«Ich habe nur noch funktioniert»
SRF-«Arena»-Moderator Sandro Brotz spricht offen über seine persönliche Krise

Sieben Marathons, sieben Triathlons – Sport war einmal sein Ventil. Dann ging nichts mehr. Nach einer Psychotherapie zieht «Arena»-Moderator Sandro Brotz wieder die Laufschuhe an. Er spricht über seine schwere Krise und seine neuen Grenzen.
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Frühmorgens wärmt sich Sandro Brotz in Horgen ZH am See auf – dann gehts los!
Foto: David Biedert

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • SRF-Moderator Sandro Brotz spricht über persönliche Krise
  • Der Single-Mann joggt am Zürichsee mit Kollegin Carmen Richard
  • Ziel: Fünf Kilometer ohne Pause, bis Jahresende zehn Kilo abnehmen
Text: Silvana Degonda Fotos: David Biedert
Schweizer Illustrierte

Kurz nach sechs Uhr morgens ist der Zürichsee fast spiegelglatt, die ersten Sonnenstrahlen reflektieren auf dem Wasser. Auf der Promenade in Horgen ZH sind nur wenige Menschen unterwegs. SRF-Moderator Sandro Brotz (56) ist gerade mit der S-Bahn angekommen. Am Bahnhof wartet seine gute Freundin Carmen Richard (41), sie haben sich für einen Morgenlauf verabredet.

Aktuell sehen sich die beiden dreimal in der Woche, gehen frühmorgens zusammen joggen. «Ich habe ihr vor zwei Monaten geschrieben und sie gefragt, ob sie mir helfen könne, wieder in Form zu kommen.» Brotz und Richard kennen sich seit zwölf Jahren, damals trainierten sie zusammen für Marathons. Doch an 42,195 Kilometer ist heute nicht zu denken. Der Single-Mann will drei bis vier Kilometer schaffen. Sein Ziel bis Ende Jahr: «Ich möchte fünf Kilometer am Stück ohne Pause laufen – und zehn Kilo abnehmen», sagt er. «Ich habe das Gefühl, zwei sind schon weg. Aber ich weiss es nicht, weil ich nie auf eine Waage stehe.» Die beiden wärmen sich auf und laufen langsam los. «Zum Glück hilft mir Carmen. Auch mit spezifischen Übungen. Sonst würde ich das nicht packen.» Allein, sagt der Zürcher, wäre die Versuchung gross, es schleifen zu lassen. «Der Mensch ist wahnsinnig gut darin, sich selber zu belügen.»

Seine Kollegin Carmen Richard unterstützt den Journalisten dabei, wieder in Form zu kommen. «Es hilft, wenn man jemanden hat, der mitzieht.»
Foto: David Biedert


Dabei war Sport mal ein wichtiger Teil seines Lebens. Der Journalist hat im Alter von 38 bis 48 intensiv trainiert. Sieben Marathons und sieben Triathlons hat er geschafft. «Der schönste Marathon war für mich der in New York. Es war ein unglaubliches Gefühl, im Central Park am Ziel anzukommen.» Er trainierte jeden Tag, fuhr mit dem Rennrad 21 Kilometer zur Arbeit beim Schweizer Fernsehen in Zürich-Leutschenbach, ging über Mittag joggen. «Und ich habe wahrscheinlich an jedem Volkslauf in der Schweiz teilgenommen», sagt er. «Kürzlich habe ich zu Hause aufgeräumt und einen riesigen Stapel Startnummern weggeworfen.» Heute schaut der Vater eines erwachsenen Sohns aber auch kritisch auf diese intensiven zehn Jahre zurück. «Im Nachhinein muss ich sagen, dass der Sport zu viel Raum eingenommen hat.» Er habe immer schnellere Zeiten erreichen wollen. «Es war zu viel Competition.» Das soll nicht noch mal passieren. «Ich will einfach wieder die Freude an der Bewegung finden und Sport in meinem Alltag integrieren.»

