Sopre-Skandal
SBB vertuschen Millionen-Kosten für Pannen-Software

Ein Computerprogramm soll die Dienstplanung revolutionieren. Doch es verkommt zum grössten IT-Fiasko der SBB-Geschichte.
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Täglich müssen die SBB über 7000 Züge planen.
Foto: Christian Merz
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Robin BäniRedaktor

Die Geister von Sopre plagen die SBB bis heute. Dabei begann diese Geschichte mit einer vernünftigen Idee. Sopre steht für «Simulation, Optimierung und Planung Ressourcen». Es handelt sich um ein hochkomplexes Computerprogramm, das die Einsatzplanung von Lokführern und Zugpersonal revolutionieren sollte. Wer fährt wann welchen Zug, wer hat wann Pause, wer springt wo ein? Waren es ursprünglich SBB-Angestellte, die von Hand alles planten, sollte Sopre den Prozess weitgehend automatisieren.

2011 kauften die SBB die Software für 18,8 Millionen Franken. Der Preis galt als Schnäppchen. Die Verantwortlichen erhofften sich erhebliche personelle und finanzielle Einsparungen. Sie ahnten nicht, dass sich Sopre zum grössten und teuersten IT-Flop der SBB-Geschichte entwickeln sollte.

Das allein wäre schon Skandal genug. Was diese Geschichte nun aber besonders brisant macht: Die SBB versuchen, die ausufernden Betriebskosten von Sopre zu vertuschen, wie Recherchen von Blick zeigen.

Zugausfälle und Verspätungen

Das Debakel nimmt im November 2017 seinen Lauf. Dann führen die SBB die Software Sopre für die Einsatzplanung der Lokomotivführer ein. Zuvor haben sie das System bereits für die Dienstplanung des Zugpersonals verwendet, was reibungslos funktionierte. Doch bei der weitaus komplexeren Schichtplanung der über 2000 Lokführer stösst Sopre an seine Grenzen. Zugausfälle und Verspätungen sind die Folge.

Schon am 8. Januar 2018 müssen die SBB eine Krisensitzung einberufen. Externe IT-Experten werden für viel Geld beauftragt, um die Software-Mängel zu beheben. Doch die Informatikfachleute finden keine abschliessende Lösung. Die SBB sehen sich gezwungen, intern 60 Angestellte umzudisponieren, um die planerischen Irrläufe der Software fortwährend zu berichtigen.

Die damalige SBB-Sprecherin bittet in der «NZZ am Sonntag» um Verständnis. Sopre müsse pro Jahr sieben Millionen einzelne Planungsleistungen erbringen, das sei zu berücksichtigen, wenn jetzt die Schwächen kritisiert würden. Zudem funktioniere das System seit Einführung im November wesentlich stabiler. «Die gröbsten Fehler sind korrigiert.» Die Sprecherin sollte sich irren.

SBB-Chef zieht die Reissleine

In den folgenden Monaten und Jahren liefert Sopre zuverlässig Schlagzeilen. Fortan erscheint kein Artikel, in dem Sopre nicht als «Pannen-Software» betitelt wird. Die negative Berichterstattung reisst nicht ab, bis der SBB-Chef Vincent Ducrot (64) im Jahr 2021 die Reissleine zieht. Sopre wird beerdigt. Wobei, nicht ganz, oder: noch nicht. Entschieden ist zu diesem Zeitpunkt nur, dass die Software irgendwann abgelöst werden soll.

Heute ist Sopre noch immer im Einsatz. Noch immer bereitet das System Probleme, noch immer muss es von einem internen Team manuell betreut werden. 13 Personen sind damit beschäftigt, wie die SBB auf Anfrage mitteilen. Täglich werden mit Sopre über 7000 Züge geplant. «Das System weist einen hohen Automatisierungsgrad auf», sagt ein Sprecher.

