Darum gehts
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Ein tiefes Verständnis, ohne viele Worte: Araberhengst Ghazi und Fredy Knie jun. kennen sich seit vielen Jahren. Ghazi ist 23, hat Fredy auf unzähligen Tourneen mit dem Circus Knie begleitet und tritt noch immer ab und zu auf. Jetzt steht der Hengst neben Fredy Knie jun. in der alten Reithalle des Circus Knie in Rapperswil-Jona SG. Hier hat Fredy einen grossen Teil seines Lebens verbracht. Vier, fünf Stunden pro Tag. Viele Jahre lang. Hier sind Nummern entstanden, hier wurde ausprobiert, korrigiert, wiederholt. Und gewartet. Denn wenn Fredy Knie in den acht Jahrzehnten seines Lebens etwas von Tieren gelernt hat, dann Geduld.
Nebenan tollen die jüngsten Mitglieder der Zirkusfamilie auf dem Fenstersims der Sattlerei. Zwei Kätzchen, gerade ein paar Wochen alt. Fredy spielt mit ihnen, «zoiklet» sie und stellt ihre Neugier auf die Probe. Sie sind nicht nur herzig, sondern haben einen Job. «Sie sollen die Mäuse aus der Reithalle fernhalten», erklärt Fredy.
Früh übt sich, wer im Zirkus Karriere machen will. So war es auch bei Fredy Knie junior. Mit vier Jahren tritt er bei einem Gastspiel bei einem anderen Zirkus in Antwerpen mit einer Ponydressur zum ersten Mal in die Manege. Mit fünf gehört er bereits zum Tourneeprogramm des Circus Knie. Andere Kinder spielen draussen. Fredy geht lieber mit seinem Vater in den Stall zu den Pferden. «Niemand hat mich dazu gezwungen», sagt er. «Ich wollte es so.»
Die Arbeit mit Tieren, besonders mit Pferden, fasziniert den stillen, feinfühligen Jungen. Er entwickelt Nummern mit Zebras, Guanakos, einer Giraffe, einem Flusspferd. Legendär wird eine Dressur, bei der ein Bengaltiger auf dem Rücken eines Breitmaulnashorns durch die Manege reitet.
Ehrendoktor für Arbeit mit Tieren
Fredy Knie jun. ist Teil eines Wandels in der Zirkuswelt. Wildtiernummern geraten in die Kritik, die gesellschaftlichen Vorstellungen von Tierhaltung verändern sich. Fredy Knie jun. verschliesst sich dieser Entwicklung nicht. Im Gegenteil. Früher sei die Ausbildung von Tieren «strenger, militärischer» gewesen, sagt er. Er habe seine Methoden verfeinert, sich intensiv mit Tierpsychologie und Veterinärwissenschaft befasst. «Aber nur damit ist es nicht getan. Man muss es auch erleben.»
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Letztes Jahr hat ihm die Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich die Ehrendoktorwürde verliehen – für seine Arbeit mit Pferden und seine Fähigkeit, das Tier ins Zentrum zu stellen. «Nicht dass ich mir darauf etwas einbilde», sagt Fredy in seiner bescheidenen Art und spitzt zu: «Aber die Veterinärmediziner sind ja keine Löölis. Die wissen schon, wovon sie reden.» Vielleicht liegt das Geheimnis des Tierlehrers Fredy Knie jun. weniger darin, was er den Tieren beibringt, sondern was er von ihnen lernt. Was ihn die Pferde lehrten? «Mich zu beherrschen», sagt Fredy und lacht. «Wenn ich schlechte Laune habe, ist das dem Pferd egal.» Dazu kommt: «Mit Tieren hat man nie ausgelernt. Zwölf Pferde sind zwölf Charaktere – wie in einer Schulklasse: Es gibt Schüchterne, Freche, Streber – und jedes verlangt einen anderen Umgang.»
An seine eigene Schulzeit erinnert sich Fredy ungern. Er verbringt sie in einem Internat in Bern-Belp. Über vieles aus seinem langen Leben erzählt er nüchtern. Doch bei diesem Thema verändert sich seine Stimme. Das Heimweh von früher scheint plötzlich wieder ganz nah: «Es war eine schwierige Zeit. Mein Bruder und ich haben sehr gelitten.» Diese Erfahrung prägt. Als Fredy später selbst Vater wird, entscheidet er, dass die Kinder im Zirkus unterrichtet werden sollen. Denn der Circus Knie ist für die Familie Heimat und Zuhause.
