Darum gehts
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Das «Second Home» von Chris von Rohr (74) liegt abgelegen am Meer in der Nähe des früheren Hippiedorfes Matala im Süden Kretas. Der Krokus-Gründer verbringt seit rund fünfzehn Jahren mehrere Monate auf der Insel, «wenn mir in der Schweiz die Decke auf den Kopf fällt». Kürzlich besuchte ihn Tochter Jewel (25). Und auch seine Lebenspartnerin Patricia Linder (40) ist da. Von Rohr empfängt Blick-Reporter Jean-Claude Galli auf der Terrasse seines Miethauses und spielt ein paar Akkorde auf der Gitarre. «Kalimera, Gallenstein», scherzt er. Beim Eingang des «Little House of Rock» weht die Piratenflagge, das Interview findet in der Küche statt.
Blick: Die Piratenflagge ist uns natürlich aufgefallen. Wir hoffen, Sie sind nett zu Ihren Nachbarn?
Chris von Rohr: Auf jeden Fall. Die Piraten waren ja nicht einfach böse Kerle. Das Wort kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet «etwas wagen». Das passt perfekt zu mir. Ich habe immer wieder Dinge gewagt, egal, was andere sagten. Totenköpfe bedeuteten für mich, die Vergänglichkeit vor Augen zu halten, und symbolisieren Freiheit. Und die steht bei mir über allem.
Weiss man hier, dass Sie ein Star sind?
Am Anfang gingen schon Geschichten über mich herum. Doch die Menschen fanden mich rasch cool. Einigen Nachbarn brachte ich Schokolade oder ein Schweizer Sackmesser. Hotelier und Freund Dimitris habe ich mal ins Hallenstadion eingeladen. Er sagte mir nach dem Konzert: «Now, I understand.» Sie wissen, dass hier ein friedlicher Pirat ist, der sich für die Natur interessiert, Kakteen pflanzt und für ähnliche Werte einsteht wie sie. Sie nennen mich Christo. Oder Crazy Montechristo.
Sind Sie hier ein «anderer Mensch»?
Patricia kann dir versichern, dass ich hier bin wie in Solothurn. Aber es verändert dich automatisch, wenn einen ganzen Monat lang die Sonne scheint und wenig bis nichts läuft. Dieser ruhige Ort fördert meine Gelassenheit. Ich war schon immer sehr energiegeladen und bin auch heute noch im Unruhezustand. Den kann ich hier viel mehr ablegen.
Sie können sich in der Schweiz nicht bewegen, ohne angesprochen zu werden. Wobei Sie auch wenig tun, um sich zu tarnen. Kann der eigene Mythos auch ein Gefängnis sein?
Ich gehe schon länger nur auf die Strasse, wenn ich in Stimmung dafür bin, Selfie-Wünsche zu erfüllen. Sonst bleibe ich lieber zu Hause. Aber ich habe nie vergessen, wie wir in den 1970ern bei Minusgraden für unsere ersten Konzerte Plakate aufgehängt hatten, zu denen dann ein Dutzend Leute kamen. Ich hätte scheitern können und wäre heute ein verlorener Freak in einer Mansarde. Da ist mir diese Version schon lieber.
Gibt es aber einen Teil von Ihnen, den Sie verstecken müssen?
Nein, das meiste liegt offen da. Mit Offenheit habe ich nie gespart. (Lacht.) Was wohl viele Leute nicht bemerken, ist meine feinere Seite. Ich bin nicht nur der Vollgasrocker. Ich habe seit 20 Jahren eine Kolumne in der «Schweizer Illustrierten» und mit «Himmel, Hölle, Rock 'n' Roll: die Autobiografie» einen Sachbuch-Bestseller geschrieben. Wer will, kann darin den sensibleren, reflektierten Chris erkennen.
Sie treten mit Krokus am 6. November in Freiburg auf und am 15. Dezember auf der Lenzerheide. Auch für 2027 sind Auftritte fixiert. Wie lange wollen Sie noch rocken?
Solange es uns und unseren Fans Spass macht. Wir sind keine lahme AHV-Truppe, die nur spielt, um Ex-Frauen auszuzahlen. Ich und mein Band-Freund Fernando stehen im regen Austausch. Wir spüren, was das Beste für die Band ist.