Insider berichten, dass die System-Mängel dank der manuellen Betreuung weniger gravierend seien. Aber weiterhin komme es vor, dass Abstellorte von Zügen im Programm teils nicht stimmten, bei Zeitrechnungen falsche Werte erfasst würden und allgemein Schwierigkeiten bei der Planung auftreten.

Geheimniskrämerei

Derweil laufen die Verträge mit der Firma, die für die Pannen-Software verantwortlich ist, im Hintergrund weiter. Diese Woche haben die SBB dem französischen Unternehmen Dassault Systèmes einen neuen Auftrag erteilt. Die Lizenzen und Supportleistungen für Sopre werden um weitere zweieinhalb Jahre verlängert. Ab 2028 soll Sopre dann schrittweise durch ein neues System ersetzt werden, um die «Prozesse und Arbeitsabläufe zu vereinfachen», teilen die Bundesbahnen auf Anfrage mit.

Was äusserst ungewöhnlich ist: Die SBB geben bei der Vergabe des Auftrags nicht bekannt, wie viel sie für die Lizenzen und Supportleistungen von Sopre bezahlen. Die Bundesbahnen stützen sich dabei auf eine gesetzliche Ausnahme, die bei «berechtigten wirtschaftlichen Interessen der Anbieterin» (im vorliegenden Fall der Firma Dassault Systèmes) eine Zurückhaltung von Informationen erlaubt.

Diese Geheimniskrämerei irritiert Rika Koch (39), Professorin für öffentliche Beschaffungen an der Berner Fachhochschule. Grundsätzlich gelte das Transparenzgebot, sagt sie: «Die SBB schulden den Steuerzahlern eine Offenlegung des Preises.» Dass sich die Bundesbahnen auf eine gesetzliche Ausnahme stützen, will Koch nicht hinnehmen. Lizenzen und Support für eine Software seien ein Produkt. «Wenn das ein schützenswertes Geschäftsgeheimnis sein soll, dann ist theoretisch alles ein Geschäftsgeheimnis.»

Eine Geldvernichtungsmaschine

Koch schliesst nicht aus, dass die SBB die Höhe der Lizenzkosten zurückhalten, weil «diese Summen manchmal horrend sind». Insbesondere, da die SBB im Falle von Sopre in einen sogenannten Vendor Lock-in getappt sind. Das bedeutet, die SBB sind in eine derartige Abhängigkeit von Dassault Systèmes geraten, dass sie den Anbieter nicht ohne enormen Kosten- oder Zeitaufwand wechseln können. Entsprechend kann die Softwarefirma überteuerte Gebühren für Sopre einfordern. Koch kritisiert das: «Eigentlich müssten sich die SBB als öffentlich-rechtliches Unternehmen so aufstellen, dass sie nie in eine derartige Situation geraten.»

Die Geheimhaltung der Lizenzgebühren reiht sich in eine lange Geschichte des Schweigens. Bis heute haben die SBB nie transparent kommuniziert, wie sehr die Kosten von Sopre durch sämtliche Komplikationen explodiert sind. Auch auf erneute Anfrage von Blick gibt es keine Auskunft. Die Beträge dürften angesichts der Nachbesserungen und des zusätzlich benötigten Personals immens sein. Bereits 2018 berichtete Blick, gestützt auf Insider, von Kosten in Höhe von 70 Millionen Franken. 2021 berichtete die «SonntagsZeitung» von «über 100 Millionen», inzwischen dürfte dieser Betrag weit überschritten sein.

So wurde die Software über die Jahre zur Geldvernichtungsmaschine. Die Mehrkosten berappt der Steuerzahler. Oder sie schlagen sich in höheren Ticketpreisen nieder. Die neue Planungssoftware, die Sopre dereinst ablösen soll, kostet bis zu 90 Millionen Franken. Bleibt zu hoffen, dass wenigstens das neue Programm einwandfrei funktioniert. Und die Geister von Sopre dereinst ruhen.

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