Darum gehts
- Daniela Baumann enthüllt mit fast 60 ihre wahre Herkunftsgeschichte
- Ihr leiblicher Vater war ein amerikanischer Soldat, bekannt nur als Joe
- In der Schweiz betrifft Kuckuckskinder durchschnittlich ein Kind pro Schulklasse
Langsam lässt Unternehmerin und Tedx-Speakerin Daniela Baumann ihren Blick über den glitzernden Zürichsee schweifen. Wann immer die 59-Jährige zu Besuch in der Heimat ist, zieht es sie ins Restaurant Seerose direkt am Wasser. «Diese Stille und die Atmosphäre sind einfach ein Traum», sagt sie, atmet tief ein, richtet ihr Gesicht der Sonne entgegen und geniesst den Augenblick der Ruhe – ein purer Kontrast zum rastlosen Tempo der Wüstenmetropole Dubai, in der sie seit über fünf Jahren lebt.
Sie haben diese Geschichte lange nicht öffentlich erzählt. Warum jetzt?
Nun, kurz vor meinem 60. Geburtstag, habe ich mein Leben nochmals Revue passieren lassen. Bis anhin war es einfach noch zu schmerzhaft. Wenn man so etwas zum ersten Mal laut ausspricht, erlebt man vieles nochmals. Die Emotionen und Gefühle kochen hoch, man ist plötzlich wieder mitten im Moment. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man merkt: Es muss raus. Ich habe diese Geschichte so lange in mir getragen. Jetzt fühlt es sich richtig an, sie zu teilen.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
Wann haben Sie erstmals gemerkt, dass etwas nicht stimmt?
Sehr früh. Schon als Kind. Ich hatte oft das Gefühl, ich passe nicht richtig hinein. In mein Leben, in meine Familie, in das ganze Drumherum. Hinzu kommt, dass ich anders aussah und mich anders fühlte. Ich war dunkler, hatte andere Gesichtszüge, als Einzige in der Familie braune Augen. Ich konnte das nie wirklich erklären, aber ich habe es gespürt. Und dieses Gefühl hat mich eigentlich durch meine ganze Kindheit begleitet.
Gab es jemals Bemerkungen zu Ihrem «anderen Aussehen»?
Ja, ziemlich oft sogar. Dabei sind mir zwei Situationen besonders in Erinnerung geblieben: Einerseits kam mein Papa einst mit Arbeitskollegen nach Hause. In dieser Männerrunde wurde über mich gesprochen, und einer meinte zu ihm, ich könne nicht seine Tochter sein. Ein anderes Mal waren wir als Familie in Rumänien in den Ferien. Ich hatte ein Blumenkleid an und habe im Restaurant auf der Terrasse gespielt, als mich der Kellner vertreiben wollte. Er dachte, ich sei ein Roma-Kind. Solche Erlebnisse haben mich von klein auf verunsichert und in mir dieses komische Gefühl ausgelöst.
Trotz allem, haben Sie nie nachgefragt?
Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, wonach ich fragen sollte. Es war ja lediglich ein Gefühl, das ich nicht einordnen konnte. Ich habe vieles gespürt, aber ich habe es nicht hinterfragt. Für mich war das meine Familie. Man wächst ja damit auf und nimmt es als gegeben hin. Und gleichzeitig wollte ich wohl auch gar nicht hinschauen.
Wie kam die Wahrheit ans Licht?
Mein damaliger Partner war mit mir bei meinen Eltern. Er sah meine Mutter an, dann meinen Vater, dann mich. Später sagte er zu mir: «Er kann nicht dein Vater sein.» In diesem Moment ist mir vieles klar geworden, und zugleich ist mein Leben wie ein Kartenhaus zusammengefallen. Ich war 40 und tiefer denn je in einer Identitätskrise.
