Darum gehts
- SBB entfernt im März 2026 vier historische Porträts in Lausanne
- Porträts wurden entsorgt, ohne Dokumentation oder Absprache mit Behörden
- SBB rechtfertigt Entscheidung mit fehlendem künstlerischen oder historischen Wert
Sie hingen dort seit Jahren, vielleicht sogar seit Jahrzehnten, im ehemaligen «Buffet de la Gare» in Lausanne: General Henri Guisan, alt Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz, alt Bundesrat Paul Chaudet und alt Bundesrat Georges-André Chevallaz. Vier Persönlichkeiten aus dem Kanton Waadt, deren Porträts an den Holzvertäfelungen im Saal hingen, der nach seiner Restaurierung und Wiedereröffnung zum Tibits wurde. Seit dem Frühjahr sind die Porträts verschwunden. Und sie werden auch nicht wieder auftauchen.
Die SBB haben auf Blick-Anfrage einen Bericht von «24 heures» bestätigt. Die Porträts wurden entfernt und anschliessend weggeworfen. Sie wurden nicht eingelagert. Sie wurden vor ihrer Entsorgung auch nicht fotografiert, inventarisiert oder dokumentiert. Ein Stück Waadtländer und Schweizer Geschichte wurde einfach «in den Müll geworfen».
Die Frage, ob es ein Gutachten zur kulturhistorischen Bewertung gab, verneinen die SBB. Die Entscheidung wurde Mitte März 2026 getroffen. Die für das Kulturerbe zuständigen kantonalen oder kommunalen Behörden und Archive wurden nicht informiert. Die SBB geben zudem an, weder den Urheber noch die Herkunft noch das Datum der Anbringung der vier Porträts zu kennen.
Tibits schiebt die Verantwortung auf die SBB
Das Tibits distanziert sich seinerseits von der Entscheidung. «Was das Abhängen der Fotos betrifft, war Tibits an dieser Entscheidung nicht beteiligt; sie liegt allein in der Verantwortung der SBB», erklärt Sprecher Mauro Werlen. Das Unternehmen sei sich der «Bedeutung dieses Ortes» und der Stellung des «Buffet de la Gare» im Herzen von Lausanne bewusst.
Die SBB rechtfertigen sich damit, dass ihre Denkmalschutzabteilung regelmässig Analysen des Kulturerbes durchführe. So auch bei den Porträts. Man kam zum Schluss, dass «diese Form der Erinnerung im Kontext dieses Raums nicht mehr angemessen sei».
Die Porträts, so fügen die SBB hinzu, gehörten gemäss den geltenden Richtlinien nicht zu den geschützten Elementen und wiesen keinen besonderen künstlerischen Wert auf. Auf dieser Grundlage wurde beschlossen, sie zu entfernen, um dem Restaurantbetreiber die Freiheit zu lassen, die Räumlichkeiten nach eigenem Ermessen zu gestalten und zu dekorieren.
Die SBB betonen, keine negativen Rückmeldungen von Kunden dazu erhalten zu haben. Es sei «niemals darum gegangen, das Andenken an diese Persönlichkeiten in Frage zu stellen». Sollte das so wahrgenommen werden, bedauern die SBB dies.
Doch die Angelegenheit wirft nun eine weitere Frage auf: Wie kann eine Entscheidung im Bereich des Kulturerbes dazu führen, dass historische Objekte vollständig verschwinden, ohne dass dokumentarische Spuren erhalten bleiben?
Auch die Archive wissen es nicht
Um die Herkunft der Porträts zu ermitteln, wandte sich Blick an SBB Historic, die für das historische Erbe der SBB zuständige Stiftung. Das Dossier «Öffentliche Kunstwerke in Schweizer Bahnhöfen» befasst sich lediglich mit den Bahnhöfen Basel SBB, Luzern und Brugg. Auch die architektonische Dokumentation des Bahnhofs Lausanne listet lediglich die berühmten Fresken und Gemälde auf, die bis 1955 aufgehängt waren. Die Porträts von Guisan, Delamuraz, Chaudet und Chevallaz sind nicht enthalten. Auch die Denkmalpflege der SBB verfügt über keine Unterlagen.
Mit anderen Worten: Die SBB entsorgten die Porträts, ohne etwas über deren Geschichte zu wissen.
Nicht unbedingt Museumsobjekte, aber Zeitzeugnisse
Laurent Golay, Direktor des Historischen Museums Lausanne, ist der Ansicht, dass sie «als solche» kein besonderes Interesse für die Institution darstellten, da ihnen der Charakter der Einzigartigkeit oder Seltenheit fehlte.
