«Lieber August ...», schrieb der Ex-NDB-Chef dem verhafteten BND-Boss
Die Swiss Connection im Spionageskandal

Der ehemalige deutsche Geheimdienstchef wird der Spionage bezichtigt. Eine Spurensuche führt nach Luzern zum Schweizer Ex-Geheimdienstchef Hans Wegmüller – und gewährt Einblick in eine öffentlichkeitsscheue Schattenwelt.
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Polizisten haben diese Woche August Hanning verhaftet.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Ex-BND-Chef Hanning soll illegal 2000 Geheimakten beschafft haben
  • Der ehemalige Schweizer Chef des Auslandgeheimdiensts sass mit ihm im Luzerner Pluteos-VR
  • Ein weiterer Schweizer mit Russland-Connection ist ebenfalls in die Firma involviert

Hans Wegmüller (81) hat sich seine Pensionierung wohl anders vorgestellt. Die Vorhänge an seinem Haus im noblen Berner Vorort sind zugezogen. In den Zeitungen überschlagen sich die Schlagzeilen.

Als Blick ihn am Mittwoch besuchen will, öffnet seine Frau. Auf Telefonanrufe hatte er nicht reagiert. Ist ihr Mann zu sprechen? «Nein.» Ist er im Ausland? «Nein.» Wo dann? «Er äussert sich nicht zum Fall», sagt sie.

Ex-Chef-Spion sitzt in U-Haft

Wegmüller geriet diese Woche in den Strudel der Spionageaffäre um August Hanning (80). Am Dienstag verhafteten Bundeskriminalbeamte den ehemaligen Präsidenten des Bundesnachrichtendiensts (BND) an seinem Wohnort in Nordrhein-Westfalen. Der einstige deutsche Chef-Spion sitzt seither in Untersuchungshaft. Der Generalbundesanwalt wirft ihm unter anderem versuchten Landesverrat und Spionage vor.

Von 2010 bis 2022 soll sich Hanning wertvolle und streng geheime Erkenntnisse des BND beschafft haben, obwohl er längst ausser Dienst war – annähernd 2000 Dokumente. Anschliessend soll Hanning diese Akten «gewinnbringend» im Rahmen seiner privaten Beratertätigkeit verwertet haben. Laut Medienberichten stand Hanning in Kontakt mit Geheimdienstmitarbeitern aus Aserbaidschan und China.

Der Ex-BND-Chef hat sich zu den Vorwürfen bisher nicht geäussert. Sein Anwalt liess ausrichten, Hanning sei zwar im Besitz vertraulicher Unterlagen gewesen, habe diese aber nicht zum Nachteil Deutschlands weitergegeben. «Mein Mandant wird zu Unrecht verfolgt.» Es gilt die Unschuldsvermutung.

Doch was hat Wegmüller damit zu tun?

Eine verschollene Firma

Nach seiner Pensionierung übernahm Hanning mehrere Verwaltungsratsposten in der Schweiz: 2016 bei der Sicherheitsfirma System 360 AG, 2018 bei der Beraterfirma Pluteos AG. Beide mit Sitz am Vierwaldstättersee.

Pluteos liegt unweit des Bahnhofs Luzern, zwischen Restaurants, Hotels und einer Dönerbude – zumindest laut Handelsregister. Vor Ort fehlt von der Firma jede Spur. Nicht einmal ein Klingelschild gibt es. Anwohner berichten, im vierten Stock des Gebäudes habe Pluteos einst Büros unterhalten. Heute steht dort nur der Name einer anderen Firma. Die Glastür ist mit Sichtschutz verdeckt.

Handelsregisterakten, die Blick vorliegen, zeigen: Hanning holte auch seinen früheren Kollegen aus dem Schweizer Geheimdienst an Bord: Hans Wegmüller. Der Berner Ex-Spion sass ebenfalls seit 2018 im Verwaltungsrat der Pluteos AG.

«Lieber August ...»

Ende 2021 trat Wegmüller jedoch wieder aus dem Verwaltungsrat zurück. «Aus gesundheitlichen Gründen», heisst es in seinem Rücktrittsschreiben vom 27. Oktober 2021. Lange habe er gehofft, das Mandat wieder ausüben zu können. Nach einer kürzlich überstandenen Operation scheine das definitiv nicht mehr möglich. «Ich bedaure dies sehr.» Zum Schluss bedankt sich Wegmüller für «die angenehme Zeit» und hofft «trotz allem auf ein baldiges Wiedersehen».

