«Nid ganz neu, aber du chasches ha»
Heimweh-Sänger Ralph Güntlisberger hat sein Herz wieder verschenkt

Der Männerchor Heimweh trägt seit zehn Jahren gefühlvolle, volkstümliche Lieder in alle Ecken der Schweiz – und in die Charts. Der Berner Ralph Güntlisberger fällt mit tiefer Stimme, Tattoos und langen Haaren auf. Er ist eines der Urgesteine.
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Acht Männer, eine Richtung: Markus Stadelmann, Patrick Hofstetter, Daniel Arnold, Bernhard Betschart, Ralph «Räphe» Güntlisberger, Alain Boog, Ricardo Sanz, Fredi Koller (v. l.).
Foto: Kurt Reichenbach

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Männerchor Heimweh feiert 10 Jahre, Konzerte im KKL Luzern ausverkauft
  • Gründer Georg Schlunegger produziert Hits für Schweizer Künstler wie Bligg
  • Über 30 Auftritte und 10 Alben, neues Album «Fründschaft» erscheint 2026
Ruth Brüderlin
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Aufstellen in Ringformation zum Einsingen. Die Hände am Revers des Mutz, der schwarzen Samtweste. Konzentration. Bei den ersten Tönen vibriert die Luft, bildet sich eine Schallkuppel. Irgendwie mystisch – und wahnsinnig schön. Der Männerchor Heimweh ist ein Phänomen.

Dieses Jahr feiert er sein 10-jähriges Bestehen und stellte kürzlich einen Rekord auf: Die Tickets für vier Konzerte im KKL Luzern waren innert Minuten ausverkauft – obwohl die «schönsten Männerstimmen der Schweiz» relativ selten in den nationalen Medien gross gefeiert werden. Dabei sind sie regional bestens vertreten.

Die 12 Mitglieder stammen aus sieben verschiedenen Kantonen, wobei Luzern mit drei Mann momentan etwas übervertreten ist. Das spielt keine Rolle, ebenso wenig wie Herkunft, Alter, Beruf oder persönlicher Musikgeschmack. Der Thurgauer Fredi Koller etwa tanzt leidenschaftlich gern Rock ’n’ Roll, Bernhard Betschart aus dem Muotatal im Kanton Schwyz ist Spezialist für Naturjuuz, steht aber privat auf Hardrock von AC/DC – und der Dialekt des Urner Polizisten Daniel Arnold ist eine Herausforderung für die Kollegen.

Heimweh ist ein Projekt von Musikproduzent Georg Schlunegger (45). Er gründete den Chor unter dem Namen Schluneggers Heimweh und sang mit. Heute zieht er die Fäden als Produzent, Texter und Komponist und ist mit Roman Camenzind und Fred Herrmann Teil der Produktionsfirma HitMill. Dort entstehen Songs für Baschi, Bligg oder Stress, aber auch Schwiizergoofe, Stubete Gäng und Coop-Werbespots.

Am 4. August 2016 präsentierten sich Heimweh in der SRF-Sendung «Donnschtig-Jass» erstmals einem grossen Publikum – und landeten mit «Rosmarie» einen Sensationserfolg. Die Single holte Gold, das Debütalbum «Heimweh» Platin.

Wenn das Telefon zweimal klingelt

Eines der Urgesteine des Chors ist der Berner Ralph «Räphe» Güntlisberger (63). Er ist mit seinen Tattoos und den langen Haaren der optisch Auffälligste. In Italien wurde er schon mit dem US-Rock-Star Kid Rock verwechselt. Seit März 2017 ist er beim Chor. Und das kam so: Güntlisberger wagte sich im Format «The Voice of Switzerland» ins Schweizer Fernsehen. Für den Final reichte es nicht, aber er lernte Ricardo Sanz kennen, heute sein Heimweh-Kamerad und guter Freund. Und noch etwas passierte, wenn auch viel später: Chorgründer Georg Schlunegger rief Güntlisberger an und fragte, ob er mit seiner prägnanten Bariton-Stimme einen Text zu einem Filmausschnitt sprechen könne.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

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Später im Studio in Zürich wurde er geheissen, er solle doch das Lied «Dankbarkeit» vom Heimweh singen, wenn er schon da sei. Die nächste Frage haute Räphe Güntlisberger um: ob er sich vorstellen könnte, als Reservist zur Verfügung zu stehen. «Für mich war das eine Ehre, natürlich wollte ich», sagt Güntlisberger und lacht. Nach wenigen Tagen hatte er Schlunegger wieder am Draht: «Räphe, wir hätten dich gern fix bei Heimweh. Ich schicke dir die Lieder, du hast sieben Wochen Zeit bis zu deinem ersten Konzert.»

