Darum gehts
- Michal Govrin erhob 2025 im Vatikan Antisemitismus-Vorwürfe gegen Schweizergardist
- Sicherheitskameras zeichnen keinen Ton auf, Untersuchung bleibt unter Verschluss
- Govrin erwartet eine Entschuldigung vom Vatikan
Die israelische Autorin Michal Govrin (75) erhebt schwere Vorwürfe gegen die Schweizergarde. «Es ist wie nach einer Vergewaltigung: Am Ende ist das Opfer schuld», schreibt Govrin in einem Aufsatz, der Blick vorliegt.
Govrin wirft einem Schweizergardisten vor, sie und die israelische Professorin Vivian Liska (69) antisemitisch beleidigt zu haben. Der Vorfall ereignete sich am Rande von Feierlichkeiten im Oktober 2025 im Vatikan.
«Haben Sie ‹juifs› gesagt?»
Damals feierte Papst Leo 60 Jahre «Nostra aetate» (lateinisch für «In unserer Zeit»). Vor 60 Jahren stellte die katholische Kirche erstmals klar, dass die Juden nicht für die Kreuzigung Jesu verantwortlich gemacht werden können. Zudem verurteilte die Kirche sämtliche Formen von Antisemitismus und warb für eine jüdisch‑katholische Versöhnung.
Govrin und Liska nahmen an den Feierlichkeiten in Rom teil. Auf dem Weg in den Vatikan soll ein welscher Gardist das Wort «juifs» (Juden) mit hörbarem Ekel ausgesprochen haben. Liska soll sich daraufhin an den Schweizergardisten gewandt haben: «Haben Sie ‹juifs› gesagt?» Der Gardist soll das bestritten haben: «Das habe ich nicht gesagt.» Daraufhin soll Liska entgegnet haben: «Und jetzt lügen Sie auch noch …! Als Antwort liess der Gardist ein Spuckgeräusch in unsere Richtung fahren. Noch immer schockiert, setzten wir unseren Weg fort. Wir reichten bei dem Vorgesetzten eine Beschwerde ein; er versprach, der Vorfall werde untersucht», schreibt Govrin in ihrem Aufsatz.
Sicherheitskameras zeichnen keinen Ton auf
Doch die Vatikan-Mauern schweigen. «Uns wurde mitgeteilt, dass die Sicherheitskameras keinen Ton aufzeichnen. Die Beweislage sei daher begrenzt», beklagt Govrin. «Bis heute wurden die Ergebnisse der Untersuchung nicht veröffentlicht, und wir haben keine offizielle Entschuldigung erhalten.»
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Stattdessen machte ein katholisches Onlinemagazin Stimmung gegen die beiden Israelinnen: Um den neuen Papst Leo auf einen projüdischen Kurs zu trimmen, hätten die beiden den Vorfall inszeniert.
«Das Opfer wird zum Täter»
Die Autorin Michal Govrin sieht hier ein problematisches Muster, das aus Opfern plötzlich Täter macht. «Ich habe am eigenen Leib erfahren, wie Fakten ihre Glaubwürdigkeit verlieren, heftig bestritten oder durch sprachliche Tricks verdreht werden», schreibt Govrin. «Dies ist ein wohlbekannter Prozess in Vergewaltigungsfällen, in denen das Opfer zum Täter gemacht wird.»
Für Govrin steht fest: Die Politik der israelischen Regierung legitimiert keine antisemitische Hetze. «Der Krieg in Gaza muss untersucht werden», schreibt Govrin. «In Israel sind wir aufgerufen, jedes Handeln des Militärs in Gaza oder in Judäa und Samaria zu prüfen und zu beurteilen. Dies ist eine dringliche israelische Selbstprüfung, die notwendig ist, um unser moralisches Handeln zu gewährleisten.» Zugleich fordert sie aber auch, dass der Vatikan Verantwortung übernimmt – und transparent über die Ergebnisse der Untersuchung kommuniziert.
Schweizergarde mauert
Trotz mehrfacher Nachfragen von Blick schweigt die Schweizergarde eisern. Zunächst stritt sie ab, dass es einen antisemitischen Vorfall gab, und sprach von einer «Bitte um ein Foto». Dabei hatten die beiden Israelinnen gar nicht um ein Foto gebeten, wie sie beteuern. Die Ergebnisse der internen Untersuchung will die Schweizergarde nicht kommunizieren.
Der Bündner Nationalrat Martin Candinas (45, Mitte) ist Präsident der Stiftung der Päpstlichen Schweizergarde. Candinas wollte sich zum Vorfall nicht äussern.