Und wie sieht es für Sie persönlich aus?
Trotz meines Daueroptimismus und der Freude am Tun kenne ich als Skorpion durchaus Selbstzweifel und Hinterfragung. Ich hinterlasse ein Lebenswerk, von dem ich sagen kann, es ist okay. Was davon in 50 Jahren übrig bleibt, wird man sehen. Dinge kommen und gehen. Ich finde es schön, wenn mir Leute schreiben: Du gibst uns Mut mit deiner offenen Art, deiner Musik und deinen Büchern. Und dass du Dinge ansprichst, die wir uns nicht zu äussern getrauen.
Was können Sie nicht und möchten es gerne noch lernen? Reinhold Messner ist 80 und kann nicht schwimmen, haben wir neulich gelesen.
Ich war nie der Hobby-Mensch. Wenn ich etwas lernen möchte, wäre es mehr zu schweigen (lacht). Aber wenn ich diesen Irrsinn auf der Welt sehe, kann ich fast nicht ruhig sein. Um es mit den Worten meines Freundes Udo Lindenberg zu sagen: «All diese gefährlichen ‹Schwachmaten› an den Schalthebeln der Macht geben schon zu denken.».
Ist dieser 75. Geburtstag ausserordentlich für Sie?
Zahlen bedeuten mir nichts. Ich vermisse aber einige Freunde, die schon vorausgegangen sind, und bin mir bewusst, dass auch meine Lebenssanduhr erbarmungslos läuft. Ja, die Streifschüsse kommen näher mit 75.
Sie wirken optisch etwa zwanzig Jahre jünger. Wie machen Sie das?
Dass ich noch einigermassen frisch aussehe, hat nebst Nivea (lacht), genug Bewegung und gutem Essen damit zu tun, dass ich seit Jahren happy lebe und nie in den Drogensumpf fiel. Klar schlief, hörte und sah ich mit 30 besser, aber hey, ich darf nicht klagen.
Sie machen sich Gedanken über Vergänglichkeit und Tod. Haben Sie Angst davor?
(Entschlossen) Nein! Ich glaube ganz fest, dass mit dem Tod die grosse Erlösung kommt. Fertig mit all dem Stress. An das Höllenmärchen glaube ich eh nicht. Das gibt es nur hier auf Erden – von Menschen gemacht. Vor dem Tod habe ich keine Angst. Aber wie alle anderen Menschen vor den Schmerzen und dem Abschied.
Was kommt nach dem Tod?
Beim Thema Wiedergeburt bin ich eher skeptisch. Und dass ich meinen Liebsten im Himmel wieder begegne, kann ich mir auch nicht vorstellen. Es wäre schön, aber ich glaube nicht daran. Wir fallen wohl eher als ein kleiner Tropfen in diese Universumssuppe. Deshalb ist «carpe diem» so wichtig, jeden Tag zu geniessen. Irgendwann ist fertig. Deshalb beginne ich, mich langsam von Dingen zu trennen. Zum Beispiel von meinem Rolls-Royce und anderen Überflüssigkeiten. Vor meinem Haus steht oft das Schild: «Gratis zum Mitnehmen.» (Lacht.)
Haben Sie auch schon vorgesorgt für den Fall eines überraschenden Todes?
Klar, mein Testament ist gemacht. Es wäre schlimm, wenn es bei mir «päng» macht, und meine Liebsten sich um meinen Nachlass streiten müssten. Geht gar nicht. Vielleicht habe ich noch 20, 25 Jahre. Das Leben ist kurz, und die entscheidende Frage ist, ob ich das Maximum herausgeholt habe. Stand jetzt: ja. Aber ich bin noch hungrig. Es ist noch nicht vorbei. Vielleicht noch ein Buch oder einen geilen Song schreiben. Mein einziger Wunsch im Moment: Möge es einfach noch ein bisschen so weitergehen wie jetzt.
Ein entscheidender Baustein zu Ihrem Glück ist die Liebe ...
