Darum gehts
- Bundesrat will Subventionen für Schweizerschulen im Ausland bis 2029 kürzen
- Vier bis sieben Schulen von Schliessung bedroht, Entscheidung im Nationalrat offen
- Derzeit 17 Schulen weltweit, 8000 Schüler, jährliche Subvention: 21 Millionen CHF
Die Aufregung liegt in der tropischen Luft, aber Rahel Eckert lässt sich davon nichts anmerken. Auf dem Gelände der Swiss School in Singapur steht die 56-Jährige ruhig da, zwischen Palmen, Klassenzimmern und spielenden Kindern. Letztes Jahr wurde sie von Bern aus mit einer Nachricht konfrontiert, die ihr Berufsleben und das einer ganzen Bildungswelt auf den Kopf stellen könnte: Das Entlastungspaket des Bundes 2027 sieht drastische Kürzungen vor – ausgerechnet auch bei den Schweizerschulen im Ausland, die als kulturelle Brücke, wirtschaftliches Scharnier und diplomatisches Aushängeschild gelten. Vier bis sieben von ihnen könnten bald für immer schliessen. «Es ist unangenehm, und es ist unfair», sagt sie. «Aber Panik hilft niemandem. Ich in meiner Position muss hier Ruhe bewahren.»
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.
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Eckert wählt ihre Worte mit Bedacht. Seit zwei Jahren leitet sie die Swiss School, eine von 17 weltweit. Alle zusammen unterrichten sie rund 8000 Kinder – viele davon mit dem Potenzial, später als Fachkräfte oder Botschafter in der Schweiz in der Welt zu wirken. Da der Bund sparen muss, soll nun aber auch hier die Schraube angezogen werden. Im Moment bekommen die Schweizerschulen 21 Millionen Franken pro Jahr. Bis im Jahr 2029 soll dieser Betrag auf 16 Millionen Franken gekürzt werden. Über fünf Millionen Franken müssen total eingespart werden. «Das Schlimmste ist die Ungewissheit.» Die definitiven Entscheide folgen im Rahmen des Entlastungspakets 2027. Gute Nachricht: Der Ständerat hat die Kürzung bereits abgelehnt. Jetzt entscheidet der Nationalrat.
Wie wichtig die Schulen im Ausland sind, zeigt sich hier in Singapur besonders deutlich. Zwischen Banken, Tech-Giganten und internationalen Headquarters spielt Bildung eine zentrale Rolle. «Dass wir hier sind, ist strategisch enorm wichtig für die Schweizer Wirtschaft», sagt Eckert. «Wir bilden international orientierte Kinder aus, aber auf Schweizer Boden – mit Schweizer Lehrplan, Schweizer Lehrmitteln und Schweizer Qualitätsanspruch. 260 Schülerinnen und Schüler gehen hier zur Schule. Den Staat Singapur gibt es seit 1965 – uns seit 1967. Wir sind praktisch mit ihm gross geworden.»
Die Swiss School ist eine Hybrid-Institution: Privatschule mit Schweizer Lehrplan, mitten im harten Konkurrenzkampf von mehr als 70 internationalen Schulen. 40 Prozent der Kinder haben Schweizer Eltern, der Rest stammt vorwiegend aus Deutschland, Frankreich oder Österreich. «Wir müssen jedes Jahr beweisen, dass wir besser sind als andere. Wir bekommen die Kinder nicht einfach zugeteilt wie in der Schweiz. Wir müssen uns beweisen und wirtschaftlich überleben.»
Swissness ist hier ein spürbares Qualitätsversprechen. In der Vorschule und der Primarschule wird auf spielerisches, selbstständiges Lernen gesetzt, etwas, das viele Eltern bewusst suchen. Und sie schätzen die Verwurzelung in Schweizer Traditionen. Statt Santa Claus kommt hier der Samichlaus mit dem Schmutzli, es ist ein familiäres Umfeld mit einem Jeder-kennt-jeden-Prinzip. Meistens sind die Eltern nur ein paar Jahre in Singapur – so schätzen sie die Schweizerschule sehr. «Die Kinder lernen Deutsch, Französisch und Englisch. Und können danach ohne Probleme in der Schweiz wieder in den Unterricht einsteigen», erklärt Eckert. «Sie wissen, dass wir Qualität liefern. Das ist unser Trumpf.»
Damit dieser Trumpf bleibt, ist die Unterstützung aus der Schweiz essenziell. 22 Prozent der Einnahmen stammen aus Subventionen. «Wir müssten die Schulgebühren erhöhen, wenn die Beiträge massiv gekürzt würden – und das wäre im Konkurrenzkampf ein grosser Nachteil.» Momentan variieren diese zwischen 14 000 und 18 000 Franken. Je nach Klasse. «Wir wissen noch nicht, wie hoch der Sparbetrag am Ende sein wird. Aber klar ist: Es trifft uns empfindlich.
Hinter der Profi-Fassade, die nichts zu erschüttern scheint, steckt eine Frau, die selbst mitten im Abenteuer Ausland lebt. Vor ihrer Zeit in Singapur war sie Prorektorin einer Berufsfachschule, Journalistin, Dozentin, schrieb Lehrmittel. «Über 25 Jahre Bildungserfahrung – und manchmal einfach auch Glück», sagt sie und lacht. Singapur kannte sie von Reisen. Aber hier zu leben, sei etwas anderes. Klimatisch eine Herausforderung, kulturell spannend. «Am Anfang war ich überwältigt von dem Luxus, den wir ja in der Schweiz eigentlich auch haben. Aber ich sah hier in einer Woche so viele Ferraris und Lamborghinis wie in der Schweiz in meinem ganzen Leben. Da staunt man zuerst.»
Gemeinsam mit ihrem Mann Theo (72), ehemaliger Chefredaktor der «Solothurner Zeitung», lebt sie nun in einem hellen Apartment. Die Töchter Flurina (18) und Livia (22) studieren beide in Europa. Das Paar sieht sie nur wenige Male im Jahr. «Die Abschiede bleiben das Schwierigste», sagen die beiden unisono. «Natürlich vermissen wir unsere Töchter sehr. Aber sie waren ebenfalls begeistert von der Idee, dass wir uns hier niederlassen.» Über Weihnachten wird sich die Familie in ihrem Haus in Solothurn treffen. Rahel Eckert hat ihre Töchter seit Juni nicht mehr gesehen. «Darauf freue ich mich extrem. Und darauf, das Fenster zu öffnen und kalte Luft hineinströmen zu lassen!» Denn in Singapur liegt die Temperatur das ganze Jahr über nahe bei 30 Grad.
Trotzdem lieben sie ihre neue Heimat: die Parks, die Velowege, das unkomplizierte Leben, das Reisen in der Region. «Es ist ein Ort voller Chancen», sagt Eckert. «Gerade deshalb wäre es fatal, wenn die Schweiz ausgerechnet hier sparen würde.» Auch Theo hat eine deutliche Haltung zum Entlastungspaket: «Bern ist so schnell im Geldausgeben, und ausgerechnet bei der Bildung wollen sie sparen. Das verstehe ich einfach nicht.» Rahel Eckert hofft, dass die Politik die Bedeutung der Schulen erkennt. «Wir arbeiten, wir argumentieren, wir sind laut – so laut wir halt können. Wir sind aber nicht vor Ort, das ist ein grosser Nachteil. Aber wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen.» Nur: Die Zeit rennt. Und es steht viel auf dem Spiel.