Darum gehts
- Seit Corona gibt es in er Schweiz täglich 10 Aggressionen gegen Zugbegleiter
- Strafbefehle wegen Gewalt und Drohungen im Februar: 17 Fälle
- Einsatz von Bodycams senkte Tätlichkeiten laut SBB nachweislich um 11 Prozent
Seit Corona warnen die SBB regelmässig: Immer mehr Leuten brennen im ÖV die Sicherungen durch. Insgesamt zehn verbale oder körperliche Aggressionen würden die Schweizer Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter pro Tag erleben, so das Bahnunternehmen. Daran scheint sich auch zu Jahresbeginn wenig zu ändern. Allein zwischen dem 25. Januar und 25. Februar verhängte die Bundesanwaltschaft (BA) 17 Strafbefehle wegen Gewalt, Drohungen oder Beleidigungen gegen Verkehrspersonal.
Die Zugattacken machen mehr als die Hälfte der Strafbefehle aus, die derzeit bei der Bundesanwaltschaft öffentlich aufliegen. Ein Ausreisser ist das keineswegs: Die Anzahl Anzeigen infolge von Angriffen auf Zugpersonal stiegen laut den Justizbehörden im vergangenen Jahr um ein Drittel. Jetzt wollen auch Bund und Parlament handeln.
Schläge mit der PET-Flasche
Die ÖV-Übertretungen sind bei weitem nicht alle gleich schlimm. Die Strafen, die die Bundesanwaltschaft im vergangenen Monat verhängt hat, zeigen ein breites Spektrum: von kruden Beleidigungen bei der Ticketkontrolle über Rassismus und schwulenfeindliche Äusserungen bis zu Schubsern und Schlägen – etwa auch mit Hilfsmitteln wie PET-Flaschen oder Bierdosen. Auffallend: Gemäss der BA nehmen die Fälle besonders in der Romandie zu. Eine Erklärung dafür liefert sie nicht.
Zumeist fehlte den Verurteilten ein gültiges Billett. Es gibt aber auch Ausnahmen: Ein Passagier widersetzte sich der Kontrolle nur, weil er auf seinem Handy gerade «am Schach spielen» sei. Den Zugbegleiter bezeichnete er stattdessen lieber als «Arschloch». Erst nach mehrfachen Aufforderungen präsentierte der Mann sein Ticket dann doch noch – auch wenn erst auf dem Perron des Zielbahnhofs.
Weniger Fälle, aber heftigere
Auf Anfrage teilen die SBB mit, dass die Anzahl Fälle an den Bahnhöfen und in den Zügen in den vergangenen Jahren stabil geblieben sei. Sprecherin Carmen Hefti merkt jedoch an: Im Einzelfall gehe es mittlerweile durchaus gröber zu. Ob das der Grund für die höhere Anzahl Ahndungen durch die Bundesanwaltschaft ist, erläutert Hefti aber nicht.
Die gestiegene Intensität sei aber kein reines ÖV-Problem, sondern ein gesellschaftliches, mahnt die SBB-Sprecherin. Wie Umfragen zeigen würden, liege das Sicherheitsempfinden an den Bahnhöfen eigentlich gar höher als im übrigen öffentlichen Raum.
Dennoch investiert die ÖV-Betreiberin in die Prävention: In den vergangenen Jahren wurde für Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter etwa eine Doppelbesetzung auf bestimmten Zügen und nach 22 Uhr eingeführt. Auch eine verstärkte Sicherheitspräsenz, bessere Schulungen und Bodycams für die Transportpolizei sollen die Situation entspannen.
Gewerkschaften hoffen auf Politik
«Das Tragen von Bodycams bei der Transportpolizei führte nachweislich zu einem Rückgang der Tätlichkeiten um 11 Prozent», sagt Mediensprecherin Hefti. «Zudem zeigen Rückmeldungen, dass die Zweierbegleitung das Sicherheitsempfinden unseres Zugpersonals stärkt.»
Nur: Bei den Gewerkschaften ist man davon noch nicht restlos überzeugt. «Unsere Mitglieder melden, dass die Situation weiterhin prekär ist», teilt Michael Spahr, Kommunikationschef der ÖV-Gewerkschaft SEV, mit.
Der SEV will zum einen eine konsequente Doppelbegleitung im Fernverkehr, zum anderen zusätzliches Personal bei der Transportpolizei. «Von den Behörden und der Politik fordern wir, dass nicht auf Kosten der Sicherheit gespart wird», so Spahr.
Im Parlament geht es vorwärts
Da pflichten auch die SBB bei: Für zusätzliche Massnahmen bräuchte es eine Abgeltung durch Bund und Kantone, schreibt das Unternehmen. «Zudem ist die zeitnahe Schaffung rechtlicher Grundlagen, insbesondere für den Einsatz von Bodycams durch Kundenbegleitende, zentral.»
Zumindest aus Bundesbern kommen günstige Signale: Vergangenen Dezember nahm der Nationalrat einen Vorstoss von SVP-Nationalrat Piero Marchesi (44, TI) an. Der Parlamentarier fordert vom Bundesrat, die Sicherheit im ÖV anhand von konkreten Massnahmen national zu koordinieren. Bei der Landesregierung rennt Marchesi damit offene Türen ein.
Diese Woche wird voraussichtlich auch der Ständerat das Anliegen durchwinken. In welcher Form der Bund anschliessend die gesetzlichen Grundlagen zugunsten der ÖV-Betriebe anpassen müsste, ist im Vorstoss jedoch nicht definiert.