Ein Zuhause auf Zeit
GLP-Präsident Jürg Grossen zieht Blindenhund auf

An der Delegiertenversammlung setzt GLP-Präsident Jürg Grossen auf Klima, Energie und Europa. Daheim stellt zurzeit Haya den Alltag mit seiner Frau Annelies Grossen auf den Kopf. Aber die Hündin muss bald wieder weg: Sie soll einem blinden Menschen helfen.
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Lustiges Herrchen, strenges Frauchen: Der grünliberale Politiker Jürg Grossen und seine Frau Annelies mit Haya.
Foto: Kurt Reichenbach

Darum gehts

  • Jürg und Annelies Grossen ziehen Labrador Haya als künftigen Blindenhund in Frutigen BE auf
  • Mit 18 Monaten verlässt Haya die Grossens und wird weiter ausgebildet
  • Der Verein Blindenhunde Liestal bildet die Tiere aus, rund 25 Personen warten derzeit auf einen
Silvana Degonda
Silvana Degonda
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Eigentlich wollte Jürg Grossen (57) nie einen Hund. «Als Jogger und Velofahrer habe ich schlechte ­Erfahrungen mit bellenden Hunden ­gemacht. Ich hatte eher Angst vor den Tieren.» Dann kam Haya. Ein schwarzer Labrador, kaum 6 Kilo schwer, ein kleines Bündel. Das war vor einem Jahr. Inzwischen wiegt sie 25 Kilo, hat Tischbeine angebissen, Schuhe zerkaut – und Herzen gestohlen. «Zu Hause dreht sich fast alles nur noch um Haya», sagt der Präsident der Grünliberalen und lacht, während der Hund vor ihm mit einem Lama-Plüschtier herumtollt.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Blick+ Nutzer haben exklusiv Zugriff im Rahmen ihres Abonnements. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

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Der Nationalrat und seine Frau ­Annelies Grossen (56) erzählen auf ­ihrer grossen Terrasse in Frutigen BE, wie sie auf den Hund gekommen sind. «Als ich in der Primarschule war, haben Bekannte der Familie einen Hund aufgezogen. Und dann weitergegeben, damit er zum Blindenhund ausgebildet wird», sagt Annelies Grossen. «Diese Idee hat mich nie losgelassen. Ich wollte das auch mal machen.» Doch lange passte ein Hund – wenn auch nur temporär – nicht in das Leben der dreifachen ­Mutter, ehemaligen Gemeinderätin und Allrounderin in Administration und Immobilienverwaltung.

«Vor zwei Jahren, die Kinder waren weitgehend aus dem Haus, fand ich: Jetzt ist der richtige Moment! Ich fragte den Familienrat.» Der grösste Kritiker sass ihr gegenüber. Aber Jürg Grossen liess sich über­zeugen. «Unter der Bedingung, dass meine Frau die Hauptverantwortliche ist. Ich bin nur der Lustige», sagt er. Hayas schwarzes Fell glänzt in der Sonne, die haselnussbraunen Augen leuchten. Ihr Plüschtier hat einige Bisswunden. «Sie ist verspielt, aber auch neugierig und mag Kinder und Tiere.»

Eine Aufgabe mit Folgen

Haya gehört dem Verein «Blindenhunde Liestal». Die Institution bildet Hunde aus mehr als zehn Rassen, darunter auch Mischlinge, für blinde und sehbehinderte Menschen aus. Bei ihnen warten derzeit rund 25 blinde und sehbehinderte Personen auf einen Hund. «Familien wie die Grossens leisten einen enorm wertvollen Beitrag», sagt Geschäftsführer Peter Kaufmann. «Ohne sie wäre die Ausbildung dieser Hunde in der Schweiz gar nicht ­möglich.»

Annelies Grossen besucht mit Haya jede Woche die Welpen- und Hundeschule, fährt einmal im Monat mit ihr zum Training der Blindenhundeschule nach Liestal und sorgt dafür, dass das Gelernte auch sitzt. «Es ist sehr intensiv. Wer so einen Hund aufnimmt, sollte höchstens um die 30 Prozent ­arbeiten.»

Die Labradorhündin muss stubenrein werden, an der Leine gehen und die ersten der rund 30 italienischen Hörzeichen lernen, die zum Repertoire eines Blindenführhundes gehören. «Lampada» etwa bedeutet, dass sie das gelbe Druck-Kästchen bei einem Fussgängerstreifen mit Ampel anzeigen soll. Annelies Grossen erzählt von einem Wochenendseminar mit einer blinden Frau. «Sie sagte, sie sei ohne Hund fünfmal an einer Ampel vorbeigelaufen, weil sie das Kästchen nicht gefunden habe. Ein Hund erleichtert das Leben dieser Menschen enorm.»

Mit rund 18 Monaten wird Haya die Grossens für immer verlassen. Anschliessend wird sie während sechs bis neun Monaten von Instruktoren zum Blindenführhund ausgebildet und kommt dann zu einer blinden oder ­sehbehinderten Person irgendwo in der Schweiz.

Lernen loszulassen

Der Alltag mit Haya ist für die Grossens längst selbstverständlich. Ob im Restaurant, beim Einkaufen oder in den ­Ferien: Haya soll möglichst überallhin mitkommen. «Wenn du am Abend nach Hause kommst, gehst du noch mit dem Hund raus. Oder am Morgen nach dem Aufstehen. Das schafft eine starke Bindung», sagt Jürg Grossen.

Vor einigen Wochen musste Haya beim Tierarzt zum Check antreten. Dabei wurde geprüft, ob sie alle Voraus­setzungen für die weitere Ausbildung erfüllt. Heimlich auf einen negativen Befund zu hoffen, um Haya behalten zu können, ist für Annelies Grossen nicht infrage gekommen. «Wenn wir schon den ganzen Aufwand betreiben, wollen wir es richtig und gut machen. Und hoffen, dass sie weiterdarf.»

Dass der Abschied wehtun wird, weiss auch ihr Mann. «Sie wird eine ­Lücke hinterlassen, ganz klar.» Gerne würden die Grossens erfahren, wie es ihrer Hündin später geht. «Das ist möglich, wenn die blinde Person, die sie ­bekommt, ebenfalls einverstanden ist.»

Haya hat nicht nur von den Grossens gelernt, sondern ihnen auch einiges beigebracht. «Früher hatte ich Respekt vor Hunden, manchmal sogar Angst», sagt Jürg Grossen. «Jetzt verstehe ich die Tiere viel besser, kann sie gut einschätzen. Dadurch habe ich einen völlig anderen Zugang zu Hunden bekommen. Dafür bin ich dankbar.» Vielleicht wird Haya nicht der letzte Patenhund sein, den die Grossens aufnehmen. «Wir sind wirklich überzeugt, dass das eine gute Sache ist. Und die macht uns viel Freude», sagt der GLP-Präsident. «Nur nächstes Jahr eher nicht. Da sind ja Wahlen.»

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