Pflege vor dem Kollaps? 160'000 Personen schlagen Alarm
«Ohne Gegenmassnahmen laufen wir ins offene Messer»

Die nationalrätliche Sozialkommission will die Pflege-Initiative nur abgeschwächt umsetzen. Zum Ärger des Gesundheitspersonals – und der Bevölkerung. Der Widerstand ist riesig.
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«Wenn die Arbeitsbedingungen nicht verbessert werden, geht der Exodus im Gesundheitsbereich ungebremst weiter», warnt VPOD-Gewerkschafterin Ronja Jansen.
Foto: Keystone

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • 2021 stimmten 61 Prozent für die Pflege-Initiative
  • 160'000 Unterschriften fordern vollständige Umsetzung des Volksbegehrens
  • Gewerkschaften warnen vor Exodus aus Pflegeberufen
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Ruedi StuderBundeshaus-Redaktor

Mit 61 Prozent Ja-Anteil ist das Volksverdikt deutlich! Mehr als 2,1 Millionen Schweizerinnen und Schweizer stellten sich 2021 hinter die Pflege-Initiative. Das Ziel: Die Arbeitsbedingungen fürs Pflegepersonal sollen deutlich besser werden.

Die zuständige Nationalratskommission hat dafür aber kaum Gehör und verwässert die Verbesserungsvorschläge des Bundesrats massiv. Zum Ärger des Pflegepersonals. Die Betroffenen gehen auf die Barrikaden – und wissen die Bevölkerung dabei hinter sich. Das verdeutlicht ein Online-Appell, der innert Wochenfrist bereits von über 160'000 Personen unterschrieben wurde. Darin verlangt das Bündnis Gesundheitspersonal eine vollständige Umsetzung der Volksinitiative.

«Unzufriedenheit ist gross»

«Die überwältigende Anzahl an Unterschriften zeigt die grosse Unzufriedenheit der Bevölkerung und des Gesundheitspersonals», sagt Ronja Jansen (30) von der Gewerkschaft VPOD, die den Appell mitlanciert hat. «Was die bürgerliche Kommissionsmehrheit vorschlägt, ist eine Missachtung des Volkswillens.» 

Wichtige Kernanliegen würden kaum berücksichtigt, moniert Jansen. So will die nationalrätlich Sozialkommission beispielsweise die gesetzliche Höchstarbeitszeit auf 50 Stunden pro Woche belassen, während der Bundesrat diese auf 45 Stunden herabsetzen möchte. Auch soll der Bundesrat die Normarbeitszeit nicht von 42 auf 40 Stunden zurückschrauben dürfen.

Ebenso geht es um mögliche Vorgaben zur Personalrotation auf Abteilungen, um Entschädigungen für die Sonntagsarbeit oder um Einspringprämien.

«Exodus geht umgebremst weiter»

«Wenn die Arbeitsbedingungen nicht verbessert werden, geht der Exodus im Gesundheitsbereich ungebremst weiter», warnt Jansen. Tausende Stellen würden heute schon unbesetzt bleiben, viele Pflegende seien überlastet.

Mit Folgen. «Gut ein Drittel der Pflegenden verlässt den Beruf nach wenigen Jahren, weil sie erschöpft sind und nicht mehr können», sagt Jansen. Würden die Arbeitsbedingungen nicht verbessert, bleibe die Personalfluktuation hoch.

«Das Problem wird sich in den kommenden Jahren noch verschärfen, wenn die Babyboomer-Generation in Rente kommt», sagt die Gewerkschafterin. «Ohne Gegenmassnahmen laufen wir ins offene Messer.»

Bürgerliche fürchten Mehrkosten

Die Nationalratskommission befürchtet mit der bundesrätlichen Lösung zu hohe Mehrkosten. Tatsächliche dürften die Verbesserungen je nach Ausgestaltung 1 bis 2 Milliarden Franken jährlich kosten, wobei es sich um grobe Schätzungen handelt.

Was in der Kostenabschätzung jedoch nicht berücksichtigt ist, sind die positiven Effekte verbesserter Arbeitsbedingungen. Kommt es zu weniger Fluktuation und Ausfällen, braucht es weniger teure Temporärfachkräfte, womit die Mehrkosten zumindest teilweise kompensiert werden können. 

«Die Kostenfrage muss aber losgelöst von der Pflege-Initiative geklärt werden», sagt Jansen. «Der Volksauftrag ans Parlament ist klar. Es braucht bessere Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal, sonst fahren wir das Gesundheitswesen an die Wand.»

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