Bundespräsident Parmelin
«Schweiz plant nationalen Trauertag»

Bundespräsident Guy Parmelin dankt den Einsatzkräften nach der Katastrophe in Crans-Montana. Seine Gedanken sind bei den Opfern, den Angehörigen und Familien: «Die Solidarität berührt mich».
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Zusammen mit dem Walliser Staatsratspräsident Mathias Reynard (l.) sah sich Guy Parmelin den Unglücksort an.
Foto: keystone-sda.ch
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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Herr Bundespräsident, Ihr Präsidialjahr beginnt mit einem tragischen Ereignis. Wo waren Sie, als Sie davon erfahren haben? Was war Ihre erste Reaktion?
Es war ein grosser Schock! Meine Gedanken sind seither bei den vielen Opfern, deren Familien, Angehörigen und Freunden. Aber auch bei den zahlreichen Rettungskräften. Es tut extrem weh, an all die Menschen zu denken, die das neue Jahr feiern wollten und dann plötzlich in diese Katastrophe gerieten. Nachdem ich kurz nach 7 Uhr in unserer Ferienwohnung in den Waadtländer Bergen alarmiert worden war, war mir schnell das Ausmass der Tragödie klar. Ich habe umgehend den Walliser Staatsrat Stéphane Ganzer angerufen und mit dem Walliser Regierungspräsidenten Mathias Reynard Kontakt gehabt. Nach diesen Gesprächen habe ich sofort meine Bundesratskolleginnen und -kollegen informiert.

Familien warten auf den Bescheid, ob ihre Tochter oder ihr Sohn noch lebt. Was kann die Landesregierung tun, ausser Trost zu spenden?
Der Bund koordiniert Hilfeleistungen aller Art, sei das bei der Organisation der forensischen Dienste, die sich um die Identifizierung der Opfer kümmern, oder bei der Verlegung von Schwerstverletzten ins Ausland. Es ist mir klar, dass die Ungewissheit für Angehörige etwas extrem Schwieriges ist. Ich versichere Ihnen, die zuständigen Behörden tun wirklich alles Erdenkliche, um alle Opfer so rasch wie möglich zu identifizieren.

Wer sind Ihre Helden in dieser Tragödie?
Die zahlreichen Rettungskräfte und die Polizei vor Ort. Vor allem aber auch die vielen Miliz-Feuerwehrleute, die für diese äusserst schrecklichen und schwierigen Rettungsarbeiten ihr Leben riskiert haben. Oder all die Ärzte und das Pflegepersonal in den Spitälern, die sich seit Tagen ununterbrochen um die vielen Schwerstverletzten kümmern. Ich denke auch an die Forensiker, die die schwierige Aufgabe haben, die vielen Verstorbenen zu identifizieren. Ich bin zutiefst beeindruckt.

Die Schweiz kennt keine Tradition der Staatstrauer. Aber die Menschen brauchen etwas, was die Emotionen greifbar macht. Was plant der Bund?
In meiner Zuständigkeit als Bundespräsident habe ich rasch verfügt, dass die Fahnen auf den Gebäuden des Bundes und auf allen Schweizer Botschaften auf der ganzen Welt für fünf Tage auf halbmast gesetzt werden. Als Zeichen der Anteilnahme und der Solidarität gegenüber den Opfern, Angehörigen und betroffenen Familien und Freunden. Die Kantone und viele private Institutionen haben diese Trauerbeflaggung übernommen. Am 9. Januar plant der Bund zusammen mit den Schweizer Kirchen einen nationalen Trauertag. Als ein weiteres Zeichen der nationalen Verbundenheit läuten um 14 Uhr – zu Beginn der Trauerfeier in Crans-Montana – alle Kirchenglocken in der Schweiz. Zudem ist für diesen Zeitpunkt eine Schweigeminute vorgesehen. In diesem Moment der Einkehr können alle Menschen in der Schweiz persönlich der Opfer der Katastrophe gedenken.

In Krisenzeiten zeigt die Nation Solidarität. Rufe nach rascher Hilfe für die Opfer werden laut. Wie wird der Bund helfen?
Die grosse Solidarität berührt mich. Sie ist sehr wichtig. Gemäss Opferhilfegesetz haben Opfer und Angehörige einer Straftat grundsätzlich Anspruch auf Unterstützung durch die Opferhilfe. Soforthilfe direkt im Anschluss an ein grosses Unglück wie jetzt in Crans-Montana wird auch dann geleistet, wenn noch nicht klar ist, ob eine Straftat ursächlich ist oder nicht. Auf Anfrage der Kantone, die gemäss Gesetz zuständig sind, koordiniert das Bundesamt für Justiz subsidiär bei ausserordentlichen Ereignissen die Tätigkeiten der involvierten Opferberatungsstellen und weiterer kantonaler Behörden. Das Bundesamt für Justiz steht diesbezüglich mit dem Kanton Wallis und der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren in Kontakt.

Zahlreiche Länder haben ihre Hilfe angeboten, darunter unsere Nachbarn Frankreich, Italien und Deutschland. Wie wichtig ist dieses Zeichen der Partnerschaft?
Das ist sehr wichtig. Ich habe Solidaritätsbekundungen aus sehr vielen Ländern erhalten. Es gibt viele Staats- und Regierungschefs, die sich gemeldet und Hilfe angeboten haben. Vor allem unsere Nachbarländer haben sich mit uns in Verbindung gesetzt, um uns ihre konkrete Unterstützung anzubieten, etwa durch medizinische Spezialisten. Die Verletzten sind grösstenteils schwer verbrannt und leiden an Lungenproblemen. Das muss direkt mit den medizinisch-rechtlichen und klinischen Einrichtungen koordiniert werden. Denn die Priorität liegt darauf, so viele Leben wie möglich zu retten und Leiden zu lindern. Es ist weiterhin ein Wettlauf gegen die Zeit. Auf diplomatischer Ebene möchten wir die Einreise von Familienangehörigen erleichtern, damit sie einen Angehörigen im Krankenhaus besuchen können und damit auch die Leichen der Verstorbenen identifiziert und abgeholt werden können. Das Ziel ist, so rasch und effizient wie möglich zu unterstützen. Deshalb wurde auch das Krisenmanagementzentrum des EDA sofort aktiv.

Die Schweiz gilt als eines der sichersten Länder. Diese Katastrophe erschüttert alle Gewissheiten. Welche Botschaft haben Sie an all jene, die jetzt das Vertrauen in die Schweiz verlieren?
Diese Katastrophe betrifft sehr viele Menschen – junge Menschen, Familien. Viele haben Angehörige, Freunde oder Bekannte verloren, andere haben ihre Söhne oder Töchter im Spital. Wir müssen nun genau klären, wie das passiert ist, wie es dazu kommen konnte. Wir müssen nun gemeinsam mit den kantonalen und kommunalen Behörden schauen, dass wir Massnahmen ergreifen können, damit sich eine solche Katastrophe nicht wiederholt. Es ist die Aufgabe der Justiz, festzustellen, ob alle Sicherheitsmassnahmen eingehalten wurden. Das sind wir den Betroffenen schuldig. Wir müssen alles klären, und zwar so rasch und gründlich wie möglich.

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