Bekannt geworden ist Daniela Baumann (59) als Pionierin im Pole-Fitness. Heute betreibt die Zweifach-Mama mehrere Studios und ist eine weltweit gefragte Speakerin. Die Zürcherin mit deutschen Wurzeln lebt seit fünf Jahren mit ihrem Partner Fabrice in Dubai und organisiert mit ihrem Women Leaders Club Events, die Frauen vernetzen und unternehmerisch stärken – seit kurzem auch in der Schweiz.
Bekannt geworden ist Daniela Baumann (59) als Pionierin im Pole-Fitness. Heute betreibt die Zweifach-Mama mehrere Studios und ist eine weltweit gefragte Speakerin. Die Zürcherin mit deutschen Wurzeln lebt seit fünf Jahren mit ihrem Partner Fabrice in Dubai und organisiert mit ihrem Women Leaders Club Events, die Frauen vernetzen und unternehmerisch stärken – seit kurzem auch in der Schweiz.
Wie haben Sie reagiert?
Ich bin direkt zu meiner Mutter gegangen und habe gesagt: «Jetzt will ich die Wahrheit wissen! Mit dem Wegschauen ist Schluss!» Ich habe erstmals wirklich darauf bestanden. Schliesslich hat sie es zugegeben. Man hat richtig gemerkt, wie ihr das schwergefallen ist.
Was hat sie Ihnen erzählt?
Alles, was sie wusste – doch leider war das nicht viel. Meine Eltern hatten eine dreiwöchige Ehepause, in der meine Mutter einen One-Night-Stand mit meinem Erzeuger hatte. Ich weiss bloss, dass mein leiblicher Vater ein amerikanischer Soldat war, der damals in Deutschland stationiert war. Er hiess Joe und war Mischling, was auch meinen Hautton erklärt. Mehr Informationen gab es nicht. Kein Nachname, keine Spur.
Was ging in Ihnen vor?
Es war ein Schock. Aber gleichzeitig auch eine Erklärung. So etwas zu erfahren, schmerzt – und doch hatte ich dieses Gefühl: Jetzt ergibt alles Sinn. Dinge, die ich mir mein ganzes Leben nicht erklären konnte, hatten plötzlich einen Ursprung.
Waren Sie wütend auf Ihre Mutter?
Anfangs sehr. Ich konnte nicht verstehen, wie sie unserer Familie 40 Jahre lang so etwas verheimlichen konnte. Aber irgendwann habe ich begriffen: Sie hatte Angst. Angst, alleine dazustehen, Angst, alles zu verlieren. Und ich habe gemerkt, dass mich diese Wut nicht weiterbringt. Also musste ich entscheiden, ob ich daran festhalte oder loslasse.
Und Sie haben losgelassen?
Ja. Verzeihen war für mich der Schlüssel. Sonst trägt man das ewig mit sich herum. Ich habe mir gesagt: Sie wusste es nicht besser. Und im Moment der Vergebung konnte ich im Leben weiterschreiten.
Wie hat Ihr Vater reagiert, der Sie aufgezogen hat?
Er war zuerst schockiert. Wenig verwunderlich. Objektiv betrachtet wurde ich ihm ja untergejubelt. Gleichzeitig machte er mir in einer ersten Reaktion Vorwürfe, weshalb ich das überhaupt angesprochen habe. In diesem Moment habe ich gespürt: Er ahnte es längst. Vielleicht wollte er es einfach nie ausgesprochen haben.
Daniela Baumann greift neben sich und nimmt ein altes Foto in die Hand. Es ist ein Ferienschnappschuss ihrer Eltern. Sie streicht mit dem Daumen über das Bild, bleibt bei dem Gesicht ihres Vaters hängen. Dann hebt sie den Kopf, will etwas sagen – doch die Worte bleiben aus. «Entschuldigung …» Ihre Stimme bricht. Tränen laufen ihr über die Wangen, sie wischt sie nicht sofort weg. Für einen Moment ist da nur Stille. Sie atmet tief ein, sammelt sich. Langsam kehrt ihre Stimme zurück. Hat sich Ihre Beziehung verändert?
