Crans-Montana war bisher ein Synonym für goldene Tage. Achtmal Gold, viermal Silber und zweimal Bronze gewannen die Schweizer Skifahrer mit den Galionsfiguren Pirmin Zurbriggen und Vreni Schneider bei der WM 1987.
Doch jetzt ist nichts mehr, wie es war. Im Bewusstsein um die kolossale Tragödie in der Silvesternacht erschaudern wir in diesen Tagen, wenn wir den Namen Crans-Montana hören. Das Leid, das entstanden ist, übersteigt jegliches Vorstellungsvermögen.
Viele, die der Hölle lebend entrinnen konnten, taten dies schwer verletzt. Jemand, der weiss, welches Martyrium diesen Brandopfern bevorsteht und wie diese eingebrannte Tragödie das Leben eines Menschen komplett auf den Kopf stellt, ist Philipp Bosshard.
Bei einem Arbeitsunfall 2014 im Kanton Aargau verbrennt 88 Prozent seiner Haut. Er steigt in einen Schacht für Schweissarbeiten. Und ist dann 12 Sekunden in einer Feuerhölle.
Er liegt dreizehn Stunden auf dem Operationstisch im Zürcher Universitätsspital. Und muss die ersten von bisher 65 Operationen über sich ergehen lassen. Sein totes Gewebe wird entfernt. Ihm wird in einem ersten überlebensnotwendigen Eingriff Haut von Organspendern verpflanzt.
Bossard ist dem Tod quälend lange näher als dem Leben. Er wird für zwei Monate in ein künstliches Koma versetzt. Dann folgen 12 Monate auf der Intensivstation, zwei Monate auf der normalen Station und dann 12 Monate in einer Rehabilitationsklinik.
In Lausanne wird aus einer Biopsie von Bosshard neue Haut gezüchtet. «Die Haut wächst an, wird abgestossen, wächst an, wird wieder abgestossen. Es gibt Infektionen, Blutvergiftungen. Du bist vollgepumpt mit Antibiotika. Der schlimmste Feind sind die Bakterien», schildert er in einer eindrücklichen Reportage im «Magazin». Ein Verbandswechsel ist nur mit Vollnarkose möglich.
«Die Haut ist das grösste Organ, das der Mensch hat. Aber auch die inneren Organe sind betroffen», sagt Bosshard.
Ein Spiegel ist während Monaten keiner im Zimmer. Man hat Angst, dass ein solcher dem Patienten die letzten Lebensgeister nehmen könnte. Er muss alles neu lernen. Sitzen, laufen, essen.
Bossard ist in seinem ersten Leben ein begeisterter Snowboarder und Biker. Der Sport spielt auch auf seinem Weg in ein neues Leben eine tragende Rolle. «Am Anfang ging es darum, überhaupt wieder in Bewegung zu kommen. Das Narbengewebe zieht sich in der Nacht so zusammen, dass ich am Morgen erst mein Dehnprogramm machen muss. Ich muss in Bewegung bleiben. Das tut meinem Körper und meinem Kopf gut», sagt Bosshard zu Blick.
Dank des Sports geht der heute 38-Jährige aus dem Haus, verlässt seine Komfortzone, ist unter Menschen. «Viele Brandopfer nehmen aufgrund ihres Aussehens nicht mehr am Leben teil», sagt er. Und ergänzt: «Mein Unfall ist mir ins Gesicht geschrieben».
Bossard wird Triathlet. Er läuft in Zürich im letzten Frühling auch seinen ersten Marathon. Schwitzen kann seine neue Haut nicht. Ab 25 Grad braucht er eine Kühlweste. Grosse Einschränkungen, Schmerzen, auch immer wieder operative Eingriffe begleiten sein Leben während Jahren.
Aber er ist ein Kämpfer, hält Vorträge für Brandopfer. Es lohnt sich aufzustehen und weiter zu kämpfen, ist seine Botschaft. Zehn Jahre hat es gedauert, bis bei Philipp Bosshard die Wundheilung abgeschlossen ist. «Ich habe mich mit dem neuen Körper und allen Einschränkungen abgefunden. Mit meinen Talks und Vorträgen möchte ich Mut machen, ungewöhnliche Herausforderungen anzunehmen und an ihnen zu wachsen», sagt er.
Am Neujahrsmorgen hat er, wie viele andere auch, auf sein Handy geschaut. In einem ersten Reflex hat er sein Telefon ausgeschaltet, weil ihm das Ganze so nahegegangen ist. «Weil ich genau weiss, was auf diese Leute zukommt.» Aber er weiss genauso, dass seine Geschichte vielen jungen Menschen auch Hoffnung geben kann.
Auf der Intensivstation hat sich Philipp Bosshard einst geschworen, dass das Schicksal sein Leben nicht bestimmen darf. «Dieser Schwur gibt mir auch in schwierigen Momenten Kraft und Mut. Die Rolle als Athlet war für mich der Schlüssel für ein erfülltes Leben.»