Wegmüller duzt den spionageverdächtigen Ex-BND-Chef. Mit «Lieber August» beginnt das Demissionsschreiben. Die beiden dürften einander nahegestanden sein. Um die 2000er-Jahre leiteten sie zeitgleich den jeweiligen Auslandsnachrichtendienst. Danach wechselten beide als Berater in die Privatwirtschaft.

Obwohl Wegmüller nicht mehr im Verwaltungsrat von Pluteos sitzt, findet sich sein Profil noch auf der Firmenwebsite. Dort steht, er berate Pluteos zu «internationaler Corporate Intelligence und Due-Diligence-Untersuchungen» sowie zu «persönlicher als auch geschäftlicher Risikobewertung». Wie viel er dabei verdient hat, ist nicht bekannt.

Bei einer früheren Tätigkeit bekam er ein Honorar von gut 130’000 Franken, wie die CH-Media-Zeitungen publik machten. Wegmüller hatte von 2012 bis 2015 ein Mandat für den damaligen Bundesanwalt Michael Lauber (60). Er unterstützte ihn in staatspolitischen, sicherheitsstrategischen und verwaltungstechnischen Fragen.

Im Dienst der Privatwirtschaft

Warum Wegmüller als privater Berater gefragt war, beantwortete er selbst in einem Interview bei SRF kurz vor seinem Rücktritt 2008. «Ich kenne diesen Dienst in- und auswendig», sagte Wegmüller, der fast 30 Jahre für den Schweizer Nachrichtendienst arbeitete. Er kündigte gar an, «vielleicht noch die eine oder andere Instanz zu unterstützen». «Gewisse Bereiche am Rand vom Nachrichtendienst» würden ihn weiter beschäftigen.

Gegründet wurde Pluteos ein paar Monate vor Eintritt der beiden ehemaligen Geheimdienstchefs Hanning und Wegmüller im Januar 2018 – von zwei Männern mit Verbindungen nach Russland: Samuel Danilowitsch, einem Deutschen, der in London lebt, und dem Schweizer Wolfgang Maute, einem Steuerexperten aus dem Thurgau.

Danilowitsch reiste im Mai 2019 gemeinsam mit Hanning nach Moskau. Dort diskutierten sie laut «Schwäbischer Zeitung» an einem Forum über Energiegeschäfte und wirtschaftliche Zusammenarbeit – trotz damals bereits verhängter Sanktionen. Danilowitsch soll über langjährige Verbindungen in das internationale Rohstoffgeschäft verfügen.

«Ein exotisches Mandat»

Der Schweizer Steuerexperte Maute wiederum war einst Bezirksrichter in Frauenfeld und FDP-Mitglied. Der «Thurgauer Zeitung» verriet er 2009, dass er das Stradivari-Ensemble in Kreuzlingen berate, das auch in Moskau Konzerte spielte. Finanziert wurde es von einem russischen Oligarchen. Es sei keiner, den man hier kenne, sagte Maute damals der Zeitung und fügte an: «Ich muss zugeben, das ist auch für mich ein etwas exotisches Mandat.»

Auf der Firmenwebsite von Pluteos präsentiert er sich als Hauptberater für Kunden «in Fragen forensischer Finanzuntersuchungen und Nachverfolgung von Assets». Einige Angaben sind allerdings, vorsichtig ausgedrückt, veraltet. So behauptet er, er sei «zurzeit» Dozent für internationales Steuerrecht an der Universität Zürich. Tatsächlich leitete er dort nur ein einziges Mal ein Modul, im Lehrgang 2017/18, wie die Universität auf Anfrage bekannt gibt. «Und seitdem nicht mehr.»

Maute reagierte nicht auf eine Anfrage von Blick.

Dabei scheint er eine wichtige Funktion in den Firmen des beschuldigten Ex-BND-Chefs Hanning gespielt zu haben. So sitzt er auch für die Tochterfirma von Pluteos, der System 360 AG, im Verwaltungsrat. Auch sie hat ihren Sitz in Luzern, nur ein paar Gehminuten entfernt.

Hausdurchsuchung in Luzern

Dort sind Mitarbeiter vor Ort, aber niemand will sich äussern. Auf eine Mailanfrage schreibt Geschäftsführerin Anne Mehle: «Unser Unternehmen hat mit den Vorgängen, die Herrn Dr. Hanning in diesem Verfahren vorgeworfen werden, nichts zu tun.» Dementsprechend gebe es auch keine Ermittlungsmassnahmen gegen System 360.