Unbedingt! Da wäre einmal die Liebe zu meiner Tochter. Vor 25 Jahren kam dieses Glück in mein Leben, gerade als ich mit Gotthard und «Heaven» Nummer 1 in den Single-Charts war. Dann vor sieben Jahren Patricia. Nach allen Irrungen und Wirrungen mit früheren Beziehungen ist diese Frau ein Riesensegen. Ich war noch nie so ausgeglichen und glücklich. Patricia liebt meine unerschrockene Art. Sie checkt mein Wesen und mein Werk und lässt mich so, wie ich bin. Wir passen einfach perfekt zusammen und sind jeden Tag dankbar, uns gefunden zu haben.
Beim späteren Abendessen spricht Blick Patricia Linder auf diese Liebeserklärung an. Sie sagt dazu: «Wir haben uns bei einer Buchvernissage kennengelernt, und Chris war und ist ein Volltreffer für mich. Jeder Tag ist ein Ereignis. Wir ergänzen uns perfekt und gleichen uns aus. Und wir können gemeinsam lachen. Humor ist etwas vom Wichtigsten für eine gute und stimmige Beziehung.»
Wie und wo feiern Sie Ihren Geburtstag?
Ich sage immer, dass der Geburtstag eigentlich der Mutter gehört. Sie müsste gefeiert werden, weil sie damals den harten Job machte. Selbst habe ich meine Geburtstage nie gefeiert. Den 24. Oktober werde ich wahrscheinlich hier verbringen. Ohne Brimborium. Auch Beerdigungen und Hochzeiten liegen mir wenig.
Sie haben in Ihrer letzten SI-Kolumne die viel beschworene Pralinenschachtel von «Forrest Gump» erwähnt. Was haben Sie daraus bekommen?
Trüffel, viel Trüffel, Cognac-Trüffel. (Lacht.) Ich bin dankbar. Nach zähem Start ist vieles gelungen. Ich kann ich selber sein, lebe meinen Traum und habe wunderbare Menschen um mich herum. Schlussendlich bin ich hier, um Freude, Mut und ewige Schätze weiterzugeben. Gerade in Zeiten von zunehmender Spaltung und Gräben tut das allen gut – auch mir.
Chris von Rohr wurde 1951 in Solothurn geboren. Als Gründer und Bassist von Krokus und als Produzent von Gotthard, Polo Hofer oder Patent Ochsner verkaufte er rund 15 Millionen Tonträger und erhielt über 50 Mal Edelmetall, so auch Gold und Platin in den USA und Kanada. Von Rohr ist Ehrenbürger von Memphis im US-Bundesstaat Tennessee. Mit «Hunde wollt ihr ewig rocken», «Himmel, Hölle, Rock ’n’ Roll» und zuletzt «Meh Glück!» gelangen ihm mehrere Buch-Bestseller. In verschiedenen TV-Formaten profilierte er sich als Juror und kritischer Entertainer. Sein Spruch «Meh Dräck» bekam 2003 das Prädikat «Schweizer Wort des Jahres». Seit 20 Jahren ist von Rohr Kolumnist bei der «Schweizer Illustrierten», zudem malt er auch. Er ist Vater einer Tochter (Jewel, 25) und seit sieben Jahren mit Patricia Linder (40) zusammen. Er wohnt in Solothurn und auf Kreta.
Chris von Rohr wurde 1951 in Solothurn geboren. Als Gründer und Bassist von Krokus und als Produzent von Gotthard, Polo Hofer oder Patent Ochsner verkaufte er rund 15 Millionen Tonträger und erhielt über 50 Mal Edelmetall, so auch Gold und Platin in den USA und Kanada. Von Rohr ist Ehrenbürger von Memphis im US-Bundesstaat Tennessee. Mit «Hunde wollt ihr ewig rocken», «Himmel, Hölle, Rock ’n’ Roll» und zuletzt «Meh Glück!» gelangen ihm mehrere Buch-Bestseller. In verschiedenen TV-Formaten profilierte er sich als Juror und kritischer Entertainer. Sein Spruch «Meh Dräck» bekam 2003 das Prädikat «Schweizer Wort des Jahres». Seit 20 Jahren ist von Rohr Kolumnist bei der «Schweizer Illustrierten», zudem malt er auch. Er ist Vater einer Tochter (Jewel, 25) und seit sieben Jahren mit Patricia Linder (40) zusammen. Er wohnt in Solothurn und auf Kreta.