Darum gehts
- Ignazio Cassis zeigt im Zürcher Kaufleuten seine humorvolle Seite und plaudert aus dem Nähkästchen
- Er lobt Macrons blaue Augen und scherzt über Trump
- Beim EU-Deal aber wird es plötzlich ernst
Die Schweiz sei kein gutes Land für die Aussenpolitik. «Ich kann nicht einmal grossartig in der Welt herumreisen», erklärte FDP-Bundesrat Ignazio Cassis (65) augenzwinkernd. «Ich muss jeden Mittwoch an die Bundesratssitzung.» Das sei ein Nachteil gegenüber anderen Staaten, erklärte er Comedian Michael Elsener (40), dem Gastgeber des Podcasts «Politkuchen».
Aussenminister Cassis zeigte sich am Donnerstagabend im Zürcher Kaufleuten von seiner humorvollen Seite. An Medienkonferenzen dagegen wirke er immer sehr ernst, bemerkte Elsener. «Ich versuche, mich der Kultur der Mehrheit im Land anzupassen», konterte der Tessiner. Der Deutschschweizer scheint nicht den Ruf zu haben, besonders humorvoll zu sein.
«Sonst überleben Sie nicht»
In seinem Team werde aber durchaus immer wieder gelacht. In der Zusammenarbeit mit der Bundesverwaltung brauche es Humor. «Sonst überleben Sie nicht.»
Und Cassis plauderte auch ein wenig aus dem Nähkästchen, schwärmte von den grossen blauen Augen des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron (48). («Er kommt immer etwas zu nahe.») Oder beschrieb das Gefühl, einem mächtigen Mann wie US-Präsident Donald Trump (79) die Hand zu schütteln: «Nach bald neun Jahren im Amt muss ich sagen: Man gewöhnt sich wirklich an alles.»
Und bei jedem Staatsbesuch habe er immer den klinischen Blick, verriet der Mediziner. Wie ist die Haut? Wie ist die Stimme? Wie sieht es mit der Hüfte aus? «So bin ich geschult worden.» Bei einem ersten Treffen sei es wie bei Säugetieren, man mustere sich, checke sich gegenseitig ab. Und ja: «Ich habe auch schon Gesundheitstipps gegeben.»
Wie er spüre, wenn ihn bei Gesprächen jemand über den Tisch zu ziehen versuche, wollte Elsener wissen. «Das ist nicht ‹wenn›, das ist immer der Fall», erklärte Cassis trocken. «Aussenpolitik ist Interessenpolitik. Alles ist ein Machtspiel. Jeden Tag.» Vor Journalisten werde freundlich Theater gespielt. «Sind die Kameras weg, wird es ernst.»
«Es ist eine Entgleisung der Vernunft»
Natürlich wurde Cassis auf den EU-Deal angesprochen. «Haben Sie die 1000 Vertragsseiten wirklich gelesen?» «Ich habe die meisten davon selber geschrieben», so Cassis. «Sie können sich nicht vorstellen, was für eine Arbeit das war.» Stundenlang sei jedes Detail diskutiert worden. Das sei wichtig, gerade wenn es nicht um eine Liebesgeschichte, sondern um eine Vernunftehe gehe. «Sonst wären wir längst Mitglied der EU geworden.»
Wenn er dann aber über den EU-Deal lesen müsse, er bedeute das Ende der Schweiz oder wir müssten das ganze europäische Recht übernehmen, dann frage er sich schon: «Wollen wir noch ehrlich sein? Oder können wir heute einfach ungeniert lügen, weil mir die Realität nicht passt?» Das mache ihm Sorgen, nicht, wenn man dagegen sei. Das sei aber nicht nur beim Thema EU der Fall. «Es ist eine Entgleisung der Vernunft.»
Zu Hause aber könne er gut abschalten, versicherte Cassis. Bei seiner Wahl in den Bundesrat habe er seiner Frau versprochen, zu bleiben, wie er sei. «Und so bin ich auch geblieben.» Zur Entspannung arbeite er oft im Garten. «Also ich helfe meiner Frau, weil sie dort der Chef ist.»
Ganz den Aussenminister scheint Cassis aber auch im Tessin nicht ablegen zu können: «Ich schaue auch zu Hause, dass ich ein gutes Verhältnis mit den Nachbarn habe.»