die in der Stadt Zug ausgeschrieben ist.

Behörden verlangen auch mal Kreditkartenbelege

«Wer nur einen Scheinwohnsitz begründet, entzieht sich aber der fairen Steuerlast am tatsächlichen Lebensmittelpunkt», sagt Grünen-Politiker Franzini. Das Hauptproblem aus seiner Sicht: Für Mieterinnen und Mieter, die tatsächlich in Zug wohnen, fehlt noch mehr Wohnraum. Franzini fordert in einem Vorstoss deshalb, dass der Zuger Regierungsrat Massnahmen ergreift und strengere Kontrollen durchführt. «Dass man sich getraut, in Inseraten so dreist Wohnsitze anzubieten, zeigt mir, dass wir ein Kontrollproblem haben.»

Der «Mitbewohner» von Andreas hat seine Adresse inzwischen nicht mehr in Zug. Letztlich wurden die Behörden auf den Fall aufmerksam. Dass ein Multimillionär in einer WG wohnt, machte sie skeptisch. Sie verlangten Kreditkartenauszüge vom Mann, der in anderen Schweizer Städten Liegenschaften besass.

Entscheidend sind tatsächlich oft die Einwohnerkontrollen. «Die Zuger Einwohnerkontrollen nehmen bei Anmeldungen aus anderen Kantonen jeweils die entsprechenden Abklärungen vor und lehnen auch jedes Jahr diverse Anmeldungsversuche ab», sagt der Zuger Finanzdirektor Heinz Tännler (65, SVP) gegenüber Blick. Frühere Zahlen zeigen: In der Stadt Zug wurden 2022 rund 30 Anmeldungen zurückgewiesen. In Baar sind es ein bis zwei Fälle pro Monat.

Millionär Vasella als bekanntes Beispiel

Ob Steuerflüchtlinge entdeckt werden, hängt oft davon ab, ob der vermeintliche Wegzugskanton aufmerksam genug ist und hinschaut. Er kann dann Fragebögen verschicken oder Unterlagen zu Stromrechnungen und ÖV-Abos verlangen. Dem Kanton Zürich wurde kürzlich nach 200 Überprüfungen sogar vorgeworfen, zu stark im Privatleben von Steuerzahlern zu schnüffeln.

Wie Steuerabklärungen gehen, wissen die Zuger Steuerbehörden selbst allerdings am besten: 2013 wiesen sie in einem spektakulären Verfahren dem früheren Novartis-Chef und Multimillionär Daniel Vasella (73) nach, dass er eigentlich in Zug lebte – und nicht im noch steuergünstigeren Monaco. Sie prüften Wasser- und Stromrechnungen. Vasella musste Flugreisedaten und Kreditkartenabrechnungen vorlegen. Was gezügelt worden und welche Kunstwerke in Zug verblieben waren, wurde ebenso ermittelt wie das soziale Netz ausgekundschaftet. Am Ende musste Vasella in Zug Steuern zahlen.

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