Darum gehts
- SRF-Doku über Verschwörungstheorien sorgt für Diskussionen und geschlossenen Kommentarbereich
- Gastwirt und Magazin-Chefin kritisieren Journalismus sowie den Begriff «Verschwörungstheorie»
- Zeitschrift «Die Freien» gewinnt neue Leser
Roland Schätti steht auf der Terrasse seines idyllischen Gasthofs im Toggenburg. Sein Finger wandert nach oben Richtung Himmel: «Da isch eine, da isch eine, da isch eine!» – «Flugzeuge, oder?», will SRF-Reporter Donat Hofer von ihm wissen. «Nein, Chemtrails!», entgegnet der Gastwirt. «Du hast das Gefühl, die spritzen Gift?» – «Ja, logisch, lueg doch!» So beginnt die neueste Folge der Reportage «Im Sog der Verschwörungstheorien – Wenn Misstrauen das Weltbild prägt».
Hofer hat sie für das Format «rec.» realisiert, das nach Angaben des Senders «Antworten auf Fragen sucht, die die Reporterinnen und Reporter und die Community beschäftigen». Dass das Thema hitzige Diskussionen auslösen würde, war bereits im Vorfeld so sicher wie das Amen in der Kirche. Aber der Reihe nach.
Hofer kennt Schätti, den er «Rolli» nennt, bestens. Vor vier Jahren war der Gastwirt bereits sein Protagonist, der Reporter begleitete Rolli, als dieser noch bei den Freiheitstrychlern engagiert war – einer Bewegung, die sich vor allem durch ihren Protest gegen die Corona-Massnahmen des Bundes einen Namen machte. Heute sei er kein Teil der Trychler mehr, erklärt er; es habe interne Querelen gegeben – Recherchen des SonntagsBlicks deckten 2022 den wüsten Machtkampf auf.
«Mit Menschen statt über sie sprechen»
Die Trycheln hängen heute zur Dekoration in Rollis Gasthof – der Kontakt zu Massnahmen-Kritikern sei allerdings geblieben. Heute spricht er über «bewusste Vergiftungen» durch die Lebensmittelindustrie – und über die Streifen am Himmel, die Chemtrails. Hofer hört zu, versucht zu verstehen – auch wenn es «eine Gratwanderung» sei. Wichtig sei ihm, «seine journalistische Verantwortung zu wahren. Und mit Menschen statt über sie zu sprechen.» Mit Rolli und seinen Freunden gelingt das gut, das Verhältnis wirkt beinahe freundschaftlich – und es wird viel gelacht. Ernster wird er, als Blick ihn auf Donat Hofers Film anspricht – über die Doku möchte er nicht mehr reden.
Er verweist auf Prisca Würgler, die zweite Protagonistin – ihres Zeichens Geschäftsführerin der Zeitschrift «Die Freien», die nach eigenen Angaben für kritischen und unabhängigen Journalismus steht. 2500 Leserinnen und Leser habe das Blatt, erklärt Würgler dem SRF-Journalisten. Die Inhalte sind vielfältig, sie reichen von alternativen Heilmethoden und Impfskepsis über Ufos bis hin zu Geschichtsthemen.
Plötzlich wird der Ton rauer
Würgler sorgte vor allem für Schlagzeilen, weil sie sich zur Zeit der Pandemie weigerte, während des Schulunterrichts eine Maske zu tragen, sie verlor ihren Job als Lehrerin. Auch vor der SRF-Kamera bezeichnet sie die Corona-Massnahmen erneut als «Missbrauch und Vergewaltigung», die Diskussion über Expertentum läuft aus dem Ruder. SRF-Filmemacher Hofer findet, dass sich «die Gespräche im Kreis drehen». Dennoch bleibt man freundlich miteinander. Im Nachgang wird der Ton – gelinde gesagt – rauer.
Sind die Kommentare unter der eigentlichen «rec.»-Folge noch grossteils wohlwollend und loben Hofers Fingerspitzengefühl («sehr gelungene Reportage», «spannender Beitrag»), wirds in den am Montag nachgereichten Q&A hitzig. Hier sollen mit einem Experten Fragen wie «Was ist der Unterschied zwischen kritischem Denken und Verschwörung?» oder «Wieso sind Verschwörungserzählungen gefährlich?» geklärt werden. Den Usern ist das zu einseitig – so heisst es beispielsweise: «Katastrophe, diese, einmal mehr, völlig einseitige Sendung, mit diesem Wichtigtuer.» Oder: «Wer anders denkt, ist also dumm und sämtlichen Verschwörungstheorien verfallen? Enttäuschende Q&A, welche wohl absichtlich noch mehr spalten.» Kurze Zeit später wird die Kommentarspalte geschlossen, die Diskussion sei «nicht mehr konstruktiv».
«Schockiert über die Dreistigkeit»
Gegenüber Blick erklärt die SRF-Angebotsverantwortliche Anita Richner dazu: «Dass kontroverse Themen unterschiedliche Reaktionen auslösen, liegt in der Natur der Sache und zeigt, wie stark das Thema bewegt und wie wichtig der Austausch mit dem Publikum ist.» Die Kritik nehme man zur Kenntnis. Auf Anfrage bei der SRG-Ombudsstelle heisst es, dass überdies bis heute Mittwoch vier Beanstandungen eingegangen seien.
Prisca Würgler gehört nicht zu den Personen, die sich offiziell beschwert haben. Gegenüber Blick bringt die Geschäftsführerin des Magazins «Die Freien» aber ihren Unmut über den Film zum Ausdruck: «Im Nachhinein sind wir schockiert über die Dreistigkeit und Arroganz des SRF, das sich als das Wahrheitsministerium begreift. Sie stellen selber fest, dass ‹ein Drittel der Bevölkerung an Verschwörungstheorien glaubt›». Das sei ein diffamierender Begriff. Positiv überraschend seien «die viele kritischen Reaktionen selbst von treuen SRF-Zuschauern», freut sich Würgler. Ausserdem habe ihr Magazin viele neue Leserinnen und Leser dazugewonnen.