Als nichts mehr ging

Dass er überhaupt aufhörte zu joggen, hat einen Grund. «2023 war eines der schwierigsten Jahre meines Lebens.» Der Job vor und hinter der Kamera hatte den «Arena»-Moderator schon lange gefordert. «Ich habe damals nur noch funktioniert.» Im Frühling vor drei Jahren gab er überraschend bekannt, dass er sich eine Auszeit nimmt. «Seit ich 18 Jahre alt war, arbeite ich als Journalist. Ich liebe meinen Job, aber er ist auch sehr intensiv. In mir kam irgendwann die Frage auf: Für wen mache ich das eigentlich? Warum bin ich immer auf der Überholspur?» Fast gleichzeitig zerbrach seine damalige Beziehung. «Das hat mich mehr aus der Bahn geworfen, als ich gedacht hätte.» Kurz zuvor war sein Vater gestorben. «Ich hatte das nie richtig verarbeitet.» Alles kam zusammen. «Kurz gesagt: Ich hatte eine schlimme Krise.»

Vor der Kamera lief alles gut, dahinter aber nicht. Der Moderator erlebte eine schlimme Krise und machte eine Therapie. «Nun geht es mir wieder gut. Jetzt bringe ich meinen Körper auch wieder in Form.»
Foto: David Biedert

Nach einer einmonatigen Auszeit kehrte Brotz zurück zum Fernsehen, stand wieder vor der Kamera. Gegen aussen lief das Leben weiter. Die Sendungen funktionierten, er selbst schien auch wieder zu funktionieren. «Ich glaube nicht, dass man mir angesehen hat, dass es mir schlecht ging.» Innen sah es anders aus. «Ich habe mit mir selber gehadert.»

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

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Das erste Jahr danach sei das schwierigste gewesen. «Es war für mich wirklich eine sehr dunkle Zeit.» Er zog sich zurück, traf nur noch wenige Leute. «Ich wollte mich nicht ständig erklären.» Gleichzeitig arbeitete er weiter. «Ich habe meinen Job nicht schlechter gemacht. Aber es hat unglaublich viel Energie gebraucht.» Irgendwann begriff er, dass er Hilfe braucht. «Ich habe psychologische Unterstützung in Anspruch genommen und eine Therapie gemacht. Und ich schäme mich überhaupt nicht dafür.» Wer sich ein Bein breche, gehe schliesslich auch zum Arzt. «Ich finde eher, es ist eine Stärke, wenn man zugibt, dass man Hilfe braucht.» Auch seine Familie und seine engsten Freunde unterstützten ihn in dieser Zeit sehr. «Dafür bin ich dankbar.»

Nicht alles auf einmal

Drei Jahre später steht er in den Joggingschuhen am Zürichsee: «Mir geht es heute gut. Mental bin ich wieder bei hundert Prozent.» Er hat gelernt, stärker auf Warnsignale zu achten. Nach acht Uhr abends beantwortet er keine Mails. Kommentare über sich liest er im Internet nicht mehr. «Ich nehme meine Arbeit ernst. Aber mich selber nicht mehr ganz so wichtig.» Im Job hat er gelernt, Aufgaben abzugeben. «Und ich moderiere die ‹Arena› nur noch drei- statt viermal im Monat. Ich bin stolz auf die Sendung und das Team. Ich finde, wir hätten einen Sendeplatz zur Primetime verdient», sagt er und lacht. Nun gehe es darum, auch körperlich wieder fit zu werden. «Ich kämpfe mich langsam zurück.»

«Bei ihm muss ich aufpassen, dass er nicht zu schnell zu viel will», sagt Carmen Richard nach der Laufrunde. «Aber das wird schon klappen.»
Foto: David Biedert

Nach dem Training sitzt Sandro Brotz am See und trinkt einen Cappuccino. Carmen Richard freut sich, ihrem Kollegen helfen zu können. «Er wird das sicher schaffen», sagt sie. «Bei ihm muss man einfach aufpassen, dass er nicht zu schnell zu viel will.» Brotz wirkt glücklich. Noch sind es keine fünf Kilometer. Aber immerhin ist er wieder unterwegs. «Ich habe noch nie ein Training beendet und danach gedacht, es habe mir nicht gutgetan.»

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