Nach dem Angriff der USA und Israels gegen das iranische Mullahregime hat sich Ignazio Cassis (64) «zutiefst besorgt» gezeigt. «Zutiefst besorgt» war der Aussenminister letztes Jahr über die Situation in Gaza. 2024 war er «zutiefst besorgt» über die russischen Angriffe gegen die Ukraine, 2023 «zutiefst besorgt» wegen der Eskalation in Bergkarabach.
Wer könnte sie nicht nachvollziehen, Ignazio Cassis’ tiefe Sorge angesichts des Weltenlaufs. Vielleicht ist die mit Hundeblick und gefalteten Händen zur Schau gestellte Ohnmacht gegenüber all den Kriegen und Konflikten auf dem Globus die einzig angemessene Haltung für einen Kleinstaat wie die Schweiz.
Das Gespenst eines «Irak 2.0» geht um
In der früheren bipolaren Ordnung konnte sich die Alpenrepublik komfortabel als neutrale Briefträgerin zwischen den Blöcken einrichten. Diese Weltordnung wurde von ruchlosen Autokraten vom Schlage eines Putin über den Haufen geworfen; US-Präsident Donald Trump (79) hat das Primat des Völkerrechts mit seinen Interventionen nun endgültig zu Grabe getragen. Sinnbildlich dafür steht sein Manöver, seine Frau Melania eine Sitzung des Uno-Sicherheitsrats leiten zu lassen. Der Auftritt der First Lady mit dem schlechten Englisch wirkte bizarr. Dieses Gremium hat vielleicht nichts Besseres verdient.
Mit seiner Forderung einer «bedingungslosen Kapitulation» an das iranische Schlächterregime, die er am Freitag formuliert hatte, könnte der Commander-in-Chief Amerika im schlechtesten Fall in einen länger dauernden Konflikt hineinziehen. Das Gespenst eines «Irak 2.0» geht um; ein Chaos, aus dem die USA nicht mehr herauskommen, und die Bilder von Särgen mit Stars-and-Stripes-Fahnen wären für Trump ein innenpolitisches Fiasko, eine Hochrisikostrategie, bei der er das gesamte Vermächtnis seiner Präsidentschaft aufs Spiel setzt.
Kränkung, die bis zur Geiselkrise 1979 zurückreicht
Doch ist der Narzisst im Weissen Haus getrieben von den Kränkungen durch die Ayatollahs, die ihn erklärtermassen töten wollen, von seiner Kritik an der Appeasement-Haltung Barack Obamas und vom amerikanischen Trauma der US-iranischen Geiselkrise 1979. Die inszenierte Segnung im Oval Office mit einer Gruppe evangelikaler Pastoren letzte Woche soll den MAGA-Anhängern die Wichtigkeit der ganzen Aktion zeigen.
Die jetzige Eskalation im Iran ist, bei aller Trauer um jedes einzelne zivile Opfer, ein Geschichtsdeterminismus, eine historische Zwangsläufigkeit. Wenn eine Regierung 47 Jahre lang «Death to America» skandiert und Israels Vernichtung zur Staatsräson erhebt, wird die Katastrophe unausweichlich. Mit den amerikanischen und israelischen Bomben löst sich auf drastische Art und Weise eine tektonische Spannung. Trump ist nur der Auslöser, nicht die Ursache dieses Krieges.
Vergleich mit dem Ende der Sowjetunion
Sein Kriegsziel formuliert Trump fast täglich um; Israels Premier Benjamin Netanyahu (76) drängt auf einen Regimewechsel, eine endgültige Vernichtung der Theokratie und der Bedrohung des Judenstaats. Bei der Frage, was danach im Iran geschehen soll, wird Tycoon Trump ungewohnt schmallippig.
Der Ausgang der Eskalation ist noch völlig offen, doch steht bereits heute fest, wie tiefgreifend die Auswirkungen sind: Im Nahen Osten verschieben sich die Koordinaten durch die Schwächung der schiitischen Diktatur nachhaltig. Die Golfstaaten werden eine eigene Sicherheitspolitik entwickeln müssen. In Asien wird der Ölschock die Dekarbonisierung hin zu einer postfossilen Wirtschaft beschleunigen. Die autoritäre Achse wird geschwächt. Der Autor David Suissa vergleicht die Ereignisse im Iran im «Jewish Journal» bereits mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1990. Das dürfte zumindest für den Orient zutreffen.
Schweiz hält an Schutzmachtmandat fest
Am Rande des Sturms steht die Schweiz mit ihrem tief besorgten Aussenminister. Was soll Helvetien anderes als in Deckung bleiben und seine Guten Dienste anbieten? Im Vorfeld der bundesrätlichen Medienkonferenz am Freitag erwog der Bund dem Vernehmen nach auch einen Auftritt des EDA-Vorstehers zum Iran. Davon kam man wieder ab mangels Inhalten, die die Landesregierung zu bieten hat. Hinter den Kulissen ist man trotz des Bombenhagels und Gefechtsstaubs stolz auf das Schutzmachtmandat in Teheran.
Forderungen aus dem Parlament wie von Mitte-Ständerat Gerhard Pfister (63), dieses abzugeben, werden in diplomatischen Kreisen zurückgewiesen: Die Amerikaner hätten der Schweiz dieses Mandat verliehen, es sei auch an ihnen, es wieder zu beenden. Derweil harrt die Schweizer Vertretung in Teheran im Keller der weiteren Entwicklung und trinkt Tee. Evakuationspläne wären vorhanden. Die Schweiz ist gut beraten, in dieser geopolitischen Neumischung der Karten in Deckung zu bleiben. Und im Zweifel «zutiefst besorgt» zu sein.