Schlamassel um Staatsverlag: Blick kennt die Hintergründe
Bern steckt in der Falle – und der Aargau hängt mit drin

Er bringt Lehrmittel wie «Tiptopf» oder «Mille feuilles» heraus – und gehört den Steuerzahlern: Die Schulverlag Plus AG ist im Besitz der Kantone Bern und Aargau. Doch Politik und Private drängen seit Jahren auf den Ausstieg des Staats. Nur: Der Exit gelingt nicht.
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Die Schulverlag Plus AG gehört den Kantonen Aargau und Bern.
Foto: Keystone

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Zoff um Schulverlag Plus AG im Besitz von Bern und Aargau
  • Berner Parlament verlangt Ausstieg aus dem Verlag, doch das klappt nicht
  • Brisante externe Analyse im Aargau: Keine wirtschaftliche Rechtfertigung für Staatsbeteiligung
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Sven AltermattCo-Ressortleiter Politik

Spaghetti al dente kochen? Einen Zopf backen? Das haben Generationen von Jugendlichen dank «Tiptopf» gelernt. Das legendäre Schulkochbuch verkaufte sich schon weit über zwei Millionen Mal. Ähnliche Bekanntheit erlangte «Mille feuilles» – aus weniger rühmlichen Gründen. Das Französisch-Lehrmittel stand jahrelang in der Kritik. Was die beiden Werke verbindet: Sie stammen von der Schulverlag Plus AG.

Das Unternehmen ist einer der grossen Player auf dem Markt. Es gehört je zur Hälfte den Kantonen Bern und Aargau – letztlich also den Steuerzahlern. Doch der Druck wächst, dass sich der Staat aus dem Verlag zurückzieht. In Bern hat das Parlament die Regierung bereits vor Jahren beauftragt, ihren Anteil zu verkaufen. Und im Aargau gerät das Engagement ebenfalls ins Wanken – befeuert von scharfer Kritik aus der Privatwirtschaft.

Der Streit strahlt über die beiden Kantone hinaus. Denn es geht um eine Grundsatzfrage: Wie viel Staat braucht ein Markt, in dem auch Private mitmischen?

Blick weiss: Hinter den Kulissen läuft ein zähes Ringen. Der Berner Ausstieg aus dem Staatsverlag harzt gewaltig, und die Aargauer wissen nicht so recht, wie es weitergehen soll. Kritiker sagen, Bern treibe den Verkauf nicht mit letzter Konsequenz voran. Die Behörden kontern: Man finde schlicht keinen passenden Käufer. Die Zeichen stehen auf Rückzug – doch die Sache wird zum Schlamassel. Die Kantone stecken in der «Tiptopf»-Falle!

«Hohe Wettbewerbsverzerrungen»

SVP-Politiker Samuel Krähenbühl (48) brachte den Stein ins Rollen. 2018 verlangte der Grossrat den Verkauf der Berner Beteiligung. Das Parlament nahm seinen Vorstoss an, die Regierung fasste den Auftrag. Doch umgesetzt ist er bis heute nicht. Für Krähenbühl unverständlich: «Der Kanton hat in diesem Geschäft nichts mehr verloren.»

Ein Schulverlag sei kein Kerngeschäft des Staats, kritisiert er. Die freie Lehrmittelwahl setze sich durch, und private Anbieter seien gerade im digitalen Bereich stark. Dazu komme, dass der Verlag die ganze Deutschschweiz beliefert. «Das wirtschaftliche Risiko tragen aber Bern und Aargau allein.»

Brisant ist auch eine externe Analyse, die ein Beratungsbüro 2024 im Auftrag der Aargauer Wirtschaftsverbände vorgelegt hat. Das Urteil: Für eine Staatsbeteiligung gebe es wirtschaftlich «keine Rechtfertigung». Private könnten den Markt ebenso bedienen.

Ziel der Beteiligung ist, dass der Verlag für die Volksschule «qualitativ hochwertige und zahlbare Lehrmittel» anbietet. Doch die Experten sprechen von hohen Wettbewerbsverzerrungen – und kritisieren die Doppelrolle des Staats als Eigentümer des Verlags und als «Steuerungsinstanz» bei Lehrmitteln. Sie empfehlen der Aargauer Regierung: «Eine Veräusserung der Anteile oder gar eine vollständige Privatisierung sollte nachdrücklich geprüft werden.»

Niemand will den Berner Anteil haben

Und die Kantone? Der Markt spielt nicht mit, heisst es aus der Berner Bildungsdirektion. «Die bisherigen Verkaufsbemühungen des Kantons Bern gestalteten sich anspruchsvoll.» Der Regierungsrat habe umfassende Abklärungen gemacht. Doch: «Keine der angefragten Stellen zeigte Interesse, den Anteil zu einem Preis in der Grössenordnung des ermittelten Werts zu übernehmen.» Wie hoch dieser ist, bleibt offen.

Die Berner prüfen nun «in Abstimmung mit dem Kanton Aargau weitere Handlungsoptionen». Dort läuft eine eigene Überprüfung, wie das Aargauer Bildungsdepartement bestätigt. Danach werde entschieden, «wie mit der Beteiligung weiter verfahren wird». Entschieden sei noch nichts. Man müsse auch den Markt und die Versorgung der Schulen im Blick behalten.

Wie gut steht der Verlag da?

Ein Szenario dürfte es schwer haben: Mit der Sache vertraute Personen halten es für wenig wahrscheinlich, dass der Aargau den Berner Anteil übernimmt. Mehr Staat statt weniger – politisch wäre das kaum durchsetzbar.

Der Schulverlag Plus ging 2009 aus zwei anderen Verlagen hervor. Der Umsatz des Unternehmens liegt seit Jahren bei etwas über 20 Millionen Franken. Gemäss Zahlen, die Blick vorliegen, ist es solide gepolstert.

Eine Goldgrube ist der Verlag für die Kantone aber nicht. Die Ergebnisse schwankten zuletzt ziemlich: Im Geschäftsjahr 2024 schrieb der Verlag einen Verlust von zwei Millionen Franken. 2023 resultierte ein Gewinn von 425'000 Franken, 2022 ein Verlust von 1,6 Millionen Franken. Rund 75 Mitarbeitende arbeiten für die Firma. Zu den politischen Diskussionen will das Unternehmen selbst keine Stellung nehmen.

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