Grosse Gertsch-Retrospektive «Blow-Up» in Bern und Burgdorf
Vom jungen Wilden zum Zen-Meister

Die zweiteilige Retrospektive «Blow-Up» in Bern und Burgdorf zeigt, wie Franz Gertsch zu einem der prägendsten Maler der Neuzeit wurde. Der Durchbruch gelang ihm nach seiner Pop-Art-Phase ab 1970 mit der Konzentration auf den Fotorealismus.
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«Medici» von Franz Gertsch, entstanden 1971/72, eines der absoluten Prunkstücke in der Berner Ausstellung. Mit diesem grossflächigen Gemälde gelang Gertsch an der «documenta» in Kassel 1972 der internationale Durchbruch.
Foto: © Franz Gertsch AG

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Jean-Claude GalliRedaktor People

So viel Franz Gertsch (1930–2022) so nah beisammen: Das Kunstmuseum Bern und das Museum Franz Gertsch in Burgdorf BE zeigen die erste umfassende Retrospektive nach dem Tod des weltbekannten Pioniers des Fotorealismus.

Der internationale Durchbruch gelang dem gebürtigen Seeländer an der «documenta» in Kassel 1972, wo er sein vier mal sechs Meter grosses Gemälde «Medici» erstmals vorstellte. Es zählt zu den Höhepunkten der Ausstellung in Bern.

«Medici» entstand 1971/72 und zeigt die Freunde Ludwig von Segesser, Luciano Castelli, Ueli Vollenweider, Franz Marfurt und Thys Flüeler, angelehnt an einen Zaun bei der damaligen Baustelle des Kunstmuseums Luzern. Der Name des Werks stammt von der Inschrift der Baufirma, spielt aber auch auf die italienische Herrscherdynastie aus der Renaissancezeit an. Vorlage war ein Schnappschuss von Gertsch.

«Halb real, halb abstrakt»

Kuratorin Kathleen Bühler (58) betonte am Presserundgang letzte Woche, wie wichtig für Gertschs Œuvre der jeweils herrschende Zeitgeist gewesen sei. «Wenn wir heute auf seine Werke schauen, nehmen wir Dinge anders wahr. So war es eine grosse Provokation, fünf langhaarige junge Männer als Thema zu wählen. Sie galten als ungepflegt, rebellisch und beinahe gesellschaftszersetzend. Gertsch schuf nicht nur ihnen, sondern der Jugendkultur und der Ära des Aufbruchs ein Denkmal.»

«Medici» steht exemplarisch für Gertschs handwerkliche Vorgehensweise dieser Jahre. Er vergrösserte das Kleinbilddia eines von ihm gemachten Fotos und malte im Licht dieser Projektion. Deshalb scheinen die Gemälde je nach Betrachtungsort abstrakt oder realistisch. Je näher man kommt, umso mehr lösen sie sich in einzelne Partikel auf. Je weiter weg man geht, umso schärfer wirken sie.

Gertsch selber beschrieb es so: «Meine Gemälde sind Hybride – halb real, halb abstrakt. Von fern fotografische Realität, von nah abstrakte Malerei.» Und er betonte: «Jedes Detail ist gleichberechtigt.»

Dieses Vergrössern oder «Aufblasen» erklärt auch den Titel der Retrospektive. Gleichzeitig verweist er auf das filmische Meisterwerk «Blow Up» von Michelangelo Antonioni (1912–2007), der 1966 die Geschichte eines Modefotografen erzählte. Dieser meint beim Vergrössern einer Parkaufnahme einen Mann zu entdecken, der eben einen Mord begangen hat.

Der politische Gertsch

Mindestens ebenso spannend ist in Bern die Erkenntnis, wie pointiert politisch Gertsch stets auch gewesen ist. Dies belegt schon die reine Sujetwahl. Sie widerspricht dem Klischeebild eines weltfremden Eremiten, der sich ausschliesslich in Naturmotive vertieft.

Als Paradebeispiel verweist Bühler auf das Gemälde «Vietnam» von 1970, basierend auf der berühmten Aufnahme des Fotografen John Olson (79) aus dem Jahr 1968, die verwundete Marines auf einem Panzer bei der Schlacht von Hue zeigt. Das Bild beeinflusste die Stimmung der US-Bevölkerung gegen den Krieg massgeblich. Gertsch entdeckte es im Magazin «Life».

Gleich gegenüber von «Vietnam» hängt das Gemälde «Huaa...!», das ein Jahr zuvor entstand, basierend auf einem Standbild aus «Der Angriff der leichten Brigade» von 1968. Der Film thematisierte zwar den Krimkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts, prangerte aber gleichzeitig die Gräuel des Vietnamkriegs an. Hauptdarsteller ist wie bei «Blow Up» David Hemmings (1941–2003), eine weitere Verbindung zum Titel der Retrospektive.

Der Bogenschuss eines Zen-Meisters

Der Teil in Bern zeigt 40 Werke, die über 60 Jahre von Gertschs Schaffen umfassen, darunter seine Anfänge in der Pop-Art. Zu den «Stars» gehören auch die zwei ikonischen Gemälde mit spielenden Roma-Kindern, «Saintes Maries de la Mer I» und «Saintes Maries de la Mer III» von 1972. Das dritte Bild (römisch «II») wurde 2008 bei einem Lagerbrand in Detroit zerstört. Er griff das Sujet 2013 in einem Holzschnitt wieder auf. 

Für die Kinder-Reihe verwendete er erstmals ungrundierte Baumwolle. Diese Technik lässt kaum Korrekturen zu, was noch mehr Sorgfalt erfordert. Jeder Tupfer war der «Bogenschuss eines Zen-Meisters», «das Slow Painting nahm seinen Anfang», wie Gertsch sagte. Mitte der 1970er-Jahre verliess er sein Atelier auf dem Areal der Brauerei Gassner im Berner Lorrainequartier und zog mit seiner Frau Maria (90) und den vier gemeinsamen Kindern in ein altes Bauernhaus in Rüschegg BE, das bis zu seinem Tod sein Lebensmittelpunkt blieb. Dort konzentrierte er sich auf den Holzschnitt, in dem er es ebenfalls zur absoluten Meisterschaft brachte.

«Franz Gertsch. Blow-Up (Part I)» läuft bis zum 17. Januar 2027 in Bern. Der zweite Teil ist vom 19. September 2026 bis zum 28. Februar 2027 im Museum Franz Gertsch in Burgdorf BE zu sehen. 

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