Jagd auf Covid-Betrüger
Bund zahlt 66 Millionen an Anwaltskanzlei – ohne Ausschreibung

66,7 Millionen Franken zahlte der Bund für die Verfolgung mutmasslicher Covid-Kredit-Betrüger. Das Geld ging an eine einzige Anwaltskanzlei – jetzt gibt es Kritik am Vorgehen des Seco. Warum gab es keine Ausschreibung?
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Die Schweizer Justiz bearbeitet aktuell rund 6000 Strafanzeigen wegen mutmasslichen Betrugs bei den Covid-Notkrediten.
Foto: Keystone

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Covid-Kredite belasten Schweizer Unternehmer
  • Kanzlei Kellerhals Carrard stellte dem Bund 66,7 Millionen Franken in Rechnung
  • 17 Milliarden Franken an 140'000 Unternehmen wurden im März 2020 verteilt
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Anna Clara KohlerRedaktorin Politik

Die Corona-Kredite aus dem Jahr 2020 beschäftigen auch sechs Jahre nach Beginn der Covid-19-Pandemie noch Tausende Schweizer Unternehmer – und in manchen Fällen landen sie auch vor Gericht. Laut Recherchen des Juristenmagazins «Plädoyer» wurden bis Ende 2025 landesweit rund 6000 Strafanzeigen gegen Geschäftsinhaber erstattet, meist wurden sie des Betrugs beschuldigt. Besonders betroffen ist das Gastronomiegewerbe: Fast die Hälfte der Kredite sind hier noch nicht zurückgezahlt worden. 

Was bisher kaum beachtet worden ist: Das Mandat für die juristische Begleitung und die Einreichung sämtlicher Strafanzeigen im Zusammenhang mit Covid-Krediten wurde ohne Ausschreibung an die Kanzlei Kellerhals Carrard vergeben, wie «Plädoyer» zuerst publik machte. RTS berichtete nun über weitere Hintergründe. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) begründet dies damit, dass die beteiligten Bürgschaftsorganisationen als privatrechtliche Institutionen nicht dem öffentlichen Beschaffungsrecht unterstehen.

66,7 Millionen Franken auf Rechnung

Publik wurde auch die Gesamtsumme, die die Kanzlei dem Bund in Rechnung stellte: Bis Ende November 2025 waren es 66,7 Millionen Franken!

Mit der Beauftragung einer einzigen Kanzlei habe man das Augenmerk auf die Gleichbehandlung der Covid-19-Kreditnehmer gelegt und so die Kosten dank der gesammelten Erfahrung reduzieren können, erklärte das Seco gegenüber RTS weiter. Die Kanzlei sei schweizweit und in drei Landessprachen tätig.

Mehr als 50 Prozent des Geldes für Anwaltskosten

SP-Nationalrat Christian Dandrès (44, GE) kritisiert die mangelnde Kontrolle: «Es besteht keine wirkliche und effektive Aufsicht über die Arbeit der Kanzlei.» Das Seco weist dies gegenüber Blick zurück: «Die geleistete Arbeit der Anwaltskanzlei Kellerhals Carrard wird im Rahmen des Covid-19-Solidarbürgschaftsprogramms systematisch und gewissenhaft durch mehrere Instanzen kontrolliert und überwacht.»

Kritik äusserte auf der Plattform Linkedin auch der Genfer MCG-Ständerat Mauro Poggia (66). Und der Gewerbeverein schrieb in einer Stellungnahme: «Obwohl das Seco dieses Vorgehen mit dem Beizug privatrechtlicher Bürgschaftsorganisationen begründet, ist der Einsatz derart hoher öffentlicher Mittel ohne Wettbewerb und bei ungewissem Rückforderungsergebnis zu hinterfragen.»

Nach Beginn des Lockdowns im März 2020 wurden innerhalb weniger Wochen fast 17 Milliarden Franken freigegeben, um rund 140'000 Unternehmen zu unterstützen. Bis heute hat die Eidgenossenschaft rund 13,5 Milliarden Franken zurückerhalten. 

Der Artikel wurde am Freitag, 16. Januar, mit einer weiteren Stellungnahme des Seco zur Aussage von SP-Nationalrat Christian Dandrés ergänzt. In einer ursprünglichen Version des Artikels hiess es fälschlicherweise, dass der Bund 130 Millionen Franken zurückerhalten habe. Dies wurde korrigiert.

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