Darum gehts
- Mario Adorf, 1930 unehelich in Zürich geboren, wurde mit seiner Mutter ausgewiesen
- 2016 ehrte das Filmfestival Locarno Adorf mit dem Ehrenleoparden für sein Lebenswerk
- Adorf erinnerte sich an die Schweiz als «verlorenes Paradies» seiner Kindheit
Am 8. September 1930 erblickt Mario Adorf in Zürich das Licht der Welt. Es ist kein freudiges Ereignis für die Stadtväter. Mario ist ein «Bastard» – das uneheliche Kind der deutschen Näherin Alice Adorf und des italienischen Chirurgen Matteo Menniti. In der konservativen Schweiz der 30er-Jahre ist das ein Skandal, den man am liebsten exportiert. Adorf resümiert diesen harten Start beim ARD später trocken: «Man hat meine Mutter und mich einfach weggeschickt.»
Die soziale Schere könnte nicht weiter offen sein: Während sein Vater als angesehener Chirurg in der noblen Privatklinik Bethanien am Zürichberg operiert, kämpft Mutter Alice im Arbeiterquartier Kreis 4 als arme Näherin ums Überleben. «Die Moralvorstellungen waren damals gnadenlos. Ein uneheliches Kind galt als Armutsrisiko für die Stadt», erinnert sich Adorf später in seinen Memoiren.
«Die Schweiz hat mich nicht gewollt»
Da die Behörden Druck machen und Adorfs Vater keine Verantwortung übernimmt, werden Alice Adorf und ihr Kind faktisch des Landes verwiesen. Die Schweiz schiebt den künftigen Weltstar also im Kinderwagen ab. Adorf sagt dazu später im SRF: «Die Schweiz hat mich nicht gewollt. Ich war eine Belastung für das Sozialbudget der Stadt.»
Mario Adorf wächst fortan im deutschen Mayen auf, den Vater kennt er nur aus Erzählungen als ein fernes Phantom. Erst als junger Mann sucht Adorf den Kontakt und trifft Matteo Menniti in Italien. Doch die Hoffnung auf eine Vaterfigur platzt sofort.
Der Chirurg empfängt seinen Sohn kühl. Menniti, der in Zürich Karriere gemacht hat, will auch Jahrzehnte später nichts von seiner «Zürcher Altlast» wissen. Er bietet seinem Sohn weder Wärme noch Anerkennung, sondern begegnet ihm mit arroganter Distanz. Adorf bricht den Kontakt enttäuscht ab. Er entscheidet für sich: Dieser Mann hat keinen Platz in meinem Leben.
«Land, das mich einst verstossen hat»
Trotz dieser Wunden kehrt Adorf in den 1950er-Jahren nach Zürich zurück, um zu studieren und als Statist am Schauspielhaus zu arbeiten. 2016 schliesst sich der Kreis: Auf der Piazza Grande in Locarno nimmt er unter Tränen den Ehrenleoparden für sein Lebenswerk entgegen.
Es ist die endgültige Aussöhnung mit seinem Geburtsland. Mit brüchiger Stimme sagte er bei der Preisverleihung: «Ich empfinde diese Ehrung als eine Art Heimkehr in das Land, das mich einst verstossen hat.» Der Mann, den Zürich einst nicht wollte und den der Vater verleugnete, hat vor seinem Tod noch Frieden mit seiner Heimat geschlossen. Schweizerdeutsch habe er früher übrigens ordentlich gesprochen, erinnert er sich 2012 im Interview mit dem SonntagsBlick. Adorf starb am 8. April in Paris.