Darum gehts
- Der NDB öffnet das Dossier des NS-Arztes Josef Mengele unter Auflagen
- Das Dossier war ursprünglich bis 2071 gesperrt, trotz Historiker-Kritik
- Josef Mengele starb 1979 in Brasilien, ohne vor Gericht gestanden zu sein
Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) öffnet ein lange abgeschottetes Kapitel der Schweizer Geschichte: Künftig soll das Dossier über den NS-Arzt Josef Mengele (1911–1979) im Bundesarchiv unter Auflagen zugänglich werden. Das gab der NDB in einer Mitteilung bekannt. Möglich wird dies durch neue Abklärungen in einem laufenden Beschwerdeverfahren – und einen Bundesratsbeschluss von 2001, der für von der sogenannten Bergier-Kommission ausgewertete Akten eine liberalere Einsicht vorsieht. Darauf kommt man nun zurück.
Brisant ist die Kehrtwende auch wegen der Vorgeschichte: Noch vor ein paar Wochen hatte der NDB Einsichtsgesuche abgelehnt und auf Schutzfristen sowie sensible Geheimdienstinformationen verwiesen. Darüber berichtete unter anderem die «NZZ». Das Dossier war bislang faktisch bis 2071 gesperrt – trotz Kritik von Historikern.
Praxis bei Akten wird überprüft
Nun signalisiert der Nachrichtendienst ein Einlenken. Der Zugang soll zwar eingeschränkt bleiben, könnte aber neue Erkenntnisse liefern – etwa zur Frage, welche Rolle die Schweiz im Umfeld des NS-Verbrechers spielte. Gleichzeitig will der NDB seine Praxis bei historischen Akten generell überprüfen.
Josef Mengele hatte während des Dritten Reichs als SS-Arzt im Konzentrationslager Auschwitz Tausende Menschen ermordet. Er selektionierte an der Rampe ankommende Häftlinge für Zwangsarbeit oder den Tod in den Gaskammern und führte grausame, pseudowissenschaftliche Menschenversuche durch. Nach dem Krieg floh er über mehrere Stationen nach Südamerika, wo er jahrzehntelang untertauchte und sich der Strafverfolgung entzog. Er starb 1979 in Brasilien, ohne je vor Gericht gestanden zu haben.