«Ich kenne die Situation und kann nachfühlen»
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Avdili über Wohnungsnot:«Ich kenne die Situation und kann nachfühlen»

FDP-Mann Përparim Avdili
Er war immer «der Jugo» – jetzt will er Zürich erobern

Përparim Avdili möchte Zürcher Stadtpräsident werden. Dafür provoziert er mit scharfer Kritik an der links-grünen Regierung – und spricht von einer politischen «Bankrotterklärung». Ein Porträt.
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Përparim Avdili will in Zürich Stadtpräsident werden.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

  • Përparim Avdili (38, FDP) will Stadtrat und Stadtpräsident werden
  • Er baut im Wahlkampf auf seine Migrationsgeschichte und die Wohnungsnot
  • Avdili provoziert mit Kritik an Links-Grün und will bezahlbaren Wohnraum schaffen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.

Fürs Fussballspielen hat Përparim Avdili (38) momentan keine Zeit. «Im Klub wollten sie mich nicht mehr, ich war viel zu unregelmässig im Training», sagt der FDP-Mann lachend. Böse ist er deswegen nicht. Er hat mehrere Jahre in verschiedenen Vereinen gespielt und sitzt heute beim FC Kosova im Vorstand. Doch jetzt will der Zürcher Präsident der grössten Schweizer Stadt werden. Mit einer für die Schweizer Politik ungewöhnlichen Biografie.

Als Sohn eines Lastwagenfahrers und einer Putzfrau kommt Avdili in einem kleinen Dorf in Mazedonien zur Welt. Als er eins ist, zieht die Familie in die Schweiz. Avdili ist ein guter Schüler, doch immer wieder holt ihn seine Migrationsgeschichte ein: Er bewirbt sich um eine KV-Lehrstelle, kassiert Absage um Absage.

Schliesslich lernt er Fahrzeugelektriker, doch dort ist er ständig der «Jugo». Seine schulischen Leistungen werden immer schlechter. Er verliert seine Lehrstelle. Danach fährt er monatelang Post aus, hat einen Bürojob bei einem Salatgrosshändler und putzt Hallen.

Schafft Përparim Avdili eine Zürcher Sensation?
Foto: Philippe Rossier

Avdili fängt sich, macht eine kaufmännische Lehre und arbeitet bei der Credit Suisse. Mit 22 Jahren tritt er der FDP bei. Heute ist er Finanzleiter in einem Berufsbildungsunternehmen und fährt einen BMW. Während das Blick-Fotoshooting läuft, klingelt schon das Telefon, Avdili rennt von Termin zu Termin. Es ist Wahlkampf.

Aussergewöhnliche Kampagne

17 Jahre lang war Corine Mauch (65, SP) das Gesicht der Stadt Zürich. Jetzt tritt sie nicht mehr zur Wiederwahl an. Für die SP will Raphael Golta (50) den Sitz verteidigen. Er sitzt schon jetzt in der Stadtregierung und kümmert sich dort um Soziales. Er ist der grosse Favorit, denn Zürich ist eine Hochburg der Linken, im Parlament ist die SP mit Abstand die stärkste Partei. Gegen Golta treten neben Avdili unter anderem auch Serap Kahriman (35) für die GLP und Ueli Bamert (46) für die SVP an. 

Doch gesprochen wird fast nur über FDP-Mann Avdili: Hunderte Plakate kleben in der Stadt. Dafür klaut er den Linken den Slogan «Wo-Wo-Wonige?» oder stichelt gegen die SP, wenn er schreibt, der nächste Stadtpräsident müsse ein Secondo sein. Die Linken haben statt Mandy Abou Shoak (37), Kantonsrätin mit sudanesischen Wurzeln, den älteren Stadtrat Golta nominiert. 

Gegen die links-grüne Wohnungspolitik

So aussergewöhnlich die Kampagne (orchestriert von Starwerber David Schärer), so gewöhnlich sind die Rezepte von FDP-Mann Avdili gegen das grösste Problem in der Stadt, die Wohnungsnot. Mit Vorliebe teilt er gegen die linke Regierung aus: «Ganz viele Leute haben sich unter Rot-Grün eine goldene Nase verdient in unserer Stadt.»

«Ich habe die Wohnungsnot am eigenen Leib erlebt: Als ich 19 Jahre alt war, mussten meine Eltern, die drei Geschwister und ich aus der Wohnung raus», erzählt er, der Ende Juni selbst Papi wird. «Das war Horror.»

