Darum gehts
Am Hang unterhalb des Bundeshauses befindet sich ein Ort, an dem Staatsgeheimnisse der etwas anderen Art gehütet werden. Vier Frauen stehen vor hochgefahrenen Tischen, ein Messer in der einen, eine Blume in der anderen Hand, am Boden breitet sich ein grüner Teppich aus abgeschnittenen Stielen aus. «Wo sind die Sonnenblumen für das Vorzimmer von Rösti?», will Floristin Antoinette Zahler (37) wissen. Derweil legt sich Denise Ritter (47) die Blumen für die Bundesratssträusse zurecht: Celosien, Rosen, Eustoma, Eukalyptus, Margeriten.
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Jeden Montag erhalten die Mitglieder der Landesregierung frische Blumen aufs Pult. «Für alle ist es der gleiche Strauss, ausser an Geburtstagen. Natürlich kennen wir ihre Vorlieben. Verraten tun wir sie aber nicht», sagt die gebürtige Aargauerin, die früher in der Hotellerie arbeitete.
Willkommen in der Bundesgärtnerei! Vor 166 Jahren stellte die Landesregierung den ersten Gärtner ein, der sich um die Grünflächen rund um das Bundeshaus kümmern sollte. Heute sorgt ein elfköpfiges Team aus Landschafts- und Zierpflanzengärtnern sowie Floristinnen für die Dekoration des Politbetriebs und für die Pflege von 23 bundeseigenen Grünflächen.
Kurz nachdem das erste Marzilibähnli frühmorgens von der Bundeshausterrasse runterfährt, treffen sich die Floristinnen im Hauptquartier, um zusammen an die Blumenbörse in Kerzers FR zu fahren. «Früher gab es noch nicht so viele Anlässe – somit hatten wir etwas mehr Zeit für die Planung», sagt Karin Mosimann (58). Seit 24 Jahren arbeitet die Bernerin für die Bundesgärtnerei. «Das Highlight sind für mich nach wie vor die Staatsempfänge», sagt die Floristin. Zwei sind es pro Jahr, zuletzt hat Bundespräsident Guy Parmelin im Mai den polnischen Ministerpräsidenten Karol Nawrocki begrüsst.
«Wenn der ‹Bernerhof› für das Galadinner abgeriegelt ist, aber das Sicherheitspersonal uns Floristinnen selbstverständlich reinlässt, fühle ich mich schon besonders», sagt Mosimann. Gleichzeitig seien sie sich der grossen Verantwortung bewusst. «Ich habe vor Staatsempfängen oft schlaflose Nächte. Ich frage mich: Haben wir genug Blumen? Welken sie nicht zu schnell?»
Blumen als Teil der Diplomatie
Im Schnitt fertigt das Floristenteam der Bundesgärtnerei für die Treffen auf höchster Ebene 125 Gestecke an – von grossen Bouquets bis zu kleinen Blumenväschen. Entscheidend dabei: Sie müssen das florale Werk farblich exakt auf die Farben der Nationalflagge des Gastlandes abstimmen. «Darum hängt in unserer Werkstatt so prominent eine Karte aller Landesflaggen», sagt die Gstaaderin Antoinette Zahler. Vor der Auslieferung prüft das sogenannte Protokoll des Aussendepartements die blumige Dekoration.
Während das Team bei der rot-weissen Flagge Polens aus vielen Blumensorten auswählen konnte, stellen sie die Flaggen anderer Länder vor Herausforderungen. «Blau ist je nach Saison schwierig. Bei schwarz müssen wir etwas bschiesse mit Vasen in der entsprechenden Farbe», erklärt Mosimann
Palmenskandal im Bundeshaus
Eine steile Treppe führt von der Werkstatt der Floristinnen zum Büro von Heidi Franke (57). Die Gartenbauingenieurin leitet die Bundesgärtnerei seit vier Jahren. «So nah am Politbetrieb zu arbeiten, ist total spannend. Und wir haben einen wunderschönen Arbeitsort.» Wohl auch darum würden sich immer mal wieder Touristen mit einem Selfie-Stick in die Bundesgärtnerei verirren, erzählt Franke, während sie den Weg Richtung Gewächshaus läuft. Unter dessen Glasscheiben, welche wegen hinabgeworfener Bierflaschen von der Bundesterrasse immer mal wieder ausgewechselt werden müssen, ist es angenehm warm. «Auch im Winter sind es 18 Grad», sagt Ernst Andres (55). Frankes Stellvertreter ist gerade dabei, die Palmen und Farne im Gewächshaus zu giessen. Die pflegeleichten Pflanzen schmücken Anlässe als Dekoration, etwa neben dem Rednerpult.
2015 sorgten Palmen im Bundeshaus allerdings für einen kleinen Politskandal. Bei der Neugestaltung der Wandelhalle stellte die Gärtnerei sechs Palmen auf. Das Problem: Obwohl sie Pflanzen aus dem Tessin bestellt hatte, wurden solche aus Florida geliefert. Der Protest war so gross, dass die Tropenpflanzen nur eine Woche später wieder abtransportiert wurden. Heute schmücken Kentia-Palmen aus Süditalien die Halle: Diese wurden ohne zusätzliche Heizung kultiviert. «Heute ist Nachhaltigkeit selbstverständlich. Auch die Blumen verwenden wir mehrmals und lagern sie im Kühlraum», sagt Franke.
Inzwischen sind die Floristinnen mit dem Lieferwagen auf dem Weg ins Béatrice-von-Wattenwyl-Haus, das zehn Gehminuten vom Bundeshaus in der Berner Altstadt liegt. Im Stadtpalais, das seit 1934 der Eidgenossenschaft gehört, findet ein Treffen von Bundespräsident Guy Parmelin mit einem ausländischen Minister und dessen Entourage statt. Mit wem, dürfen die Floristinnen nicht preisgeben. «Diskretion ist das A und O in unserem Job», sagt Franke.
Da es sich nicht um einen Staatsempfang handelt, liefert auch die rosa-violette Farbe der Blumen keinen Hinweis. Behutsam tragen Denise Ritter und Karin Mosimann die Tischgestecke aus Stadicen, Rosen, Brombeeren und Eukalyptus in den Grand Salon und platzieren sie unter den wachsamen Augen der Ahnenporträts der Berner Patrizierfamilien in die Mitte der grossen Tafel. «Tischgestecke sollten unterhalb der Sichthöhe bleiben und nicht stark duften», erklärt Ritter. Jasmin, Freesien und Lilien kommen deswegen kaum zum Einsatz. Auch auf Allergien wie Heuschnupfen würde man achten. «Gräser lassen wir dann weg. Nicht, dass eine Bundesrätin die ganze Zeit niesen muss», sagt Ritter.
Die Wertschätzung für die Arbeit der Bundesgärtnerei ist gross. Bundespräsident Guy Parmelin fotografiert seit acht Jahren jede Woche das Blumenarrangement im Bundesratszimmer. «Für uns das höchste Lob.» Die Anerkennung entschädige für die Momente, die aufgrund der Kurzlebigkeit der Politik aufreibend sind.
«Wenn sich etwa ein Staatschef für einen Friedensgipfel ankündigt, wir in einer Extraschicht die ganze Deko vorbereiten, und er dann kurzfristig absagt», sagt Franke, ohne Namen zu nennen. Dafür lüftet Parmelin persönlich in der «Tagesschau» das Geheimnis, wen er im Von-Wattenwyl-Haus getroffen hat: Es war der chinesische Handelsminister. Bei der Unterzeichnung des erneuerten Freihandelsabkommens prominent im Bild: das Gesteck der Bundesgärtnerei.