Darum gehts
- Sechs Mitglieder der Zürcher Personalkommission traten im März 2025 zurück
- Grund: 26-Millionen-System verursacht Fehler, Überlastung und Frust bei Angestellten
- Bern plant Systemabschaltung bis 2030 nach 8-Millionen-Nachtragskrediten
Es war ein kleiner Knall in der Zürcher Sozialdirektion: Gleich sechs Mitglieder der neunköpfigen Personalkommission schmissen im März 2025 ihr Amt hin.
Der Massenrückzug in der Direktion von Stadtpräsidiumskandidat Raphael Golta (50, SP) hatte einen Grund: das neue Fallführungssystem. Die 26 Millionen Franken teure Eigenentwicklung sorgte nur für Probleme. Mehr Arbeit, mehr Aufwand, viele Fehler. Die Angestellten fühlten sich von der Führung im Stich gelassen. Frust breitete sich aus, die Moral sank.
Die Personalkommission ortete «gravierende Mängel in der Projektplanung» und in der Kommunikation. «Die Folgen sind ein erheblicher administrativer Mehraufwand, Überlastung der Mitarbeitenden, ein Vertrauensverlust gegenüber der Geschäftsleitung sowie eine spürbare Beeinträchtigung der Arbeitsqualität und -zufriedenheit», heisst es im Protokoll der Kommission. Dieses liegt Blick vor.
Zu Unrecht erhaltene Sozialhilfe: Rückforderung nicht möglich
Inzwischen ist das System in Zürich ein Jahr im Einsatz. Bis heute sind Probleme nicht behoben. Das Fass ist aus Sicht der Mitarbeitenden am Überlaufen. Einnahmen sind nicht sichtbar, nachträgliche Änderungen nicht nachvollziehbar, Rechnungen würden im System verschwinden, es gibt Fehlermeldungen. Ähnliche Informationen liegen auch der «NZZ» vor, die zuerst darüber berichtet hat.
Die Folge: Viel mehr Arbeit für die Angestellten, Anfragen von Betreibungsämtern oder dem Migrationsamt könnten nicht korrekt beantwortet werden. Hinzu können verspätete Zahlungen an Klienten kommen. Bei unrechtmässig bezogener Sozialhilfe waren 2025 keine Rückforderungen möglich, weil das System dies noch nicht kennt.
Die grosse Frage ist: War dies ein absehbares IT-Desaster? Tatsächlich sorgt das System seit Jahren für Probleme. Ab 2014 haben die Städte Bern, Basel und Zürich dieses Millionenprojekt gemeinsam entwickelt. In Bern wurde es im Sommer 2023 zuerst eingeführt. Die Bundesstadt zahlte für ihre Vorreiterrolle viel Lehrgeld. Kündigungen, Krankschreibungen und Nachtragskredite über acht Millionen waren die Folge. Inzwischen will der Kanton Bern der Stadt das System auf 2030 hin sogar abstellen.
Stadtrat Golta ab 2014 dabei – Bern verlor Millionen
Als Zürich das System einführte, waren die Probleme aus Bern längst bekannt. Warum wurde das System in Zürich trotzdem eingeführt? Die Frage ist brisant. Verantwortlich ist Sozialdirektor Raphael Golta (50). Der SP-Mann will am 8. März Stadtpräsident der grössten Schweizer Stadt werden. Seine Chancen stehen gut. Golta ist seit 2014 Sozialdirektor, das IT-System wurde unter ihm mitentwickelt.
In der Behörde haben Angestellte Fragen an Stadtrat Golta: Wurden die Warnsignale aus Bern genügend ernst genommen? Warum wurde vor der Einführung sowohl gegenüber dem Stadtparlament als auch den Angestellten gesagt, alles sei auf Kurs, man sei besser vorbereitet als in Bern?
An diesen Aussagen halten Golta und sein Team auf Anfrage von Blick fest. Die Einführung sei ohne grosse Probleme verlaufen, die Software laufe «stabil und performant», schreibt Goltas Sprecher. Eine so grosse Systemumstellung sei jedoch immer anspruchsvoll. «Wir sind uns des grossen Einsatzes unserer Mitarbeitenden sehr bewusst und haben deshalb auch laufend geprüft, wie wir sie unterstützen und entlasten können». Im Budget 2025 und 2026 seien sechs Stellen vorgesehen, die unter anderem für die Bewältigung des zusätzlichen Aufwands eingesetzt werden.
Golta: System arbeitet zuverlässig
Goltas Leute betonen: Das System sei nach den Erfahrungen in Bern weiterentwickelt worden, der bewilligte Kredit von 26,4 Millionen Franken werde eingehalten. Man habe aber gewusst, dass gewisse Nachlieferungen der Software noch nötig sein würden. Diese seien in der Fertigstellung. «Die noch notwendigen Arbeiten werden Schritt für Schritt gemäss einer sorgfältigen Planung abgearbeitet und fortlaufend ins System eingespielt.»
Goltas Fazit insgesamt: Das System arbeitet zuverlässig. Verbesserungsbedarf sieht man etwa noch beim Personal: Es brauche «Zeit, bis sich die neuen Abläufe in der Rechnungsverarbeitung eingespielt haben und alle Beteiligten mit der neuen Systemlogik vertraut sind». Eine höhere Fluktuation oder Absenzenquote stellen die Sozialen Dienste dennoch nicht fest.
Intern glauben nicht alle, dass dies noch lange so bleiben wird. Eine Person hält gegenüber Blick fest: Sollte nicht rasch eine Verbesserung kommen, droht eine Kündigungswelle zermürbter Angestellter. Zweifellos kann die Unzufriedenheit aber nicht bewiesen werden. Der Personalkommission wurde im März 2025 nicht erlaubt, eine Personalumfrage durchzuführen.