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«Nicht jeder Vermieter ist ein skrupelloser Immobilienhai.»
Përparim Avdili
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Doch was taugen seine Lösungen? Wird mehr gebaut, sinken die Mieten nicht automatisch. Die Investoren wollen Geld verdienen. «Nicht jeder Vermieter ist ein skrupelloser Immobilienhai. Viele setzen sich für bezahlbaren Wohnraum ein, werden jedoch von den Behörden ausgebremst.» 

Avdili will aber auch Vermieter bei grösseren Überbauungen zwingen, preisgünstige Wohnungen anzubieten. «Mein Versprechen ist nicht, dass mit mir alle eine günstige Wohnung bekommen. Ich will aber sicherstellen, dass zumindest einkommensschwache Menschen in unserer Stadt nicht verdrängt werden.»

Gleichzeitig will Avdili dafür sorgen, dass Gutverdienende keine geförderten Wohnungen mehr bekommen. «Es geht hier nur um einzelne Blöcke, nicht das ganze Quartier. Es entstehen keine Ghettos.»

Das Secondo-Image als Stärke

Doch bis all die neuen Wohnungen gebaut sind, wird es auch unter einem Stadtpräsidenten Avdili dauern. Sein Secondo-Image nutzt er ganz bewusst im Wahlkampf. Er hat Ausländerfeindlichkeit selbst erlebt. Heute schlägt er einen versöhnlichen Ton an. «Meistens sind es keine bösen Menschen, die sich so verhalten. Es geht vielmehr um Skepsis gegen das Unbekannte.» 

Anfeindungen wegen seiner Herkunft würden ihn inzwischen weniger treffen, sagt er. Doch als die «Weltwoche» Avdili vorschlug, er solle seinen Namen ändern, um im Wahlkampf bessere Chancen zu haben, wurde er emotional.

«Klar kann ich Stadtpräsident und Vater gleichzeitig sein»
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Përparim Avdili wird Vater:«Klar kann ich Stadtpräsident und Vater sein»

Der Präsident der Zürcher FDP sitzt im Gemeinderat. Politisch sind seine bisherigen Erfolge überschaubar. «Links-Grün spielt seine Mehrheit radikal aus, aber es ist uns gelungen, Akzente zu setzen.» Avdili erwähnt, dass man eine Lohnerhöhung für das Parlament verhindert habe, und nennt die Aufstockungs-Initiative, die dafür sorgen soll, dass höher gebaut werden kann. Doch juristisch steht sie auf wackeligen Beinen. «Das hat einen sehr bitteren Beigeschmack, dass man eine politische Minderheit juristisch mundtot machen will.»

Er setze sich für ein Zürich ein, das Aufstiegsgeschichten wie seine wieder möglich macht. Die aktuelle Politik von Links-Grün sei eine «Bankrotterklärung». Und auch gegen Rechts grenzt sich Avdili klar ab. «Es ist der falsche Ansatz, sich zu fragen, wie viele Expats Zürich verträgt. Wir haben eine wirtschaftliche Notwendigkeit für solche Leute.» 

Verhaltene Wahlchancen

Nur: Wer soll ihn wählen? Die SP verärgert er mit seiner Politik, bei der SVP steht er als Secondo in der Kritik. Auf die Frage, welches politische Lager ihn zum Stadtpräsidenten machen soll, hat Avdili keine eindeutige Antwort. Er denke «nicht in Parteimustern».

Die Chancen, dass Avdili tatsächlich ins Stadthaus einzieht, sind klein. Aktuelle Umfragen sehen SP-Mann Golta weit voraus, Avdili muss gar darum kämpfen, in den neunköpfigen Stadtrat einzuziehen. Schafft er es, könnte er möglicherweise seinen Parteikollegen Michael Baumer verdrängen und die FDP einen Sitz in der Stadtregierung verlieren. Zudem drohen auch Verluste im Stadtparlament.

Darauf angesprochen, gibt sich Avdili wortkarg. «Die einzige Umfrage, die zählt, ist jene am 8. März. Ich habe keinen Plan B.» Gut möglich, dass der Wahlkampf für ihn noch weitergeht. Holt keiner die absolute Mehrheit, gibt es im Mai einen zweiten Wahlgang. Zeit für Fussball ist erst danach – oder im Falle einer Wahl noch länger nicht.

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