Der Entscheid des Ständerats hat der UBS-Führung schwer auf den Magen geschlagen. Seit diesem Mittwoch ist klar: Die Politik will die Grossbank deutlich stärker zur Kasse bitten. Für Interviews stehen die obersten Chefs derzeit nicht zur Verfügung. Für CEO Sergio Ermotti (66) bedeutet das Verdikt einen schmerzhaften Dämpfer in seiner steilen Karriere.
Vor drei Jahren kam der Tessiner zur UBS zurück, um die kollabierte Credit Suisse in die UBS zu integrieren. Mittlerweile sind die entscheidenden Etappen geschafft. Die Kunden sind migriert, die beiden Schweizer Einheiten zusammengeführt. Die alten CS-Systeme werden schrittweise stillgelegt. Die UBS will die Integration bis Ende 2026 weitgehend abschliessen. Nun kann die Bank die Früchte in Form von Synergien in Milliardenhöhe ernten.
Alles, was sie selbst steuern können, haben Konzernchef Ermotti und Verwaltungsratspräsident Colm Kelleher (69) weitgehend im Griff. Wenn da nur die Politik nicht wäre!
«This train has left the station»
Sie spielt nicht mit. Sie macht Gesetze und erlässt Regularien, die der Führung nicht passen. Vehement haben sich Ermotti und Kelleher gegen eine Verschärfung der Eigenkapitalregeln gewehrt. Vergebens. Die Schweiz habe nun halt entschieden, «dass die UBS nicht willkommen ist», soll Kelleher im trauten Kreis nüchtern festgestellt haben.
Zwar bleibt noch der Nationalrat – doch gilt dieser als noch finanzplatzkritischer, weshalb die Chancen auf eine Korrektur als klein gelten. «This train has left the station», heisst es an der Bahnhofstrasse.
Der Ständerat hat am Mittwoch mit 29 zu 16 Stimmen dem Antrag von Peter Hegglin (65) zugestimmt. Danach muss die UBS ihre ausländischen Beteiligungen künftig zu 90 Prozent mit hartem Kernkapital, sogenanntem CET1, unterlegen. Damit soll das Risiko einer erneuten staatlichen Rettung im Krisenfall möglichst klein gehalten werden.
Nie mehr Staatsrettung
Dass die Politik mitredet, ist systembedingt. Banken bewegen sich nur zum Teil in der freien Wirtschaftswelt. Sie sind hochreguliert – systemrelevante Banken sowieso. Denn wenn eine solche Bank kollabiert, können die Folgen für die gesamte Volkswirtschaft gravierend sein.
Die nun beschlossene Lösung ist zwar nicht ganz so extrem wie die 100 Prozent, die der Bundesrat um Finanzministerin Karin Keller-Sutter (62) gefordert hatte. Für die UBS ist sie dennoch einschneidend. Die Bank hatte sich für eine 50:50-Lösung starkgemacht: 50 Prozent CET1, für die übrigen 50 Prozent sollten günstigere AT1-Anleihen zulässig sein. Noch am Dienstag sagte Ermotti, die 90-Prozent-Variante sei faktisch kein Kompromiss. Auch Kelleher hatte vor den Folgen für die Zukunft der UBS in der Schweiz gewarnt.
Am Mittwoch bekräftigte die UBS, sie werde die neuen Vorgaben im weiteren parlamentarischen Verfahren bekämpfen. Sollten sie in dieser Form umgesetzt werden, müsste die UBS nach eigenen Angaben rund 16 Milliarden Dollar zusätzliches CET1-Kapital halten. Dazu kommen weitere rund zwei Milliarden Dollar aufgrund bereits beschlossener Änderungen auf Verordnungsstufe.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Was macht die UBS nun?
Anfragen von acht Banken
Vielleicht kommt alles anders. Wie bestens informierte Insider gegenüber Blick berichten, haben mehrere ausländische Grossbanken gegenüber der UBS Interesse an einem möglichen Zusammenschluss signalisiert.
Gemäss einer gut informierten Quelle sind es mindestens acht global tätige Geldinstitute, die gegenüber der UBS-Spitze Offenheit für Gespräche signalisiert haben. Bereits werden auf Finanzportalen Namen genannt. Dazu gehören Morgan Stanley, die Deutsche Bank oder die britische Standard Chartered.
Dass ein solcher Gedanke nicht mehr völlig abwegig ist, zeigt auch ein aktueller Bericht des US-Mediums Semafor. Demnach hat die UBS-Führung Gespräche über Möglichkeiten wieder aufgenommen, sich der Schweizer Regulierung zu entziehen – unter anderem durch eine Kombination mit einem ausländischen Konkurrenten.
Morgan Stanley und die UBS würden zusammenpassen
Am Freitag reagierte auch die UBS-Aktie: Sie legte an der Schweizer Börse um rund 3,5 Prozent zu. Marktteilnehmer verwiesen auf die Fusionsspekulationen.
Das Wealth Management der UBS gilt als Tafelsilber des Schweizer Finanzplatzes. Für US-Giganten wäre das Geschäft entsprechend attraktiv. Besonders Morgan Stanley ist stark im Vermögensverwaltungsgeschäft positioniert. Die beiden Institute würden geografisch durchaus zusammenpassen: Morgan Stanley ist vor allem in den USA stark, die UBS weltweit, insbesondere in Asien und natürlich in der Schweiz.
