Darum gehts
- Der NDB warnt vor iranischen Vergeltungsaktionen in der Schweiz
- Irans Verbündete könnten für Terror gegen israelische, jüdische und US-Ziele aktiviert werden
- Es wäre nicht das erste Mal, dass die Mullahs in der Schweiz zuschlagen
Das iranische Regime kämpft ums Überleben – weitet es den Krieg jetzt auf Europa aus? Der einflussreiche Grossayatollah Nasser Makarem Schirasi in Teheran rief in einer viel beachteten Stellungnahme zur Vergeltung auf: «Rache ist die religiöse Pflicht aller Muslime auf der Welt, damit das Böse dieser Verbrecher von der Erde getilgt wird.»
Ein Aufruf ganz im Sinn der iranischen Staatsideologie. Könnten auf die scharfen Worte tatsächlich Taten folgen? Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) hält dies in einer Einschätzung für «wahrscheinlich». Gegenüber Blick warnt er unmissverständlich vor iranischen Vergeltungsaktionen auch bei uns. «Der NDB beurteilt es als wahrscheinlich, dass die iranischen Dienste, ihre Proxys oder vom Iran mandatierte kriminelle Netzwerke Aktionen in Europa und in der Schweiz durchführen», sagt NDB-Sprecher Christoph Gnägi.
Deutliche Worte für den sonst zurückhaltenden Nachrichtendienst. Laut dem Sprecher könnte der Iran «asymmetrische Mittel» einsetzen, «darunter Terroranschläge gegen israelische, jüdische und amerikanische Ziele».
Hisbollah-Netzwerk in der Schweiz
Die Spannbreite dieser Mittel ist gross. Infrage kommen Anschläge und Sabotageakte, aber auch gewalttätige Demonstrationen, Desinformationskampagnen und Cyberangriffe. Gefahr droht nicht nur vom Regime selbst, sondern auch von den vom NDB-Sprecher erwähnten «Proxys» – Verbündete der Mullahs, zum Beispiel die Hamas in Gaza oder die schiitische Hisbollah-Miliz im Libanon.
Letztere ist auch in der Schweiz aktiv. Der NDB schreibt in seinem aktuellen Lagebericht: «Die Hisbollah unterhält in der schiitisch-libanesischen Diasporagemeinschaft in der Schweiz ein Personennetzwerk, das die Organisation in gemeinschaftlichen und politischen Angelegenheiten unterstützt.» Und: «Einige dieser Personen könnten aktiviert werden, um die Hisbollah bei Terroraktionen zu unterstützen.»
Die Bedrohung hänge davon ab, wie intensiv der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah einerseits und zwischen dem Iran und den von ihm als feindlich angesehenen Staaten andererseits geführt werde. Seit dem Grossangriff von Israel und den USA auf den Iran dürfte also Alarmstufe Rot gelten.
Schläferzellen in Europa
Zu ähnlichen Schlüssen kommen Fachleute und Sicherheitspolitiker. Militärexperte Ralph Thiele von der Politisch-Militärischen Gesellschaft in Berlin warnte diese Woche im Blick-Podcast «Durchblick»: «Auch die Schweiz muss sich grosse Sorgen machen.» Er sieht das Risiko «einer Terrorwelle bei uns zu Hause». Wir müssten uns darauf einstellen, dass auch Staaten wie die Schweiz, die vom Iran bisher eher als Ruheraum angesehen wurden, in den Fokus rücken.
Auch CDU-Politiker Marc Henrichmann, Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums der Geheimdienste in Deutschland, sagte gegenüber verschiedenen Medien: «Vergeltungsmassnahmen, auch durch iranische Schläferzellen in Europa, sind nicht auszuschliessen.»
Unklar ist, wie weit die stark geschwächte iranische Führung noch in der Lage ist, gross angelegte Gewalttaten im Ausland zu koordinieren. In der Vergangenheit hat das Regime wiederholt gezeigt, dass es seinen Terror auch ausserhalb der eigenen Grenzen austragen kann.
Mullah-Terror in der Schweiz
Besonders drastisch musste das Argentinien erfahren. 1994 wurden bei einem Bombenanschlag auf die jüdische Gemeinde in Buenos Aires 85 Menschen getötet und über 300 verletzt. Das höchste argentinische Strafgericht machte im April 2024 den Iran und die Hisbollah-Miliz für den Anschlag verantwortlich.
Auch die Schweiz war schon Ziel des Mullah-Terrors: 1990 ermordete ein iranisches Killerkommando den bekannten Oppositionellen Kazem Rajavi in der Nähe von Genf. Nach der Tötung des Diktators Ali Chamenei vor einer Woche ist das Risiko von ähnlichen Taten heute so gross wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Haben Sie Hinweise zu brisanten Geschichten? Schreiben Sie uns: recherche@ringier.ch
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