Machtfaktor Fahrplan – Riesen-Ansturm der Kritiker!
Was Schweizer hier machen, ist in anderen Ländern unvorstellbar

Bürgerinnen und Bürger können den Fahrplan verändern. Auch wenn es oft nur um ein paar Minuten oder Kilometer geht: Hier wird klar, wie weit die Mitsprache in der Schweiz reicht. Immer mehr nutzen diese Möglichkeit, zeigen jetzt Zahlen des Bundes.
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Mitreden erwünscht: In der Schweiz können Bürgerinnen und Bürger beeinflussen, wann Busse und Züge fahren.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

  • In der Schweiz können Bürgerinnen und Bürger den Fahrplan mitgestalten
  • Einzelne Vorschläge führen etwa dazu, dass Busse länger fahren oder Anschlüsse verbessert werden
  • Für den Fahrplan 2027 gingen 3068 Stellungnahmen ein – eine deutliche Zunahme
Sven Altermatt, Ringier
Sven AltermattCo-Ressortleiter Politik

Die Schweiz ist stolz auf ihre direkte Demokratie. Auf Mitsprache und Mitwirkung. Darauf, dass jede und jeder etwas bewegen kann. Das tönt schnell etwas hochgestochen. Doch manchmal zeigt sich die Macht des Einzelnen bei ganz alltäglichen Dingen. Zum Beispiel an einem Postauto.

Ein aufmerksamer Bürger studierte den Entwurf für den Fahrplan in der Nordwestschweiz – sehr genau. Er prüfte Ankünfte und Abfahrten, rechnete Anschlüsse durch und stellte fest: Würden einige der Postauto-Spezialkurse von Laufen BL zum Kloster Mariastein SO bis nach Flüh SO verlängert, könnte dort der Anschluss an die Basler Tramlinie 10 gut aufgehen.

Postauto-Kurse werden angepasst

Also schickte er einen Vorschlag an die zuständigen Behörden, minutengenaue Berechnung inklusive. Sein Argument: Mit der Verlängerung könnten Reisende aus dem Raum Basel die Gottesdienste am bekannten Pilgerort einfacher mit dem ÖV erreichen.

Die Anregung wurde geprüft. Die Verlängerung sei machbar, bestätigte Postauto. Schliesslich befand der Kanton Solothurn: «Der Vorschlag wird umgesetzt.»

Nur eine schöne Anekdote? Sie führt mitten hinein in eine Schweizer Besonderheit: Im sogenannten Fahrplanverfahren kann jede und jeder den Entwurf des neuen Fahrplans kommentieren und Verbesserungen anregen. Die kantonalen Behörden publizieren die Entwürfe, rufen zum Mitmachen auf, werten die Stellungnahmen aus und legen sie den zuständigen ÖV-Betrieben vor.

Und manchmal reicht tatsächlich die Eingabe eines Einzelnen, damit ein Postauto weiterfährt.

Damit Busse und Bahn anders fahren

Es gibt weitere aktuelle Fälle. In der Stadt Luzern etwa kritisierte eine Privatperson, dass ein früher Bus den wichtigen Anschluss an einen Interregio-Zug knapp verpasst. Sie schlug vor, den Bus um ein bis zwei Minuten vorzuverlegen. Mit Erfolg: Die Änderung wird mit dem Fahrplan 2027 umgesetzt.

Erwähnenswert ist auch diese Geschichte aus dem Kanton Schwyz: Eine Gruppe von Skifahrern möchte morgens früher auf den Stoos. Das Problem: Der Bus um 7.45 Uhr ab Brunnen fährt nur bis Morschach Dorf, nicht bis zur Luftseilbahn. Die Gruppe regte an, den Kurs zu verlängern. Eine gute Idee: Ab Fahrplan 2027 fährt der Bus bis zur Talstation.

Eingegriffen wurde ebenso bei einem Regionalzug im Jurabogen. Er sollte laut Entwurf um 6.25 Uhr in Gänsbrunnen SO eintreffen – zu knapp für den Anschlussbus. Eine lokale Organisation analysierte die Fahrzeiten und verlangte eine Korrektur. Resultat: Die Abfahrtszeit des Busses wurde um eine Minute verschoben. Anschluss gerettet!

Es sind Änderungen von wenigen Minuten und Kilometern. Doch im Kleinen zeigt sich, wie weit die Schweizer Mitsprache reicht: Manchmal genügt ein einziges Schreiben, und Bus oder Bahn fahren anders.

Die Mitsprache boomt

Die Schweizerinnen und Schweizer nutzen diese Möglichkeit rege. Zuständig auf nationaler Ebene ist das Bundesamt für Verkehr (BAV). Seit einigen Jahren betreibt es eine neue Onlineplattform für das Fahrplanverfahren. Das Instrument wird «rege genutzt», wie das BAV gegenüber Blick offenlegt: Gingen für den Fahrplan 2024 insgesamt 1696 Stellungnahmen ein, waren es für den Fahrplan 2027 bereits deren 3068. Eingereicht wurden sie von Privaten ebenso wie von Organisationen und Gemeinden.

In wie vielen Fällen damit tatsächlich etwas erreicht wird, lässt sich allerdings nicht beziffern. «Dem BAV liegen keine schweizweiten Statistiken dazu vor, wie viele Anpassungen direkt auf Eingaben aus dem Fahrplanverfahren zurückzuführen sind», sagt Sprecher Michael Müller.

Stichproben in einigen Kantonen zeigen: Grob geschätzt dürfte jede zehnte Eingabe etwas auslösen. So oder so misst das BAV der Beteiligung der Bevölkerung einen «hohen Stellenwert» bei. Die Rückmeldungen lieferten «wertvolle Hinweise auf mögliche Optimierungen», erklärt Sprecher Müller.

Grenzen gibt es dennoch: Das Verfahren eignet sich laut BAV vor allem für kleinere Verbesserungen bei Anschlüssen oder Abfahrtszeiten. Grundlegende Änderungen liegen kaum drin, schon gar nicht mit Blick aufs Geld. Man müsse «die verfügbaren öffentlichen Mittel gezielt und möglichst wirksam einsetzen». Und die Mitsprache ist begrenzt: Wer nicht durchdringt, kann den Entscheid nicht anfechten.

Im Ausland ist man verblüfft

Das altbewährte Fahrplanverfahren wird auch im Ausland beachtet. So staunte das deutsche Fachblatt «Signal» einst über die demokratische Schweizer Lösung. Sein Fazit: «Ein Vorbild auch für andere Länder und Verbünde?» Jedenfalls gibt es in deutschen Bundesländern inzwischen gewisse ähnliche Möglichkeiten zur Mitsprache.

Für 2027 ist das Verfahren abgeschlossen. Nun laufen die letzten Vorbereitungen für den neuen Fahrplan. Am 13. Dezember 2026 tritt er schweizweit in Kraft – inklusive Justierungen, die ohne aufmerksame Bürgerinnen und Bürger womöglich nie zustande gekommen wären.

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