Eine Fusion würde zudem die Frage nach dem Sitz der neuen Bank aufwerfen. Genau darin liegt der politische Sprengstoff: Ein Zusammenschluss könnte der UBS theoretisch einen Weg aus dem Schweizer Regulierungsregime eröffnen.
UBS: «No comment»
Fusionsgerüchte sind nicht neu. Seit Monaten wird insbesondere das Szenario Morgan Stanley herumgereicht. Die US-Bank ist an der Börse deutlich höher bewertet als die UBS. Ein Zusammenschluss wäre deshalb zumindest auf dem Papier nicht ausgeschlossen.
Ein Zusammengehen mit der Deutschen Bank oder Standard Chartered würde unter anderen Vorzeichen stattfinden. Beide Banken sind an der Börse weniger wert als die UBS. In einem solchen Szenario könnte die UBS versuchen, ihre globale Aufstellung mit einem neuen Konzernsitz ausserhalb der Schweiz zu verbinden. Ob und wie sich dadurch tatsächlich regulatorische Vorteile erzielen liessen, wäre allerdings Gegenstand komplexer Verhandlungen.
Auf Anfrage teilt ein Sprecher der UBS mit: «Wir kommentieren keine Spekulationen oder Meinungsäusserungen zu diesem Thema.»
«Regulatorische Arbitrage»
UBS-nahe Quellen sprechen von «regulatorischer Arbitrage», die ein solcher Zusammenschluss bringen könnte. Die Überlegung dahinter: Die höheren Eigenkapitalvorschriften drücken auf die Bewertung der UBS. Dieses Potenzial liesse sich durch eine Verlagerung des Konzerns ins Ausland möglicherweise zumindest teilweise abschöpfen.
Eine Quelle rechnet es so vor: Die UBS verfügt per Ende Juni über rund 72,5 Milliarden Dollar CET1-Kapital. Die Börsenkapitalisierung lag damals bei rund 162 Milliarden Dollar.
Wenn man dieses Verhältnis zugrunde legt, entspricht ein Dollar CET1-Kapital rund 2,2 Dollar Börsenwert. Mit dem neuen 90-Prozent-Vorschlag müsste die UBS gemäss eigener Rechnung zusätzlich rund 16 Milliarden Dollar CET1-Kapital halten. Rein rechnerisch entspräche das bei gleichbleibender Bewertung einem theoretischen Börsenwert von rund 35 Milliarden Dollar.
Das zeigt die Grössenordnung des Potenzials, das UBS-nahe Kreise in einer regulatorischen Entlastung sehen: Kapital, das heute gebunden wäre, könnte ein Käufer unter einem anderen regulatorischen Regime möglicherweise effizienter einsetzen.
Was werden Kelleher und Ermotti tun?
Die grosse Frage ist nun, wie Kelleher und Ermotti auf die neue Realität reagieren werden. Sie könnten die ausländischen Tochtergesellschaften verkleinern oder verkaufen – darunter das grosse US-Geschäft im Wealth Management und Teile des Investment Banking. Allerdings dürfte das kaum zur bisherigen globalen Wachstumsstrategie der UBS passen. Ermotti hat wiederholt betont, dass ein Rückzug aus internationalen Märkten keine Option sei.
Eine andere Möglichkeit wäre ein Zusammenschluss mit einem ausländischen Institut. Genau dieses Szenario wird nun offenbar wieder ernsthafter diskutiert.
In der Branche gehen die Einschätzungen allerdings weit auseinander. Eine UBS unter US-Flagge, na und?, lautet der Tenor auf der einen Seite. Andere malen deutlich schwärzer: Ein ausländischer Mehrheitsaktionär könnte sich auf das lukrative Wealth Management konzentrieren und andere Bereiche vernachlässigen – das Retailgeschäft, das Corporate Banking und den Hypothekenmarkt. Kurzum: jene Bereiche, die für den Standort Schweiz – für KMU ebenso wie für die Bevölkerung – essenziell sind.
«Der Schweizer Kapitalmarkt könnte praktisch kollabieren», sagt ein mit der Materie Vertrauter, «und die Nationalbank müsste einspringen.» Dazu kommen bei einer Verlagerung ins Ausland die wegfallenden Milliarden an Steuern sowie Sponsoring für Sport und Kultur. Das Worst-Case-Szenario des Insiders: «Die Schweiz wird zu Österreich mutieren, was Banking betrifft.»
Wie würden die reichen Kunden reagieren?
Solche Möglichkeiten sind allerdings umstritten. Auch nach einem allfälligen Zusammenschluss wäre die Schweiz nicht von einem Tag auf den anderen ohne Grossbank. Entscheidend wäre vielmehr, welche Schweizer Geschäfte eine neue Gruppe weiterführen müsste, wo diese angesiedelt wären und welchem Regime sie unterstünden.
Die andere grosse Frage ist, ob eine Transaktion mit einer ausländischen Bank mittelfristig tatsächlich Mehrwert schaffen würde. Das eigentliche Kerngeschäft der UBS ist die Vermögensverwaltung für sehr reiche Familien. Ob diese Milliardäre es einfach hinnehmen würden, wenn ihre Vermögen plötzlich unter die Obhut einer amerikanischen oder anderen ausländischen Bank kämen?
Deshalb ist bei diesen Planspielen auch Skepsis angebracht.
Noch ist nichts entschieden. Sicher ist nur: Mit dem Entscheid des Ständerats ist aus einer bisher theoretischen Frage eine strategische Option geworden, über die sich die UBS ernsthaft Gedanken machen muss.