Darum gehts
- Esther Gemsch wagt mit 70 ihren ersten Gleitschirmflug vom Niesen.
- Die Berner Schauspielerin war dreimal verheiratet und hat drei Töchter.
- 40 Minuten dauerte der Flug über den Thunersee bis nach Spiez.
Kurz bevor es losgeht, schlägt Esther Gemsch die Hände vors Gesicht. «Darf ich kurz über meinen eigenen Mut erschrecken?» Sie steht am steilen Westhang des Niesengipfels. Die Herbstsonne scheint, der Wind weht ihr ins Gesicht, 1800 Meter weiter unten glitzert der Thunersee. Ideale Bedingungen für das Abenteuer, das vor ihr liegt: Kaum hat die Berner Schauspielerin ihren 70. Geburtstag gefeiert, wagt sie den ersten Gleitschirmflug ihres Lebens. Sie atmet tief ein und sammelt sich. Muffensausen hat sie noch nie aufgehalten. «Ich bin in meinem Leben oft ins Ungewisse gesprungen und habe darauf vertraut, dass es gut kommt. Das wird es auch jetzt.»
Einen ihrer ersten grossen Sprünge wagte sie mit 18. Frisch volljährig wollte Esther endlich das Meer sehen. Sie hatte mit ihrem langen blonden Haar als Frisuren-Mannequin etwas Geld verdient und leistete sich davon Ferien in Tunesien. Am Strand sprachen sie zwei Belgier an. Sie boten ihr eine Filmrolle an, fragten nach ihrer Adresse und versprachen, ihr ein Flugticket nach Brüssel zu schicken.
Kurze Zeit später flatterte der Brief tatsächlich ins Haus. «Heute würde man die Namen googeln, die Produktionsfirma überprüfen, nach Referenzen suchen. Damals gab es diese Möglichkeit nicht. Ich wusste weder, wer die Männer waren, noch, was mich wirklich in Brüssel erwartete.»
Dass sie dennoch in den Flieger stieg, veränderte ihr Leben: Der Film «Rue haute», in dem sie die jüngere Version der belgischen Schauspielerin Annie Cordy darstellte, war der Startschuss für ihre Schauspielkarriere. Zufall oder Schicksal? Esther Gemsch ist überzeugt, dass vieles kommt, wie es muss. Für ihren Niesenflug hat sie trotzdem ein paar Glücksbringer mitgebracht: das Hermès-Foulard und die handgestrickten Socken einer Freundin, die warme Jacke ihrer jüngsten Tochter. «In meine Liebsten gehüllt, fühle ich mich wohl.» Nicht sicher. «Sicherheit gibt es nicht, das habe ich schon als Kind gelernt.»
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!
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Turbulenter Start
Esther Gemschs Leben begann mit einer harten Landung. Sie ist dem Teufel sprichwörtlich vom Karren gefallen. Ihre Eltern, ein nobler Westschweizer und eine Bauerntochter aus dem Schwarzenburgerland, hatten sich nach der ersten Tochter nicht noch ein Mädchen gewünscht. Und schon gar kein wildes, unangepasstes, rebellisches. Auf der Suche nach Freiheit stibitzte Esther als Elfjährige das Töffli des Vaters und fuhr im Dunkeln davon. Später feierte sie an der Seite von Polo Hofer in Berner Kult-Bars die Nächte durch. Mit 16 zog sie aus, weil es zu Hause nicht mehr ging. «Meine Mutter sagte mal: Mädchen, aus dir wird nix.»
Ihr Lebenslauf beweist das Gegenteil. Auf die Filmpremiere in Belgien folgten Hauptrollen im In- und Ausland. Als Lisbeth Rohner in der SRF-Serie «Lüthi und Blanc» gehörte Gemsch fest zum Sonntagabendprogramm der Schweiz. Selbst mit 70 hat sie nicht ausgespielt: Im Januar erhielt sie den Prix Swissperform für «La linea della palma». 2027 wird sie in der neuen «Heidi»-Serie von SRF und RTL zu sehen sein. Und gerade hat sie in Frankreich eine grosse Netflix-Produktion abgedreht. Während andere Schauspielerinnen ab den ersten Falten unsichtbar zu werden scheinen, fliegen Esther Gemsch die Rollen zu.
Mit den äusseren Spuren der Jahre hat sie kein Problem. «Ein indigener Freund meinte mal, meine Pflanze sei die Hagebutte. Sie steht für Schönheit in der Jugend und Weisheit im Alter.» Seither trägt sie eine als Tattoo auf dem Rücken. «Sie schrumpelt mit mir. Das ist okay. Ich muss niemandem mehr gefallen.» Und schauspielerisch ist das Alter für sie sogar ein Gewinn. «Mein emotionaler Rucksack ist prall gefüllt. Ich kann Gefühle, die ich für Filmrollen brauche, einfach herausziehen.»
Späte Folgen
Zu diesem Rucksack gehören auch Ereignisse, über die Esther Gemsch lange schwieg. 2018 erhoben zwei Frauen schwere Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen den deutschen Regisseur Dieter Wedel. Er wies alles öffentlich zurück. Für Gemsch war das der Moment, sich solidarisch zu erheben und die Welt wissen zu lassen, was sie erlebt hatte. Sie berichtete von unerwünschten Annäherungen, Nötigung, Demütigungen und nächtlichem Telefonterror und schliesslich von einer Nacht, in der sie massive Gewalt erlebte und Wedel versuchte, sie zu vergewaltigen.
Zu einer Verurteilung kam es nie: Wedel starb vor Prozessbeginn. «Dass er ungeschoren davonkam, ist bitter.» Dennoch bereut Esther Gemsch den Schritt an die Öffentlichkeit nicht. «Es half mir, das Erlebte aus meinem Körper zu lösen. Und ich bin zufrieden mit mir, weil ich Verantwortung übernommen habe – allen Frauen gegenüber.»
Beim Bier nach dem Flug wirkt Esther Gemsch gelöst. Den Niesen, ihren Lieblingsberg, einmal aus der Vogelperspektive zu sehen, sei gigantisch gewesen, schwärmt sie. Und auf die Frage, welcher Berg in ihrer Lebenslandschaft am höchsten aufrage, sucht Esther Gemsch, die dreimal verheiratet war, nicht lange nach Antworten: «Mein Niesen ist die Mutterschaft. Meine drei Töchter.»
Anna (41) hat ihr bereits Enkelkinder geschenkt, mit Nora (33) und Thea (31) wohnt sie in einer Wohngemeinschaft in Zürich. «Dass es mir gelungen ist, meine Beziehung zu meinen Töchtern auf Augenhöhe aufzubauen und ihnen den Rückhalt zu geben, den ich nie erhielt, ist mein grösster Erfolg.»