Der Mix aus Mundartschlager, melancholischen Melodien und authentischem Jodel mit Pop- und Rockelementen kommt an. «Die Heimweh-Welt ist ländlich, mit einem starken Bezug zu Bergen, Traditionen und Bauern», sagt Gründer und Produzent Georg Schlunegger. «Das weckt Emotionen, auch bei Städtern.» Heimweh hat mehrere Nummer-1-Alben, drei Swiss Music Awards und einen Prix Walo. Über 30 Auftritte plus ein Album pro Jahr stemmen die Mannen – in der Freizeit, neben Beruf und Familie. Zum Jubi-läum erscheint nun das zehnte Album «Fründschaft». Man sei einander verbunden, bestätigt Räphe Güntlisberger. «Und wir sprechen Dinge direkt an und diskutieren. Das klappt bestens.»

Hauptsache harmonisch

Trotzdem gibt es zuweilen Verständigungsschwierigkeiten, denn die Texte sind immer in der Mundart des Solosängers verfasst. Die Kollegen müssen dann ihre Schnäbel wetzen, bis vom spitzen Ostschweizer bis zu behäbigem Berndeutsch der Dialekt sitzt – und geklärt ist, was bitte schön das Urner Wort «gmerkschtüdrfen» eigentlich heisst: Spürst du den Föhn, den prägenden Wind im Kanton Uri. Das Wichtigste ist, dass die Stimmen zusammenpassen und eine schöne Harmonie entsteht. Jeweils acht Mann stehen bei den Konzerten auf der Bühne und werden von vier Musikern begleitet. Auch die Reservisten halten sich à jour, um jederzeit einzuspringen, falls einer krank ist oder verhindert.

In den Texten geht es um Persönliches, den Verlust des Vaters, Liebesleid und Liebesglück, einen Sehnsuchtsort oder eben wie in «Rosmarie». Da streicht der Mann seiner Frau ein letztes Mal über das weisse Haar und wiederholt, was er ihr beim ersten Rendez-vous zuflüsterte: «Blib no chli bi mer, Rosmarie.» «Es ist unglaublich», staunt Räphe Güntlisberger. «Das Lied dauert nur zwei Minuten, aber jeder versteht diese grosse Love-Story, die ein Leben lang dauert.»

Ihm selber war solches Glück nicht vergönnt. Kurz nach der Geburt des zweiten Kindes starb seine erste Frau an einem Herzschlag. Er stand alleine da mit zwei Kindern. Heute ist Güntlisberger stolzer Vater von drei Töchtern und Grossvater von neun Enkeln. Das Jüngste kam im Juli zur Welt.

Vor einem Jahr fand Räphe eine neue Liebe: Karin (61) aus dem Zürichbiet. Sie hat ebenfalls Enkel, arbeitet in der Administration einer Spedition und engagiert sich ehrenamtlich in der Betreuung von Palliativpatienten. Ausserdem interessiert sie sich für Landwirtschaft und ging einen Sommer auf einer Alp Kühe melken. Güntlisberger wiederum steht jeden Morgen um Viertel nach vier auf und fährt mit einem 18-Tönner-LKW ins Berner Oberland. «Ich war zwar mal an einem Konzert von Heimweh», sagt Karin, «höre aber meistens fröhliche Schlager und Popmusik.» Und Räphe sei ihr eigentlich auch nicht speziell aufgefallen.

Dennoch: Bald freundete sich Räphe mit einem neuen Dialekt an. Er lacht. «Wenn ich Karin eine Sprachnachricht schicke, hört sie die in doppelter Geschwindigkeit ab. Ich muss ihr Zürichdeutsch zweimal abhören.» Die Wochenenden verbringt das Paar meist bei ihm auf dem Land im Solothurnischen – wenn er nicht grad mit Heimweh irgendwo auf der Bühne steht und sein neustes Solo singt: «Mis alte Härz». Im Text heisst es «s’isch nid ganz neu, aber du chasches ha». Karin nahm es gern. Und die Heimwehkollegen singen den Refrain in astreinem Berndeutsch. Auch die Thurgauer und Urner.

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