Iran im Umbruch
Der letzte Jetset-Schah und seine Macht über die Schweiz

Der Sohn des letzten Schahs will im Iran an die Macht. Seine Familie hat einen Draht zur Schweiz. Der Vater empfing in seiner Villa in St. Moritz Staatspräsidenten. Machte Genf zum europäischen Hub seines Geheimdienstes. Die offizielle Schweiz huldigte ihm.
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Die Familie des letzten Schahs, Mohammad Reza Pahlavi, im Jahr 1975: Er verbrachte die Winter mit ihr in St. Moritz.
Foto: James Andanson

Darum gehts

  • Reza Pahlavi, Sohn des letzten Schahs, könnte Irans neuer Führer werden.
  • Die Schweizer Diaspora ist bezüglich ihm gespalten.
  • Die Schweiz war Dreh- und Angelpunkt der Geschäfte des letzten Schahs.
  • In Genf stand die europäische Zentrale des iranischen Geheimdienstes.
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Rebecca WyssRedaktorin SonntagsBlick

Die Familie des letzten Schahs sticht selbst im mondänen Skiort St. Moritz GR heraus. Hipper Nerzkurzmantel, Polarfuchsmütze, Designerskianzüge – wo sie auftaucht, bleiben die Leute mit offenem Mund stehen. Und ist eine Kamera nicht weit. Ständig posiert der Autokrat Mohammad Reza Pahlavi (1919–1980) mit der Familie auf Ski oder in der Pferdekutsche für irgendein Blatt. Perfekt inszeniert. Wie eine Nachwuchs-Skimannschaft sehen die vier Kinder mit ihren identischen Skitenues aus, die Kaiserin mit den farblich abgestimmten Rollkragenpullovern und Hemden wie ihre Trainerin.

Damals, in den 60ern und 70ern, hat man den Buben, der auf den Fotos verschupft neben seinem royalen Vater steht und bloss zum Dekor seiner Eltern gehört, nicht auf dem Zettel. Schon gar nicht, nachdem 1979 die Islamische Revolution Pahlavi vom Thron gestossen hat. Doch nun könnte er eine der Hauptfiguren im nächsten Kapitel des Irans werden: Reza Pahlavi (65), der älteste Sohn des Schahs.

Reza Pahlavi will «ehrlicher Makler des Übergangs» sein

Seit Dezember sind im Iran die grössten Proteste seit Jahrzehnten im Gang. Experten sind sich einig: Noch nie war die Chance auf ein Ende des Mullah-Regimes so intakt. Die Demonstrierenden rufen in den Videos, die nach aussen dringen, nach dem Schah-Sohn. Und er will: Reza Pahlavi, der als 18-Jähriger mit seiner Familie ins Exil floh und seit Jahrzehnten in den USA lebt. Er will der neue Führer sein. Ein «ehrlicher Makler des Übergangs», sagte er dem «Spiegel». Er stehe für Rechtsstaatlichkeit, für die Rechte von Minderheiten. Zur Debatte steht eine konstitutionelle Monarchie.

Die iranische Diaspora in der Schweiz ist gespalten, wie diese Redaktion in Erfahrung bringen konnte. Manche sehen in Reza Pahlavi den Hoffnungsträger, den das Volk so dringend braucht. «Er ist nicht sein Vater», heisst es. Er wolle Demokratie. Andere trauen ihm wegen der Schreckensherrschaft des Schahs nicht. Und weil seine Familie mutmasslich Millionen mit sich genommen hat, als sie geflohen ist.

Die Pahlavi-Dynastie ist zurück auf der politischen Bühne. Und mit ihr ihre historische Verbindung zur Schweiz.

Heute noch leben die Günstlinge des Schahs am Ufer des Genfersees, wie der «Tages-Anzeiger» recherchiert hat. Darunter eine seiner Töchter, sie wohne in Lausanne VD, auch ihre Kinder hielten sich in der Schweiz auf.

Schüler im Elite-Internat Le Rosey

Doch wie kommt das? Welche Bedeutung hat die Schweiz für die persischen Royals gehabt? Und wie war es umgekehrt?