Dennoch durchsuchten am 16. September 2025 Polizisten die Büros von Pluteos und System 360 in Luzern. Die Kantonspolizei Luzern bestätigt den Einsatz auf Anfrage. Die Schweizer Behörden handelten im Auftrag der deutschen Strafverfolger. Die zuständige Hamburger Staatsanwältin schreibt, die Ermittler hätten Datenträger, Mobiltelefone, Laptops und schriftliche Unterlagen «zur Durchsicht» mitgenommen. Festnahmen und Verhaftungen habe es keine gegeben.

Eine Kindesentführung?

Die Razzia in der Schweiz war Teil einer grösseren Polizeiaktion, bei der es auch Zugriffe in Deutschland gab, unter anderem am Wohnsitz von Hanning. Die Hamburger Staatsanwaltschaft vermutete damals, Hanning und die Firma System 360 seien in die Planung einer mutmasslichen Kindesentführung involviert gewesen.

Dieser Verdacht hat sich bis heute nicht erhärtet. Stattdessen stiessen die Ermittler beim Auswerten der beschlagnahmten Akten und Datenträger auf die mutmasslich illegal beschafften Geheimdokumente des BND. So kam es zur Festnahme Hannings diese Woche wegen Spionageverdachts.

Sowohl Hanning als auch Wegmüller waren einst Top-Geheimdienstagenten. Und wenn hochdekorierte Nachrichtendienstler als Berater in die Privatwirtschaft wechseln, stellen sich grundlegende Fragen: Wie lässt sich verhindern, dass vertrauliche Informationen abfliessen und potenziell die Sicherheit des Landes gefährden?

Bis ans Lebensende

In der Schweiz kennen Geheimnisse kein Ablaufdatum. Ehemalige Mitarbeiter des Nachrichtendiensts (NDB) müssen vertrauliche Informationen bis ans Lebensende wahren. «Die Verletzung bleibt auch nach dem Austritt strafbar», schreibt der NDB auf Anfrage. Für ehemalige Direktoren gelten keine Sonderregeln.

Und der NDB räumt ein: Eine Meldepflicht für private Mandate gebe es nicht. Anders in Deutschland: Beamte müssen dort private Tätigkeiten bis fünf Jahre nach Dienstende melden, wenn sie mit ihren früheren dienstlichen Aufgaben zusammenhängen. Wegen des Falls Hanning diskutiert Berlin nun sogar über eine Verschärfung der Vorschriften.

Beim Schweizer Nachrichtendienst scheint man hingegen zufrieden mit dem Status quo. Auf Anfrage heisst es, der NDB verfüge über «Sicherheitsmassnahmen zum Schutz seiner Informationen» und schule seine Mitarbeitenden regelmässig. Wie diese Massnahmen konkret aussehen, führt der Nachrichtendienst nicht aus.

Ein lukratives Geschäft

Weniger zufrieden mit dem NDB zeigt sich hingegen dessen Aufsicht. Zuletzt nahm sie im September 2025 die Spionageabwehr unter die Lupe. Der Prüfbericht liegt SonntagsBlick vor. Darin steht: Der NDB treffe bei aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern «nur wenige Massnahmen spezifisch zur Verringerung des Spionagerisikos». Wenn ein Spionageverdacht auftauche, könne der NDB bei der Untersuchung «noch wachsamer» sein. Selbst bei Mitarbeitenden mit Risikohinweisen «fällt es dem NDB schwer, eine strenge Linie zu verfolgen».

Sein inhaftierter Ex-Kollege August Hanning wird dagegen noch immer als Verwaltungsratspräsident bei der Pluteos AG geführt. Die Geschäfte liefen offenbar gut. Deren Tochterfirma System 360 AG wies 2025 einen Gewinn von gut 2,1 Millionen Euro aus. In derselben Höhe schüttete die Firma Dividenden an ihre Aktionäre aus. Wer davon profitierte, ist unklar. In der Schweiz müssen sie nicht offengelegt werden. Wohl auch deswegen verlegte die deutsche Firma ihren Sitz nach Luzern.

Der ehemalige Schweizer Chef-Spion Hans Wegmüller zieht es vor zu schweigen. Bislang geriet er auch nicht ins Visier der Schweizer Behörden. Sie sei nicht mit ihm «befasst», schreibt die zuständige Bundesanwaltschaft auf Anfrage. Oder, wie es Wegmüllers Frau ausdrückt: Ihr Mann habe «nichts mit dem Fall zu tun».

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