Er betont jedoch auch, dass es «immer interessant und wünschenswert» ist, ein Objekt untersuchen zu können – und sei es nur kurz – und in den Analyse- und Entscheidungsprozess einzugreifen. Das ermöglicht es, über das weitere Schicksal eines Objekts zu entscheiden.
Für Laurent Golay waren die Porträts deshalb von Interesse, weil sie sowohl von Darstellungsweisen der Eliten zeugten als auch davon, wie diese im öffentlichen Raum genutzt wurden. Aus wissenschaftlicher Sicht hätten sie an diesem Ort dokumentiert werden sollen, etwa durch Fotografien. Genau das ist laut SBB nicht passiert.
Ein sehr gut dokumentierter Ort – bis auf diese Erinnerung
Das «Buffet de la Gare» in Lausanne ist kein gewöhnliches Lokal. Das 1916 eingeweihte ehemalige Restaurant der 1. und 2. Klasse ist eines der bemerkenswertesten historischen Ensembles des Bahnhofs mit seiner Ausstattung, seinen Holzvertäfelungen und seinen grossen bemalten Tafeln.
Die sechs Tafeln, die die von Lausanne aus angefahrenen Reiseziele darstellen – Neuenburg, Bern, Montreux, Freiburg, Zermatt-Matterhorn und Genf –, sind gut dokumentiert. Man kennt ihren Urheber, das Datum ihrer Anbringung und den Hintergrund ihres Auftrags. Das «Buffet» selbst wurde unter Berücksichtigung seines künstlerischen und historischen Wertes restauriert.
Die Porträts der vier Persönlichkeiten aus dem Kanton Waadt gehörten einer anderen historischen Ebene an: jünger, weniger prestigeträchtig, wahrscheinlich weniger künstlerisch. In der Denkmalforschung werden oft die Gebäudetypen, die Innenausstattung oder die grossen Wandmalereien dokumentiert, weitaus seltener jedoch das Mobiliar, die Fotografien, die Porträts oder die im Laufe der Zeit hinzugefügten Gegenstände. Doch auch dieses Kulturerbe trägt zur Identität eines Ortes bei.
Ein alltägliches Kulturerbe, das verschwindet
Die Architekturhistorikerin Joëlle Neuenschwander Feihl hat sich mit dem Bahnhof von Lausanne beschäftigt. Sie besitzt ein Foto aus dem Jahr 2012, das zeigt, dass die Fotos sich damals in der Nische des «Buffets» befanden. Ihrer Meinung nach «machten diese Bilder Sinn, als das Buffet noch ein traditionelles Buffet war». Sie seien vielleicht «nicht mehr zeitgemäss» gewesen, fügt sie hinzu, «aber man kann ihr Verschwinden nur bedauern».
Zu demselben Schluss kommt auch die Historikerin Catherine Schmutz, die sich mit den historischen Cafés in Lausanne beschäftigt hat. «Dieses materielle und immaterielle Kulturerbe verschwindet nach und nach, unaufhaltsam», bedauert sie.
Im Fall des «Buffet de la Gare» handelte es sich nicht um Plakate, sondern um fotografische Porträts. Deren Urheber, Herkunft und Entstehungszeit sind nach wie vor unbekannt. Der Mangel an Dokumentation macht den Verlust umso bedauerlicher.
Hinzu kommt eine heiklere Frage: Ist die Entfernung von Porträts, die politische und historische Persönlichkeiten des Kantons darstellen, lediglich eine Frage der Neugestaltung oder spiegelt sie auch ein zeitgenössisches Unbehagen wider? Beobachter fragen sich sogar, ob es sich um eine Form der «Cancel Culture» handelt. Die SBB wehren sich dagegen und betonen, dass es nie darum gegangen sei, das Andenken an die abgebildeten Persönlichkeiten in Frage zu stellen.
Eine Nebensache? Nicht ganz
Hätte man sie wieder aufhängen sollen? Nicht unbedingt. Hätte man sie aufbewahren sollen? Nicht unbedingt. Hätte man sie zumindest dokumentieren sollen? Darin liegt wahrscheinlich der Kern des Problems. Sie einer Waadtländer Institution, einer Kulturerbesammlung, SBB Historic, der Stadt Lausanne oder einer Stiftung anzubieten, wäre eine einfache Alternative zu ihrer sofortigen Entsorgung gewesen.
Das ist vielleicht kein grosser Kulturerbe-Skandal. Es ist heimtückischer: ein Beispiel dafür, wie Erinnerung verblasst. Zuerst von den Wänden. Dann aus den Archiven.