So viel vorab: Der Schah hat eine Vorliebe für die Schweiz gehabt. Und diese hat ihn hofiert. War eine Zeit lang der europäische Hub seines gefürchteten Geheimdienstes gewesen – und Epizentrum eines riesigen Skandals.

Diese Geschichte beginnt in der Westschweiz. Mit Le Rosey in Rolle VD – eine internationale Elite-Schmiede der Schweiz. Wegen seiner vielen adligen Zöglinge auch: das «Prinzen-Waisenhaus».

Der Schah kommt 1931 als Zwölfjähriger in das Internat und bleibt für gut drei Jahre. Er freundet sich mit dem Sohn des dortigen Hauswarts an – Ernest Perron (1908–1961). So schreibt es Historikerin Daniela Meier Mohseni in ihrem Buch «Helvetias guter Draht zum Pfauenthron» – das einzige umfangreiche Werk über die Schweiz-Iran-Beziehungen. Der Prinz nimmt den welschen Buben mit an den iranischen Hof. Als er 1941 als König den Thron besteigt, macht er ihn zu seinem Privatsekretär. Intimus. Und Gerüchten zufolge: Geliebten. Ernest Perron ist homosexuell.

Die Schweiz wird Vorposten des iranischen Regimes

Laut Meier Mohseni besitzt er das Privileg, Zugang zum Schlafzimmer des Herrschers zu haben und dort täglich über eine Stunde mit ihm alleine zu verbringen – «zum grossen Missfallen der beiden ersten Ehefrauen des Schahs».

Perron hat Einfluss. Und durch ihn hat die Schweizer Botschaft einen direkten Draht zum Schah. Bis 1958, da verbannt der Monarch ihn vom Hof – aus unbekannten Gründen.

Doch die Verbindung zur Schweiz bleibt. Und entwickelt sich. Die Schweiz wird zu einem Vorposten des iranischen Regimes.

1968 kauft der Schah die Villa Suvretta in St. Moritz. Mit seiner dritten Ehefrau Farah Diba (87, die ersten Frauen liess er fallen, weil sie ihm keinen männlichen Thronfolger gebaren) und den Kindern verbringt er die Winter dort. Tagsüber fährt das Glamour-Ehepaar Ski, bewegt sich umringt von Bündner Polizisten mit dem öffentlichen Bus im Dorf, und abends schlürft es mit dem Jetset im lokalen King’s Club Champagner. Weltweit fesselt es über Medienberichte ein Millionenpublikum. Auch in der Schweiz überschlägt man sich vor Freude.

Der Schah führte seine Geschäfte von St. Moritz aus

1973 hält die Ölkrise die Welt im Würgegriff, der Schah füllt sich als grosser Ölförderer die Taschen mit Geld. In jener Zeit erscheint in der «Schweizer Illustrierten» («SI») eine ganz und gar unkritische Reportage über die Familie. Kaiserin Farah Diba berichtet der verzückten Journalistin, dass sie ein paar Brocken Mundart spreche, wie: «Macht nüt!» Und vertraut ihr an: «In St. Moritz tanke ich Kraft für das ganze Jahr.» Doch natürlich arbeite sie auch viel! So wie der Schah. Dieser beschwichtigt: «Vom Skifahren halten uns auch Staatsgeschäfte nicht ab.»

Die Staatsgeschäfte – sie sind in St. Moritz allgegenwärtig. Auf den Skipisten vermengt der Monarch ausschweifenden Luxus mit Politik. Sein Markenzeichen.

1971 organisiert er eine gigantische Protzparty, um das 2500 Jahre alte Persische Reich zu feiern. Staatschefs und Royals aus aller Welt sind in die Wüstenzeltstadt in Persepolis geladen – für geschätzt 300 Millionen Dollar. Dafür hat er einen Flugplatz bauen lassen und eine tausend Kilometer lange Autobahn von Teheran nach Persepolis. Für die Bewirtung der Gäste heuert er nichts weniger als Kellner und Köche aus dem Hotel Palace in St. Moritz an. Einer berichtete Blick damals: 50’000 Singvögel habe man aus Europa eingeflogen. «Die waren aber nach drei Tagen alle tot.» Das Wüstenklima.

