Singles wehren sich gegen Heirats-Initiative – Sylvia Locher spricht Klartext
«Wir wollen nicht für ein veraltetes Familienmodell aufkommen!»

Mit der Individualbesteuerung wurde sichergestellt, dass Alleinstehende nicht mehr Steuern zahlen als Verheiratete. Nun könnte sich das mit der Steuer-Initiative der Mitte wieder ändern. Die Präsidentin von Pro Single Schweiz, Sylvia Locher, treibt das zur Weissglut.
Kommentieren
1/7
«Wir wollen nicht für ein veraltetes Familienmodell aufkommen», sagt Sylvia Locher, Präsidentin von Pro Single.
Foto: zVg

Darum gehts

  • Die Präsidentin von Pro Single Schweiz wehrt sich gegen die Steuer-Initiative der Mitte
  • Mit der Individualbesteuerung würden Alleinstehenden endlich gleich besteuert
  • Mitte-Nationalrätin Regina Durrer-Knobel sagt, dass sich für die Singles nichts ändern würde
Simone Steiner
Simone SteinerBundeshausredaktorin

Sylvia Locher (70) jubelte, als die Individualbesteuerung am 8. März angenommen wurde. Die Präsidentin von Pro Single Schweiz verspürte eine Riesenfreude: Endlich würden alle, unabhängig vom Zivilstand, nach dem gleichen Tarif besteuert.

Doch jetzt, nur wenige Monate später, stimmt die Stimmbevölkerung wieder über eine Steuer-Initiative ab. Die Steuer-Initiative der Mitte will, dass die Einkommen von Ehepaaren auf Bundesebene gemeinsam besteuert werden. Zudem soll das Gesetz sicherstellen, dass Ehepaare gegenüber anderen Steuerpflichtigen nicht benachteiligt werden.

Für Locher wäre dies eine «absolute Katastrophe». Denn damit würden Alleinstehende weiterhin einen höheren Tarif zahlen als Paare mit Trauschein. «Das ist eine Single-Strafe», sagt sie zu Blick. Es gebe keinen Grund, warum Singles mehr Steuern zahlen müssten als Verheiratete.

Immer mehr Singles in der Schweiz

«Bei den Diskussionen um die Initiative könnte man meinen, dass es in der Schweiz nur verheiratete und unverheiratete Paare gibt», kritisiert Locher. Die Alleinstehenden würden dabei oft ausser Acht gelassen. Zu ihnen gehörten praktisch alle ledigen, geschiedenen und verwitweten Personen.

Das sei problematisch, denn im Jahr 2025 lebten in der Schweiz laut Bundesamt für Statistik (BfS) 1,5 Millionen Menschen in Einpersonenhaushalten. «Das macht knapp 37 Prozent aller Haushalte aus.» Zudem ist der Anteil der Verheirateten zwischen 1971 und 2025 von 47 auf 40 Prozent gesunken.

Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.

Dennoch profitieren von der gemeinsamen Besteuerung nun vor allem Einverdienerpaare oder Paare mit einem geringen Zweiteinkommen. «Das ist ein Familienmodell aus dem letzten Jahrhundert!», kritisiert Locher. Warum die Alleinstehenden diesen «veralteten Lebensstil» tragen sollten, sei für sie «komplett unverständlich».

Steuerausfälle von bis zu drei Milliarden

Neben dem höheren Steuertarif befürchtet die Singles-Präsidentin, dass die Alleinstehenden auch für die Mindereinnahmen aufkommen müssten. «Irgendwie müssten diese ja kompensiert werden», so Locher. Sie weist darauf hin, dass bereits heute mehr als 40 Prozent der Paare mit Kindern wegen der Abzüge keine direkte Bundessteuer bezahlen.

Die Initiative lässt offen, wer für die Mindereinnahmen aufkommen soll. Bei einer Annahme hätte das Parlament bis 2030 Zeit, ein Gesetz auszuarbeiten. Es könnte sich dabei entweder für das Vollsplitting, das Teilsplitting oder die alternative Steuerberechnung entscheiden. Das könnte bis zu 3 Milliarden Franken pro Jahr kosten.

Um die Steuerausfälle zu begrenzen, könnte die Bundesversammlung die Steuersätze erhöhen. Dadurch würden laut der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) Unverheiratete – und damit auch Singles – stärker belastet. Aber auch ein Teil der Ehepaare könnte mehr Steuern zahlen, wenn die höheren Steuersätze stärker ins Gewicht fallen als die gezielte Entlastung.

Kommt das Parlament innerhalb von drei Jahren nicht auf eine geeignete Lösung, müsste der Bundesrat die Vorlage per Verordnung umsetzen. Das Szenario gilt als wahrscheinlich. In diesem Fall müsste die alternative Steuerberechnung angewendet werden. Die Mindereinnahmen könnten bis zu 1,4 Milliarden Franken betragen.

Anders als das Parlament wäre der Bundesrat an die geltenden Steuertarife gebunden. Er hätte aber andere Möglichkeiten, um die Mindereinnahmen aufzufangen. Dazu gehören die Abschaffung des Verheiratetenabzugs, die Abschaffung des Zweiverdienerabzugs sowie eine Einschränkung des Elterntarifs. Dadurch würden laut ESTV Ehepaare und unverheiratete Eltern benachteiligt – nicht aber Singles.

Locher bleibt misstrauisch. «Der höhere Steuertarif bliebe dennoch», sagt sie. Singles würden auch in vielen anderen Bereichen benachteiligt, obwohl sie strukturell in höheren Pensen arbeiteten und dadurch sowieso schon mehr Steuern zahlten. So gebe es Nachteile bei der AHV, der Pensionskasse und bei den Erbschaften.

Nicht nur Singles müssten zahlen

Mitte-Nationalrätin Regina Durrer-Knobel (55) kann mit der Kritik der Single-Präsidentin wenig anfangen. «Bei der Initiative geht es um die Abschaffung der Heiratsstrafe», sagt sie. Rund 690'000 Ehepaare hätten in den letzten Jahren zu viel bezahlt. Sie würden von der Vorlage profitieren. Für Alleinstehende würde sich hingegen nichts ändern.

Zudem stellt Durrer-Knobel klar: Der Tarif für Verheiratete sei günstiger, weil bei Ehepaaren die Steuerprogression hinzukomme. Das könne besonders bei Doppelverdienern teuer werden. Weiter betont sie, dass die Vorlage zu Mindereinnahmen und nicht zu Mehrausgaben führen würde. Das sei übrigens auch bei der Individualbesteuerung der Fall. Dort würden laut Schätzungen 700 Millionen Franken in der Staatskasse fehlen. Wenn die Ausfälle kompensiert werden sollten, müssten nicht nur die Singles zahlen.

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen