Darum gehts
- Die Autobahn A412 Machilly–Thonon bereitet Genf Sorgen
- Der induzierte Verkehr könnte die Verkehrsströme um etwa 20 Prozent erhöhen
- Wirkungsstudie von Amedea sieht zu den Stosszeiten 500 zusätzliche Fahrten vor
Genf kann den Verkehr auf seinen Strassen nicht mehr ertragen. Im September stimmte die Bevölkerung deshalb unter anderem dafür, Park-and-Ride-Anlagen in Frankreich mitzufinanzieren. Grenzgänger sollen ihr Auto künftig dort abstellen, statt damit die Strassen des Kantons zu verstopfen. Doch nun droht ein Autobahnprojekt, einen Teil dieser Entlastung wieder zunichtezumachen.
Die A412 soll zwischen Machilly und Thonon den Verkehr in der französischen Grenzregion Chablais eigentlich entlasten. Kritiker befürchten jedoch, dass die neue Strasse Tausende zusätzliche Autos nach Genf locken könnte.
Die A412 ist ein Autobahnprojekt, das Machilly mit Thonon-les-Bains verbinden soll. Sie ist ein Dauerbrenner der Mobilitätspolitik in Haute-Savoie; die ersten Gespräche reichen bis in die Mitte der 1990er-Jahre zurück. Das Projekt stiess auf viel Widerstand, der sich seit Beginn der Bauarbeiten am 1. September letzten Jahres verschärft hat. Grund dafür ist dieser 16,5 Kilometer lange Abschnitt, der bis 2029 eröffnet werden soll und eine massive Abholzung erfordert.
Seit Beginn der Bauarbeiten führen Umweltaktivisten zahlreiche Aktionen durch, um den Konzessionär Amedea, eine Tochtergesellschaft des französischen Konzerns Eiffage, daran zu hindern, die Arbeiten fortzusetzen. In der Umgebung dieser Megabaustelle kommt es zu heftigen Protesten; ein Genfer Umweltschützer behauptet sogar, von der französischen Polizei «an der Kehle gepackt» worden zu sein.
Die A412 ist ein Autobahnprojekt, das Machilly mit Thonon-les-Bains verbinden soll. Sie ist ein Dauerbrenner der Mobilitätspolitik in Haute-Savoie; die ersten Gespräche reichen bis in die Mitte der 1990er-Jahre zurück. Das Projekt stiess auf viel Widerstand, der sich seit Beginn der Bauarbeiten am 1. September letzten Jahres verschärft hat. Grund dafür ist dieser 16,5 Kilometer lange Abschnitt, der bis 2029 eröffnet werden soll und eine massive Abholzung erfordert.
Seit Beginn der Bauarbeiten führen Umweltaktivisten zahlreiche Aktionen durch, um den Konzessionär Amedea, eine Tochtergesellschaft des französischen Konzerns Eiffage, daran zu hindern, die Arbeiten fortzusetzen. In der Umgebung dieser Megabaustelle kommt es zu heftigen Protesten; ein Genfer Umweltschützer behauptet sogar, von der französischen Polizei «an der Kehle gepackt» worden zu sein.
500 zusätzliche Fahrten während der Stosszeit
Einer von ihnen ist Sébastien Munafò, Direktor des Genfer Forschungsbüros 6t. Er schätzt, dass der Verkehr zwischen Frankreich und Genf auf dieser Achse um rund 20 Prozent zunimmt.
Auch die Wirkungsstudie der Konzessionärin Amedea bestätigt diesen Trend. Die wichtigsten Ziele der Autofahrer seien die Schweiz und die Agglomeration Annemasse. Allein zu den Stosszeiten soll die A412 rund 500 zusätzliche Fahrten auslösen. Auf der Nationalstrasse Richtung Genf und Annemasse erwartet Amedea je nach Abschnitt 18 bis 44 Prozent mehr Verkehr. Die Strassen entlang des Sees, etwa über Anières und Veigy, sollen dagegen entlastet werden.
Mehr Verkehr an den kleinen Genfer Zollstellen
Besonders die kleinen Grenzübergänge im Genfer Umland dürften stärker belastet werden. Amedea rechnet dort mit fast 3400 zusätzlichen Fahrzeugen. Ein erheblicher Teil des Verkehrs würde damit auf schmale Landstrassen ausweichen, die für solche Mengen kaum ausgelegt sind.
Davor warnen die Stadt Genf und mehrere Gemeinden am linken Seeufer. Sie zogen deshalb vor das Verwaltungsberufungsgericht in Lyon. Dieses wies ihren Rekurs am Donnerstag, 29. Oktober, ab. Für die Gegner ist es die zweite juristische Niederlage innert einer Woche. Bereits am Dienstag hatte die Justiz den Antrag der Staatsanwaltschaft Annecy abgelehnt, die Bauarbeiten zu stoppen. Immerhin: Amedea muss Massnahmen zum Schutz der Umwelt umsetzen.
Die Nutzerinnen und Nutzer passen sich dem Angebot an
Doch laut Munafò blenden die Verkehrsprognosen einen entscheidenden Faktor aus: den induzierten Verkehr. Gemeint sind Fahrten, die erst entstehen, weil ein neues Verkehrsangebot sie ermöglicht.
Die Projektverantwortlichen gingen fälschlicherweise davon aus, dass eine neue Autobahn den Verkehr nur umverteile. «Man zählt 20'000 Autos und nimmt an, dass auf einer anderen Achse nur noch 10'000 fahren, wenn eine neue Strasse 10'000 davon aufnimmt», erklärt Munafò. Doch Menschen passten ihr Verhalten dem Angebot an. «Mit einem besseren Angebot können aus 20'000 Autos ganz einfach 30'000 werden.»
Das liegt auch daran, dass Menschen ihre Wohn- und Arbeitsorte nach der Reisezeit wählen. Im Grossraum Genf kommen jährlich rund 13'000 Einwohner hinzu. Für sie spielt es eine Rolle, ob sie mit dem Auto 20 oder mit dem Zug 15 Minuten zur Arbeit brauchen.
Zudem verbringen Menschen im Schnitt etwa eine Stunde täglich unterwegs. Wer schneller fährt, spart deshalb nicht unbedingt Zeit, sondern legt weitere Strecken zurück. So ziehen Menschen etwa weiter weg von Genf und wohnen dafür im Haus mit Garten.
Welche Auswirkungen auf den Léman Express?
Die A412 könnte auch dem Léman Express schaden. Dieser verbindet den Grossraum Genf mit der französischen Grenzregion. Das Chablais sei «einer der wenigen Korridore, in denen eine deutliche Verlagerung auf andere Verkehrsmittel gelungen ist», sagt Munafò. Dazu beigetragen hätten der Léman Express und die Tramlinie nach Annemasse. Besonders bemerkenswert sei dieser Erfolg angesichts des starken Bevölkerungswachstums in der Region.
Doch das Gleichgewicht ist fragil. Zu den Stosszeiten sind die Züge bereits überlastet. Gleichzeitig verspricht die Autobahn Autofahrern eine Zeitersparnis von rund 20 Minuten. Das könnte den Zug weniger attraktiv machen.
Auch der Zeitplan spielt eine Rolle: Die A412 soll 2029 eröffnet werden, die neuen Doppelstockzüge für den Léman Express kommen frühestens 2032. Munafò erwartet deshalb keine massenhafte Rückkehr zum Auto. Er warnt vielmehr davor, «diese Dynamik zu brechen» und die Autoabhängigkeit in Regionen wieder zu verstärken, die sich gerade davon lösen.