«Das befeuert Verschwörungstheorien!»
NDB veröffentlicht Dossier von Nazi-Arzt mit Schwärzungen

Wichtige Informationen im Mengele-Dossier bleiben unter Verschluss. Historiker Gérard Wettstein (65) kritisiert das Vorgehen des NDB scharf.
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Josef Mengele (l.) war einer der grausamsten Täter des NS-Regimes.
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Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Das VBS veröffentlichte das Dossier von Josef Mengele online mit Schwärzungen
  • Ungewöhnlich: Dokumente sind öffentlich zugänglich, Schutzfrist endet erst 2071
  • NDB entschied wegen grossem öffentlichen Interesse, Einsichtsgesuche stiegen stark an
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Simone SteinerBundeshausredaktorin

Nach langem Hin und Her ist das Dossier von Josef Mengele (1911–1979) online einsehbar. Die Dokumente geben schon seit längerem zu reden, denn sie könnten Aufschluss über einen möglichen Besuch des Nazi-Arztes in Kloten ZH im Jahr 1961 geben. Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) hielt die Papiere bislang unter Verschluss. Das sorgte international für Kritik.

Für die Einsicht in die Akten wandte sich der Historiker Gérard Wettstein (65) im vergangenen Jahr an das Bundesverwaltungsgericht. Danach sind zahlreiche weitere Gesuche eingegangen. Darum gab der NDB das Dossier am Mittwoch digital frei. Diese Praxis ist unüblich, denn normalerweise erhalten nur Forschende Einsicht in die Originaldokumente.

Im mehr als 200-seitigen Dossier sind Zeitungsartikel und Polizeiakten enthalten. Darin sind Hinweise aus der Bevölkerung zu lesen. Es geht unter anderem um Gelder aus Paraguay und mutmassliche Sichtungen Mengeles in Irland und Argentinien.

Scharfe Kritik wegen Schwärzungen

Das Ganze wirkt auf den ersten Blick wie ein Erfolg für Wettstein. Doch dieser ist mit dem Vorgehen des NDB nicht zufrieden. Denn an vielen Stellen wurden Informationen wie Personennamen geschwärzt. «Das grenzt an Zensur!», sagt der Historiker zu Blick. Mit diesem Vorgehen sei er als Historiker nicht in der Lage, eine Gesamtsicht zu bekommen.

Der mutmassliche Besuch Mengeles in Kloten sei über 60 Jahre her. Es sei unverständlich, dass der NDB die Informationen noch immer nicht freigebe, immerhin gehe es hier um einen zentralen Kriegsverbrecher aus der NS-Zeit. Das führe dazu, dass sich die Leute fragten, was der NDB hier zu verstecken habe. «Das befeuert Verschwörungstheorien und schadet der Reputation der Schweiz!» Der Historiker bezeichnet das Vorgehen des NDB darum als «sehr fragwürdig». 

Das Ausland habe Akten aus dem Zweiten Weltkriegs veröffentlicht und grossmehrheitlich aufgearbeitet. Die Schweiz hinke hinterher. Wettstein hat nun 30 Tage Zeit, Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht einzureichen. Der Historiker überlegt sich, dies zu tun, um Einsicht in die Originalakten zu bekommen.

Schutzfrist endet erst 2071

Das VBS begründet sein Vorgehen wie folgt: Angesichts des ausserordentlich hohen öffentlichen Interesses habe der NDB entschieden, das Dossier auf seiner Webseite zu veröffentlichen. Wo der gesetzliche Quellenschutz greife oder Personendaten Dritter betroffen seien, sei geschwärzt worden.

Bei archivierten Unterlagen des NDB unter Schutzfrist ist der Massstab bislang grundsätzlich zurückhaltend. Dies, weil sie regelmässig Informationen enthalten, die dem Quellenschutz unterliegen. Für das von der Bergier-Kommission ausgewertete Archivgut gilt jedoch eine andere Vorgabe. Der Bundesratsbeschluss vom 7. Dezember 2001 weist die zuständigen Stellen an, den Spielraum des Archivierungsgesetzes auszuschöpfen und eine liberale Einsichtspraxis zu verfolgen.

Das Dossier Josef Mengele hatte der Polizeidienst der Bundesanwaltschaft als Vorgängerorganisation des NDB erstellt. Es untersteht nach Archivrecht einer erweiterten Schutzfrist bis Ende 2071.

Nazi-Arzt wurde nie gefasst

Mengele gilt als einer der grausamsten Täter des NS-Regimes. Nach einem Fronteinsatz als Truppenarzt bei der SS wurde er als Lagerarzt im KZ Auschwitz-Birkenau eingesetzt. Er nahm Selektionen vor, überwachte die Vergasung der Opfer und führte menschenverachtende medizinische Experimente an Häftlingen durch.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs tauchte der Nazi-Arzt unter und wurde international gesucht, jedoch nie gefasst. Er lebte jahrzehntelang unerkannt in Ländern wie Argentinien und Brasilien, geschützt von einem Netzwerk alter Nazis und ohne jemals vor Gericht gestellt zu werden.

1979 ertrank der Deutsche im brasilianischen Badeort Bertioga, als er beim Schwimmen im Meer einen Schlaganfall erlitt. Sechs Jahre später wurden im Zuge einer intensivierten Fahndung seine unter falschem Namen beerdigten Gebeine entdeckt und identifiziert.

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