Darum gehts
- Nach Crans-Montana-Tragödie: Debatte um strengere oder gelockerte Brandschutzregeln in der Schweiz
- Thurgauer Politiker fordern weniger strenge Vorschriften, betonen Eigenverantwortung und Verhältnismässigkeit
- 75 Thurgauer Parlamentarier reichten 2025 Motion für «Brandschutz mit Augenmass» ein
Nach der Tragödie in Crans-Montana VS stellen sich Fragen zum Brandschutz: Macht die Schweiz bei den Kontrollen genug? Braucht es griffigere Regeln? Dabei geriet auch eine geplante Änderung der Brandschutz-Regeln unter Druck. Seit Mitte September lief eine Vernehmlassung zur Totalrevision des Brandschutzrechts – die sogenannten Brandschutzvorschriften 2026. Die Revision setzt laut den Verantwortlichen stärker auf Verhältnismässigkeit, Deregulierung und Eigenverantwortung.
Vergangene Woche kam es zum Marschhalt. Bereits fünf Tage nach der Katastrophe in Crans-Montana sistierten die Baudirektorinnen und Baudirektoren das Projekt. Auch Stimmen aus der Politik schlagen eine Verschärfung des Brandschutzes vor. FDP-Nationalrätin Jacqueline de Quattro (65) forderte etwa eine einheitliche nationale Brandschutzkontrolle.
Keine «Vollkasko-Lebensversicherung»
In eine ganz andere Richtung gehen Politiker und Politikerinnen im Kanton Thurgau, wie die «NZZ» berichtet. Im Mai 2025 haben 75 bürgerliche Kantonsparlamentarier eine Motion eingereicht, um einen «Brandschutz mit Augenmass» zu fordern. Das sind über die Hälfte der Ratsmitglieder – insgesamt hat das Parlament 130 Sitze. Konkret soll der Kanton Thurgau Schutzklauseln im Brandschutz erhalten. Damit wäre es möglich, Vereinfachungen und Abweichungen von den gesamtschweizerisch verbindlichen Vorschriften zu erlassen.
«Wir müssen lernen, mit gewissen Risiken zu leben und wieder wegzukommen von ‹einer Vollkasko-Lebensversicherung/einer Vollkasko-Versicherungsmentalität›», heisst es in der Motion. Der Brandschutz sei zwar wichtig, aber nur ein Sicherheitselement von vielen.
Heute sei das Risiko für tödliche Unfälle in Gebäuden wegen Bränden deutlich geringer als etwa Risiken im Strassenverkehr oder beim Pistenskifahren. Dies, weil «die Anforderungen an Bauherren unverhältnismässig gross sind».
Ausserdem halten sie fest: «Würde man im Brandschutz den theoretischen Wert eines Menschenlebens im Thurgau wie in Österreich oder Deutschland (je ein Viertel so tief) anwenden, dann würden die vertretbaren verhältnismässigen Kosten des Brandschutzes entsprechend tiefer und wieder in einem ‹vernünftigen› Mass sein.»
Thurgau will sich jetzt mehr Zeit nehmen
Auch nach der Tragödie in Crans-Montana will der Erstunterzeichner Reto Ammann (56) am Anliegen festhalten, wie er der «NZZ» sagt. «Die tragischen Ereignisse von Neujahr dürfen nicht dazu führen, dass jetzt unhinterfragt überreguliert wird. Es gilt, dort zu regulieren, wo es Sinn ergibt, und dort auf Eigenverantwortung zu setzen, wo es sinnvoll ist», sagt der Parlamentarier.
Beim Brandschutz sei es bereits vor der Katastrophe in Crans-Montana in die falsche Richtung gegangen, so Ammann. Insbesondere stört die bürgerlichen Politiker, dass ein Gebäude brandschutztechnisch vollkommen neu zertifiziert werden muss, wenn ein bestimmter Anteil des Gebäudes umgebaut wurde.
Ammann will allerdings verhindern, dass ein solch heikles Thema in «einer emotional augeladenen Atmosphäre» diskutiert werde. Das sei einerseits eine Frage der Pietät gegenüber den Opfern, und andererseits wolle man abwarten, zu welchen Ergebnissen die Untersuchungen kommen. In Absprache mit der zuständigen Regierungsrätin soll der Vorstoss deshalb nicht schon bis im Mai, sondern erst im Spätsommer beantwortet werden.