Seine Frau Mary-José stammt nicht aus der Zirkuswelt. Sie ist ein ehemaliges Mannequin aus Neuenburg. Fredy lernte sie nach einer Vorstellung des Circus in Zürich kennen. Mit ihr erlebte er Situationen, wie es wohl nur eine Zirkusfamilie kann: Charlie Chaplin ist den Knies freundschaftlich verbunden. «Ich erinnere mich, wie er in Lausanne mit den Zirkuskindern spielte oder morgens beim Zeltaufbau auftauchte und mit den Arbeitern schwatzte und für Fotos posierte», erzählt Fredy. «Null Starallüren!» Als Mary-José hochschwanger ist, fragt sie Chaplin: «Wisst ihr schon, was es wird?» Als sie verneint, sagt er: «Wenn es ein Mädchen wird, soll sie Géraldine heissen» – wie seine eigene Tochter. Am 19. Januar 1973 kommt Géraldine Knie zur Welt.
Eine Geburtstagstorte für Nonno
Familie und Circus Knie – bei Fredy lässt sich das nicht trennen. Ab 1992 leitet der damals 46-Jährige gemeinsam mit seinem Cousin Franco Knie den Schweizer National-Circus. 27 Jahre lang trägt er Verantwortung für ein Unternehmen, seine Mitarbeitenden und deren Familien. Fragt man ihn nach den schwierigsten Entscheidungen dieser Zeit, spricht er nicht über Personal, Programme oder Finanzen. Er spricht über Tiere: «Wenn ein Tier krank war, gelitten hat und schliesslich eingeschläfert werden musste, das war für mich ganz schlimm – weil ich das Urteil über Leben und Tod fällen musste.»
Die operative Verantwortung hat Fredy längst abgegeben. Dass die Generation um Géraldine den Circus Knie weiterführt, erfüllt ihn mit Stolz. «Das ist nicht selbstverständlich. Auch sie hat niemand dazu gezwungen.» Und mit Géraldines Kindern Ivan, Chanel und Maycol steht bereits die nächste Generation in der Manege. An einem sonnigen Nachmittag kurz vor Beginn der Spielperiode in Lausanne überraschen sie ihren Nonno, wie sie Fredy nennen, auf dem Sitzplatz vor seinem Wohnwagen. Vor ihm steht eine liebevoll dekorierte Geburtstagstorte mit Pferdemotiv, Zirkuszelt und einer grossen «80». Gesungen wird nicht. Dafür sind die Gratulationen umso herzlicher. «Wir wünschen dir noch viele glückliche Jahre – und hoffen, dass wir noch viel von dir lernen können», sagt Ivan und zündet die Kerzen an.
Fredy ist gerührt. Geburtstagsfeiern bedeuten ihm wenig, Süsses eigentlich auch. Und über sein Alter macht er sich sowieso keine grossen Gedanken. «Wenn ich gesund bin, fühle ich mich jung. Ich denke jung, nicht alt», sagt er. Doch jetzt sitzt er da als Jubilar, umringt von seinen Enkelkindern, vor einem grossen Stück Torte, das er dann doch vergnüglich verputzt, und freut sich über die brennenden Kerzen, die er alle ausbläst. Vielleicht haben Geburtstage manchmal doch ihr Gutes? Obwohl Fredy mit 80 Lebensjahren inzwischen auf viele Feste zurückblicken kann – sein 17. bleibt ihm unvergessen: Denn damals, 1963, schenkte ihm sein Vater sein erstes eigenes Pferd, den Andalusierhengst Parzi. Fredy: «Ich freute mich damals so sehr, dass ich beinahe ohnmächtig wurde.»
Heute sind es die Enkelkinder, die Nonno eine Freude machen. Seine Frau Mary-José fehlt. Eine Erkältung hält sie im Wohnwagen. Géraldine und ihr Mann Maycol sind mit den Vorbereitungen für die Premiere beschäftigt. Denn auch an einem 80. Geburtstag steht das Leben im Circus Knie nicht still.
Zirkusgemeinschaft als Vorbild
Genau das ist es, was Fredy am Zirkusleben fasziniert. Das Rastlose – und das Zeitlose zugleich. Der Circus Knie bedeutet ihm viel mehr als Manege, Tiere und Applaus. Es ist eine kleine Welt für sich. «Menschen aus 18 Nationen leben und arbeiten hier auf engstem Raum zusammen, ziehen miteinander von Stadt zu Stadt – zum Teil schon seit mehreren Generationen», sagt er. Dass dies funktioniert, ohne dass Herkunft oder Religion zum Problem werden, beschäftigt ihn gerade heute. «Die Welt mit all den Kriegen und Konflikten stimmt mich traurig», sagt er. «Umso wichtiger ist es, den Menschen mit dem Circus ein paar unbeschwerte Stunden zu schenken.»
Nach Kaffee und Kuchen nimmt Fredy seine Zwergpudel-Dame Lili mit auf einen Abendspaziergang an der Promenade beim Plage Bellerive am Genfersee. Er liebt die stillen Momente, bevor die Show beginnt. Denn Fredy ist noch immer dabei auf der ganzen Tournee. Seine Pferde auch. Was er sich zum 80. am meisten wünscht? «Gesundheit», sagt er und lächelt. «Ich bin glücklich. Ich brauche nichts mehr. Ich habe eigentlich alles, was ich gerne haben möchte.»