Darum gehts
- SP-Nationalrat Arbër Bullakaj wehrt sich gegen Onlinehasskommentare
- Studien zeigen: Bis zu 30'000 von 135'000 Kommentaren wöchentlich sind toxisch
- 2025 wurden in der Schweiz 281 Fälle von Hasskriminalität gemeldet
Als «Krebsgeschwür» beschimpft ein Kommentator den St. Galler SP-Nationalrat Arbër Bullakaj (40) unter einem Beitrag in den sozialen Medien. Ein anderer verunglimpft ihn als «Halbschlauen», auch als «Landeszerstörer» wird er betitelt.
Bullakaj hat kürzlich in einem Video auf Tiktok publik gemacht, was ihm an Onlinekommentaren begegnet und dass er dies nicht hinnehmen will. Er zeige Verfasser von rassistischen Beleidigungen an und nehme diese nicht tatenlos hin, sagt Bullakaj zu Blick. Er fordert zudem andere von Hasskommentaren Betroffene auf, sich ebenfalls zu wehren.
Was der linke Nationalrat erlebt, widerfährt auch anderen Politikern. Rechtsbürgerliche werden als «Faschos» oder Nazis betitelt.
Tausende toxische Kommentare
Politikerinnen und Politiker seien besonders von Hassrede betroffen, sagt Sophie Achermann (33), Geschäftsführerin der Public Discourse Foundation. Die Stiftung – gegründet von der ETH Zürich und vom Frauendachverband Alliance F – will die Verrohung im Internet bekämpfen. Neben politisch Exponierten richte sich Hass im Internet häufig auch gegen Angehörige ethnischer Minderheiten und überdurchschnittlich oft gegen Frauen, hält Achermann fest. Herkunft, Religion und sexuelle Orientierung seien ebenso vielfach Angriffspunkte.
Studien analysierten Kommentare auf den grössten Schweizer Newsportalen. Dabei zeigte sich das Ausmass des Problems von Hassrede: Den grössten Schweizer Nachrichtenportalen werden pro Woche bis zu 135'000 Kommentare eingereicht. Von diesen seien bis zu 30'000 «toxisch», also beispielsweise rassistisch, antisemitisch oder homophob, führt Achermann an. «Die Hassrede stammt von einer kleinen Minderheit», rund fünf Prozent der Nutzerinnen und Nutzer seien für fast 80 Prozent der beleidigenden Kommentare verantwortlich. Achermann konstatiert: «Es ist nicht die breite Bevölkerung, die den Ton verschärft, sondern eine kleine, sehr aktive Gruppe.»
Gegensteuer wirkt
Die Forschung zeige, dass Gegenrede zu solchen Beiträgen wirke und die Urheber von Hass ihr Verhalten änderten, wenn sie auf ihr unangemessenes Verhalten angesprochen würden, sagt Achermann. Die Stimmung im Internet sei seit der Corona-Pandemie aggressiver geworden, zudem moderierten grosse Plattformen die Kommentare weniger. Wenn Abstimmungen anstünden und internationale Krisen herrschten, sei die Stimmung jeweils speziell feindselig, stellt Achermann fest.
Noch besorgniserregender als verbale Attacken sind körperliche Angriffe, die aus Hass passieren. Die Fälle zeigen, dass die Betroffenen wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer politischen Aktivität, ihres Glaubens oder ihrer Herkunft zu Opfern werden. Am häufigsten sind die Motive der Angriffe antisemitisch. Jede fünfte Tat ist gegen homo- oder transsexuelle Personen gerichtet. Mehrheitlich seien Schwule betroffen, sagt Anita Gfeller, Sprecherin der Stadtpolizei Zürich.
National sind die Fälle von Hasskriminalität in den Delikten von Rassendiskriminierung erfasst. Die Täter seien häufig männlich, politische Haltung und Bildungsstand spielten eine Rolle, sagt Fabian Ilg, Geschäftsleiter der interkantonalen Fachstelle Schweizerische Kriminalprävention. Der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus wurden im vergangenen Jahr 281 Fälle von Hasskriminalität gemeldet. Fast 200 betrafen Auseinandersetzungen im öffentlichen Raum, 45 Mal kam es zu körperlichen Attacken.