Kurzzeitig war es schwierig. Es brauchte Zeit, vielleicht zwei, drei Monate. Dann aber hat er mich in die Arme genommen und gesagt, dass ich immer seine Tochter sein werde. Und ich habe ihm gesagt, dass er immer mein Vater bleibt. Das war ein sehr emotionaler Moment.
Darum sprechen Sie auch nicht von «Stiefvater»?
Genau. Diese Bezeichnung fühlt sich einfach falsch an. Er ist der Mensch, der mich grossgezogen hat, der mich geprägt hat. Er hat mir Stärke mitgegeben, hat immer an mich geglaubt. Für mich ist das entscheidend. Er ist und bleibt mein Vater.
Hatten Sie nie den Wunsch, Ihren leiblichen Vater zu suchen?
Im ersten Moment habe ich versucht, ihn ausfindig zu machen. Mit den begrenzten Informationen war es aber ein Ding der Unmöglichkeit, weshalb ich rasch davon abgekommen bin. Es wäre vielleicht interessant zu wissen, wer er ist, aber es war nie ein starkes Bedürfnis. Ich glaube, wenn ich das früher erfahren hätte, wäre das anders gewesen. Aber mit 40 ging es mir mehr darum, mich selbst zu verstehen. Nicht darum, jemanden zu finden.
Hat diese Erkenntnis Ihr Leben verändert?
Komplett. Vorher war ich immer auf der Suche. Ich hatte dieses Gefühl, da muss noch mehr sein. In dem Moment, in dem ich wusste, wer ich bin, kam eine unglaubliche Klarheit. Es war wie ein innerer Schalter, der umgelegt wurde. Ich habe plötzlich Entscheidungen getroffen, Dinge umgesetzt, meinen Weg viel konsequenter verfolgt. Auch beruflich. Rückblickend weiss ich: Diese Klarheit hat mein Leben geprägt.
Wie meinen Sie das konkret?
Ich hatte lange Mühe damit, mich irgendwo niederzulassen und Wurzeln zu schlagen. In 30 Jahren bin ich 20-mal umgezogen – um den ganzen Zürichsee. Durch diese fehlende Standhaftigkeit konnte ich mich lange auch beruflich nicht verwirklichen. Mit der Wahrheit ist Ruhe eingekehrt, und ich habe mich mit meinen Loft1-Tanzstudios schweizweit etabliert.
Hätten Sie es lieber früher gewusst?
Ich denke schon. Vermutlich hätte ich weniger lange an mir gezweifelt. Ich habe vieles auf mich bezogen, dachte, mit mir stimmt etwas nicht. Das hätte ich mir gern erspart.
Konnten Sie mit Ihren Eltern Frieden schliessen?
Ja. Und das ist das Wichtigste für mich. Wir konnten die Wahrheit aussprechen und sie verarbeiten. Ich bin froh, dass sie beide nicht mit dieser riesengrossen Lüge beziehungsweise Ungewissheit gehen mussten. Das gibt mir Frieden.
Was bleibt heute?
In erster Linie Dankbarkeit. Ich bin ein Kuckuckskind – und stolz darauf. Es gibt viele Menschen mit demselben Schicksal. Es ist verrückt: Im Schnitt ist in der Schweiz ein Kind pro Schulklasse betroffen! Wenn ich mit meiner Geschichte nur einer Person Mut schenken kann, habe ich alles richtig gemacht. Persönlich hat mich diese Wahrheit letzten Endes befreit. Sie hat mir gezeigt, wer ich wirklich bin.
Was möchten Sie anderen mitgeben?
Dass sie sich Zeit geben sollen. Und dass Verzeihen unglaublich wichtig ist. Nicht für die anderen, sondern für sich selbst. Erst dann kann man wirklich loslassen und weitergehen. Und vielleicht auch: dass es nicht an einem selbst liegt. Man ist nicht falsch. Man muss nur verstehen, woher man kommt.