Kabarettistin Regula Esposito
«Lieber natürlich sein als gemacht»

Mit 60 steht Regula Esposito zu ihrem Alter – auf der Bühne und privat. Mit ihrer Kultfigur Helga Schneider tourt sie durchs Land und setzt auf graue Haare als Statement für Natürlichkeit und Gelassenheit.
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Kabarettistin Regula Esposito empfindet das Alter als eine reife Frucht, von der man ­genüsslich essen darf.
Foto: René Tanner

Darum gehts

  • Regula Esposito tourt mit 60 als Helga Schneider
  • Graue Haare sind ihr Statement für Natürlichkeit
  • Sie sieht im Alter Reife, Freiheit und späte Liebe
Aurelia Robles
Aurelia Robles
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Gerade herrscht Mittagszeit im «­Rössli» und Regula Esposito (60) ist auf Trab. Seit Januar 2025 pachten sie und Gatte Fredy Bickel (61) das Gasthaus in Mettmenstetten ZH. Und als ob das nicht schon genug wäre, tourt sie aktuell mit ihrem sechsten Soloprogramm «Ich weiss» durchs Land. Seit bald vierzig ­Jahren geht die Zürcherin mit ihrer Kult-Bühnenfigur Helga Schneider durchs Leben und findet: «Auch Helga hat das Recht, älter zu werden.» Und so steht die Künstlerin ­heute nicht nur privat, sondern auch auf der ­Bühne zu ihrer natürlichen, grauen Haarpracht. Ein Gespräch über das Älter­werden, Weisheiten und die Liebe.

GlücksPost: Was genau bedeutet Helga Schneiders Weisheit: «Nach der Blüte kommt die Frucht! Reife Früchte sollte man nicht spritzen, sondern ernten!»

Regula Esposito: Oft wird gesagt, dass eine ältere Frau ihre Blütezeit hinter sich hat. Aber beim Apfelbaum kommt erst nach der Blüte die Frucht! Will heissen: Man kann das Alter, solange man gesund ist, enorm geniessen und von den eigenen Früchten ernten. Und der Apfel ist noch lange nicht auf dem Bütschgi! (Lacht.)

Kommen solche Weisheiten automatisch mit dem Alter?

Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil, man wird eher stur. Alterssturheit beobachte ich bei vielen.

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Dieser Artikel wurde erstmals in der «GlücksPost» veröffentlicht. Mehr aus der Welt der Schweizer Prominenz, Royals und Sportstars erfährst du immer donnerstags in unserem Heft: zum Abo!

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Auch bei Ihnen selbst?

So alt bin ich ja noch nicht! (Lacht.) Aber ich merke, dass man nicht unbedingt flexibler wird. Wenn man sein Leben lang Dinge auf eine Weise getan hat, fällt das Umdenken schwerer. Um heute eine Webseite zu betreiben, brauche ich viermal so lange wie die Jungen. Aber ich beisse mich durch – ich bin dann halt die Alte, die so lange nachfragt und nervt, bis es klappt.

Sowohl Ihre Bühnenfigur als auch Sie selbst tragen das Haar nun natürlich weiss. Was hat es gebraucht, um diesen Schritt zu gehen?

Ich wollte das schon lange. In unserer ­Familie ergrauten alle bereits um die 30, ich inklusive. Gleichzeitig hatte ich immer meine eitle, stolze Mutter vor Augen, die sagte: «Ich färbe meine Haare, bis ich gehe.» Das tat sie, bis es in der Demenz­klinik nicht mehr ging. Kurz vor ihrem Tod habe ich sie das erste Mal mit weissen ­Haaren gesehen.

Wieso haben Sie sich anders entschieden?

Alle drei Wochen nachzufärben, kostet Geld, Zeit und Nerven. Mir ist meine Lebens­zeit dafür zu schade. Doch tut man es nicht, sieht man sofort aus wie ein Stinktier. Als es um das neue Programm ging, sagte ich aus Jux zu meiner Maskenbild­nerin: «Machen wir Helga in Weiss.» Als ich die Perücke sah, wusste ich: Das ist es! Es ist auch ein Statement. Ich finde Frauen, die nicht alt werden können, ehrlich gesagt ­anstrengend. Ich will lieber natürlich sein als gemacht.

Was symbolisieren graue Haare?

Schon «ich bin alt» oder auch Bequemlichkeit – und das wird leider oft als negativ wahrgenommen. Dabei ist es mir wichtig, dass man sich im Alter nicht gehen lässt und sich weiterhin pflegt. Ansonsten ist es ein Zeichen, dass man sich langsam aufgibt.

Gibt es eine Kunst, «gut» älter zu werden?

Ich denke, man sollte rein mit sich sein und keinen Dreck am Stecken haben. Demut und Dankbarkeit sind mir wichtig. Ich bin 60, habe zwar meine kleinen Baustellen, bin aber gesund. Ich bin kinderlos, was auch eine gewisse Freiheit mit sich bringt, und habe ein Umfeld mit viel Humor. ­Humor ist das beste Ventil. Lieber die Gefühle rauslassen, als sie herunterzuschlucken.

