«Ich habe es gespürt», sagt Gabriella Heer (67) mit gefasster Stimme gegenüber Blick. Es ist sieben Minuten nach neun Uhr am Dienstag, 6. Oktober. Ihr Sohn, Musikproduzent Marco Heer (†47), versucht, sie anzurufen. «Ich brauchte erst einmal einen Kaffee, danach wollte ich ihn zurückrufen.»
Sie versucht mehrfach, ihn zu erreichen – vergebens. Dann kommt die Meldung, dass in Oberwinterthur ein Dachstock brenne und Anwohner die Fenster schliessen sollen. Gabriella Heer, die gleich um die Ecke wohnt, sieht den Kran und den Rauch, der weit in der Umgebung zu sehen ist.
«Ich habe nur noch gezittert»
Während der Löscharbeiten entdecken die Einsatzkräfte am Nachmittag eine tote Person. «Ich wusste, es kann sich nur um meinen Marco handeln. Ab dann habe ich nur noch gezittert», sagt sie.
Am Abend des tragischen Ereignisses steht die Polizei vor Gabriella Heers Tür, bietet ihr psychologische Hilfe an und nimmt eine DNA-Probe. «Ich habe zum Glück sehr liebe Freunde, die sich gut um mich kümmern, und ich habe meinen Garten. Fremde Hilfe brauche ich nicht.»
Die Geschichte ihres Sohnes ist geprägt von viel Freude und Leichtigkeit, aber auch von Dramen und Drogen. Gabriella Heer möchte ihr Gesicht ebenso zeigen wie das ihres Sohnes – beide mit vollständigem Namen. Ihr ist wichtig, dass sein Lebens- und Leidensweg ungeschönt erzählt wird.
In der Nacht vor seinem Tod hat sie sich mit ihm gestritten, Nachrichten gingen hin und her, auch unschöne. Der Grund: Sie wollte ihm helfen, er wollte diese Hilfe aber nicht annehmen. «Marco hat unter Schizophrenie gelitten. Vor einem Monat hat er die Medikamente eigenmächtig abgesetzt, seit da ging es ihm immer schlechter», sagt sie gegenüber Blick.
Sie wollte die Kesb einschalten
«Ich wollte die Kesb einschalten. Das wusste er und wollte es auf keinen Fall. Die Pillen würden seine Kreativität rauben, hat er gesagt.» Marcos Leben sei von endloser Kreativität geprägt gewesen. «Sein Vater war Goldschmied und ein begnadeter Maler und Musiker. Diese Talente hat er von ihm geerbt.» Als Marco neun Jahre alt war, hat Gabriella Heer seinen Vater verlassen.
Mit 15 Jahren habe ihr Sohn begonnen, Drogen und Alkohol zu konsumieren. Im Alter von etwa 30 Jahren erkrankte er an Schizophrenie. «Es folgte ein langer Leidensweg. Marco hörte Stimmen, fühlte sich verfolgt, wurde depressiv», erzählt Gabriella Heer, ihre Stimme stockt. «Ich habe immer gespürt, wenn er Drogen nahm. Auch wenn ich mich als Realistin sehe, habe ich einen siebten Sinn.»
Gerne erinnert sie sich an die andere Seite ihres Sohnes. An die Zeiten, in denen er medikamentös richtig eingestellt war, keine Drogen nahm und Schulden seine leichten Momente nicht überschatteten. «Marco war sehr hilfsbereit und sensibel. Wenn ich eine Einladung hatte und er am Grill stand, hat er die perfekten Tomahawk-Steaks gemacht.» Alle hätten ihn geliebt. Ihr Telefon stehe nicht still, die Anteilnahme an seinem Tod sei sehr gross.
Auch bei DJ Mr. Pink (47). Er war wohl der Letzte, der Marco Heer lebend gesehen hat. «Marco und ich haben uns vor einem Jahr in der Suchtfachklinik kennengelernt. Wir haben beide einen Kokainentzug gemacht. Vor allem haben wir uns gegenseitig geholfen und gestützt, indem wir täglich zusammengesessen und musiziert haben», erzählt Andreas Pereira, wie Mr. Pink bürgerlich heisst.
DJ Mr. Pink war noch bei ihm
«Ich spielte jeweils die Melodien auf dem Keyboard ein, er vervollständigte die Songs mit Beats und Arrangement. Wir waren ein eingespieltes Team und produzierten fünf Songs in kürzester Zeit.» Nach dem Entzug sei der Kontakt geblieben. «Ich war sicher zwanzigmal bei ihm zu Hause. Das letzte Mal am 5. Oktober.»
Diese Stellen sind rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und für ihr Umfeld da:
- Beratungstelefon der Dargebotenen Hand: Telefon 143 www.143.ch
- Beratungstelefon von Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche): Telefon 147 www.147.ch
- Weitere Adressen und Informationen: www.reden-kann-retten.ch
Adressen für Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben
- Refugium – Verein für Hinterbliebene nach Suizid: www.verein-refugium.ch
- Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils: www.nebelmeer.net
Diese Stellen sind rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und für ihr Umfeld da:
- Beratungstelefon der Dargebotenen Hand: Telefon 143 www.143.ch
- Beratungstelefon von Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche): Telefon 147 www.147.ch
- Weitere Adressen und Informationen: www.reden-kann-retten.ch
Adressen für Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben
- Refugium – Verein für Hinterbliebene nach Suizid: www.verein-refugium.ch
- Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils: www.nebelmeer.net
«Ich war um zwölf bei ihm. Wir lachten, er sprach davon, dass er sich verliebt hat. Wir räumten den Kühlschrank mit den Lebensmitteln ein, die ich ihm gebracht hatte. Marco hatte kein Geld, seine IV war noch nicht gekommen.» Pereira merkte auch, dass sein Freund schwitzte und nervös war. «Er hat mir gesagt, dass er wieder Stimmen hört, fast durchdrehe und seine Tabletten unbedingt wieder nehmen müsse.»
Beim Verabschieden habe ihm Marco Heer einen USB-Stick mit zwei fertigen gemeinsamen Songs gegeben. Am nächsten Tag wollten sie sich wieder treffen. Bis am Mittwochnachmittag war die Identifizierung des Brandopfers nicht klar. «Dann hat mir die Polizei bestätigt, dass es sich um Marco handelt», sagt Gabriella Heer mit Tränen in der Stimme. Auch gegenüber Blick bestätigt dies die Kantonspolizei.
«Ich vermisse meinen Sohn so sehr, fühle eine totale Leere», sagt Gabriella Heer. Ihr einziger Trost sei, «dass Marco wieder bei seinem Vater ist und mich als wundervoller Mensch in meinem Herzen immer begleiten wird.»