Nach dem Ölschock gewinnt St. Moritz auch politisch an Bedeutung. Von hier aus führt der Schah im Winter seine Geschäfte. Hier hält er Hof. Schliesst 1974 das lukrative Öllieferabkommen mit Grossbritannien ab, trifft sich mit dem französischen Präsidenten Giscard d’Estaing (1926–2020) oder fliegt kurz nach Zürich zu einem Mittagessen mit US-Aussenminister Henry Kissinger (1923–2023).

Er modernisiert den Iran mit blutiger Hand

Die Mächtigen umgarnen ihn, den Mann, der sich bei seiner Krönung selbst den Titel «König aller Könige» – «Schah-in-Schah» – verliehen hat. Alle wollen sein Öl. Keinen kümmert es, dass er zwar sein Land modernisieren will – das Frauenwahlrecht einführt, die Alphabetisierungsrate erhöht –, doch dies mit blutiger Hand tut. Massenhaft kommen im Iran Oppositionelle in Haft, werden gefoltert oder umgebracht.

Die offizielle Schweiz verliert nie ein kritisches Wort darüber. Im Gegenteil.

Sacha Zala ist Professor für Schweizer Geschichte an der Universität Bern. Er sagt: «Wenn der Schah in die Schweiz kam, versuchte die Regierung, auf Schönwetter zu machen.» Sie trifft sich in Zürich mit ihm. Besonders nach dem Ölschock. Man hat Angst, so Zala, bei einer nächsten Verknappung, leer auszugehen.

Regierung, Polizei, Lokalbehörden – sie sind dem Schah gefällig. Das gipfelt in jener Affäre, die um die Welt geht und Ungeheuerliches ans Licht bringt: die Besetzung des iranischen Generalkonsulats in Genf.

Genf ist die Zentrale des iranischen Geheimdienstes

Am 1. Juni 1976 stürmen junge, oppositionelle Exil-Iraner die Räume und spazieren mit Stapeln von Geheimakten wieder hinaus. Die Justiz, die den Fall untersucht, stellt fest: Das Konsulat ist die europäische Zentrale des gefürchteten persischen Geheimdienstes Savak. Von hier aus überwachen seine Leute Oppositionelle in ganz Europa.

Das ist nicht alles.

Nach dem Coup spielen die jungen Exil-Iraner die gestohlenen Akten internationalen Medien zu. Für die offizielle Schweiz wird es richtig peinlich.

Der «Spiegel» etwa berichtet, dass es 1972 ein Treffen zwischen zwei iranischen Diplomaten und zwei Genfer Behördenvertretern gegeben hat. Die Schweizer bitten darum, so die Aktennotiz, «dass vor der Einreise Seiner Majestät keine neuen Exekutionen im Iran stattfinden». Wegen der Demos. Die Hinrichtungen machten es der Genfer Polizei schwer, diese zu unterdrücken.

Einer der beiden Diplomaten, Ahmad Malek Mahdavi (96), wird noch 1976 des Landes verwiesen – er hat iranische Staatsbürger in der Schweiz ausspioniert.

All das erschüttert die offizielle Schweiz nicht so sehr wie diese eine Frage: Wie steht nun wohl der Schah zu ihr? Das zeigen Dokumente der Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweiz (Dodis). «Offensichtlich ist, dass der iranische Souverän sehr unglücklich ist», schreibt der Schweizer Botschafter in Teheran im September 1976 besorgt an den Bundesrat. Der König der Könige ist hässig. Und importiert weniger Kriegsmaterial aus der Schweiz. Doch nicht für lange. Die Schweiz liegt ihm offenbar zu sehr am Herzen. Was er nicht ahnt: Er ihr nicht.

Nach seinem Sturz 1979 kennt sie keine Gnade. Sie lässt ihn sofort fallen. Sein Asylgesuch hat keine Chance.

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