Ist die Bühne Ihr einziges Ventil?

Nein, ich bin auch daheim kreativ im weitesten Sinne. Ich koche gerne und bin diejenige, die in der Tiefgarage eine Werkbank mit Bohr- und Lötmaschine hat. Gerade bin ich dabei, aus Weinzapfen einen zwei Meter hohen Tannenbaum zu machen. Im Restaurant hassen mich alle, weil ich mich schon auf Weihnachten vorbereite.

Sie sagen, Sie befinden sich im Übergang zwischen Jungfühlen und Altwerden.

Das bleibt wohl bis zum Schluss so. Ich habe zum Glück noch immer den jungen Schwung, aber mittlerweile eben auch ­einen Tablettenschieber. Morgens tut es beim Aufstehen weh – in den Fingergelenken, im Rücken, und ich habe ein kaputtes Knie. Aber solange es nur das Knie ist, lebe ich wunderbar. Die Falten kommen, die Haut wird weicher. Ich fühle mich innerlich nicht mehr wie 30. Das will ich aber auch gar nicht mehr sein.

Inwiefern hält Sie die Liebe jung?

Eine glückliche Beziehung ist natürlich ein Geschenk. Ich hatte das grosse Glück, im fortgeschrittenen Alter nochmals einen tollen Mann kennenzulernen und ihn sogar zu heiraten. Fredy und ich haben eine junge, lebendige Ehe. Ich finde es fast schöner, wenn man erst mit 50 oder 60 zusammenfindet.

Warum?

Weil man viel genauer weiss, wer man ist, was man will und wo die eigenen Grenzen liegen. Die Liebe ist viel entspannter. Mein Mann muss nicht mein ganzes Leben ­abdecken – dafür gibt es Freundinnen, ­Familie und den Beruf. Fredy und ich ­haben beide unsere eigene Welt. Wir lassen uns die Freiheiten und versuchen nicht, den anderen umzuerziehen. Und mit 60 würde ich mal sagen, haben beide auch ihre Midlife-Crisis hinter sich. Viele Menschen haben zwar eine langjährige Beziehung, sind aber vielleicht unglücklich. Es ist wie Lotto spielen.

Haben Sie eine Weisheit, die Sie aus Ihrem Leben ziehen können?

Wenn ich meine Vergangenheit Revue ­passieren lasse, dann habe ich oft nächtelang über Alltagsprobleme gegrübelt und viel zu lange gewartet, bis ich mich von ­etwas entledigt habe. Da bin ich schneller geworden. Probleme analysieren, mir überlegen, ob es mit mir zu tun hat oder mit dem Gegen­über. Wenn ich merke, es ist nicht lösbar, gehe ich heute weiter. Und ich ­glaube, ich werde entspannter aufs ­Alter. Es gibt Dinge, die mich früher noch viel mehr aufgeregt haben. Heute lasse ich fünf auch mal gerade sein. Meine Weisheit: Du musst nicht mit jedem Totsch.

Sie haben demnach Ihr Leben ­auf­geräumt?

Ich bin extrem aufgeräumt, auch wenn es ein, zwei Gegebenheiten gibt, bei denen ich mit einer Person nicht mehr zusammenkomme. Das ist auch in Ordnung. ­Früher ging man bei solchen Dingen beichten und beten.

Machen Sie das?

Ich bin reformiert aufgewachsen, deshalb beichte ich nicht. Auch bin ich aus der ­Kirche ausgetreten. Aber ich bin ein sehr gläubiger Mensch. Ich gebe gerne ein wunderbares Zitat einer älteren Frau wieder, das ich mal gelesen habe: «Ich glaube ­immer noch an Gott. Mein Problem ist nur das Bodenpersonal.»

Ein kleines Fazit: Regula Esposito wird mit dem Alter milder?

Das könnte sein. Aber ich denke, mein Temperament wird bis zum Schluss bleiben.

Was wird aus Helga Schneider im Alter?

Ein Giftzahn natürlich! (Lacht.) Alters­milde auf der Bühne ist schliesslich sterbens­langweilig.

Persönlich

1965 in Zürich geboren und im Niederdorf aufgewachsen, machte Regula Esposito nach einer Lehre zur Hochbauzeichnerin und nach der Theaterschule für Bewegungsschauspiel ­Comart eine Weiterbildung zur Raum- und Produktgestal­terin. 1990 war sie Mitgründerin der A-cappella- und Kabarett-­Gruppe ­Acapickels, die bis zur Trennung 2008 über 1000 Mal auftrat. 2010 lancierte ­Esposito als Helga Schneider ihre Solo-Karriere. Seit 2025 ist sie mit Ex-­Fussball-Manager Fredy ­Bickel verheiratet.

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