Darum gehts
- Charles Lewinsky feiert 80. Geburtstag am 14. April mit Buchpremiere
- Erfolgsautor hinter «Melnitz» und Kultserien wie «Fascht e Familie»
- Fünf Bestseller-Plakate in seiner «Eitelkeitsecke» erinnern an seine Erfolge
Dass er 80 wird, lässt Charles Lewinsky eigentlich kalt. «Solange ich mich noch jeden Tag hinsetzen und schreiben kann, ist diese Zahl für mich unwichtig», sagt der Erfinder von Schweizer Kultserien wie «Fascht e Familie» und «Fertig lustig». Lewinsky gilt als Sitcom-Papst, Humorlehrmeister, Geschichtenerfinder. Die Bücher des Bestsellerautors sind längst Klassiker der modernen deutschsprachigen Literatur. Mit «Melnitz» erlangte er international den Durchbruch, mit Romanen wie «Der Halbbart» oder «Täuschend echt» knüpfte er an den Erfolg an, heimste zahlreiche Preise ein. Statt den runden Geburtstag feiert Lewinsky am 14. April lieber die Premiere seines neuen Buches «Eine andere Geschichte». Beim Interview im Kulturhaus Cinema Odeon in Brugg AG, wo er am Abend eine Lesung hat, zeigt er sich launig und geistreich.
Schweizer Illustrierte: Haben Sie Angst davor, 80 zu werden?
Charles Lewinsky: Ich fürchte mich einzig vor dem Tag, an dem ich aufhören muss zu arbeiten. Dann hat hoffentlich irgendjemand die Nummer vom Bestattungsunternehmer. Wenn ich nicht mehr schreibe, existiere ich nicht mehr. Schreiben ist, was mich definiert. Nicht nur, weil es mir Spass macht, sondern weil es meine Art ist, mit der Welt umzugehen.
Machen Sie sich Gedanken über den Tod?
Wer tut das nicht? Irgendwann erwischt es jeden. Ich sehe es mehr als organisatorisches Problem. Wobei, wenn ich tot bin, haben andere das Problem, nicht ich (lacht).
Und wenn Sie noch an einem Buch sitzen?
Das kann passieren, wird aber keinen interessieren, weil keiner weiss, was ich noch in den Computer getippt habe. Ich sagte letzthin meiner Lektorin im Diogenes Verlag, dass ich fleissig vorgearbeitet habe und sie das dann posthum herausbringen könnten. Sie fand das gar nicht lustig, ich hielt es für eine ganz sachliche Feststellung.
Zählt Fleiss zu Ihren Tugenden?
Ich weiss es nicht! Sie kennen vielleicht den Satz: «Ich hätte viel zu erzählen, aber ein ganzes Buch bringe ich nicht zustande.» Dabei muss man nur jeden Tag eine Seite schreiben; das kann jeder. So ist Ende des Jahres ein Buch fertig.
Dazu gehört allerdings Selbstdisziplin?
Als ich fürs Fernsehen die Drehbücher zu «Fascht e Familie» schrieb, hatte ich teils absurde Vorgaben: Jede Folge muss 23 Minuten und 30 Sekunden lang sein, nicht mehr als fünf Personen und einen Schauplatz haben, um es in einem Studio drehen zu können – und es soll Erwachsenen und Kindern gefallen. So lernte ich, exakt zu schreiben. Das ist mir beim Bücherschreiben bis heute nützlich. Nur bestimme ich jetzt selbst die Vorgaben.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.
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Sein erstes Gedicht schrieb Lewinsky im Religionsunterricht. Er fand es kürzlich – beim Aufräumen – in einem Umschlag im Gebetsbuch. «Ein sehr böses Gedicht über den langweiligen Religionslehrer.» Er sei früh lesesüchtig gewesen. «Als kleiner Junge unterzog mich meine Mutter einer Leibesvisitation, ehe ich aufs Klo durfte. Sie wusste, wenn ich ein Buch dabeihabe, kommt so schnell keiner mehr rein.» Er kam der Beschlagnahme zuvor, indem er vorab Bücher hinterm Wasserboiler versteckte. «Vor allem Scheiss, Karl May war das Literarischste», erinnert sich Lewinsky. Seine Lesesucht ausgenutzt, ihn dafür aber an ordentliche Literatur herangeführt habe ihn sein Gymi-Lehrer. «Der log mich glatt an, meinte, er müsse für die Bibliothek viele Bücher lesen und entscheiden, ob sie gekauft werden. Ob ich nicht das eine oder andere lesen und ihm sagen könne, ob es gut sei. Das machte mich stolz.» Lewinsky lernte so Weltliteratur wie Hemingways «Der alte Mann und das Meer» kennen – und lieben.
Er spielt früh im Zürcher Kindertheater Metzenthin, geht nach der Matur als Volontär ans Luzerner Stadttheater, führt als 20-Jähriger bereits Regie, studiert in Zürich und Berlin Germanistik und Theaterwissenschaften und wird in den 1970er-Jahren Redaktor beim Schweizer Fernsehen. Als eine Reorganisation ansteht und ihm sein Chef bei einem Treffen in der Kantine erklärt, wie er künftig arbeiten soll, steht Lewinsky auf, marschiert in sein Büro, schreibt die Kündigung, legt sie dem Abteilungsleiter ins Fach – und geht.
Sie hatten damals schon Familie.
Ja, und ich war eigentlich unkündbar. Als ich mittags heimkam, erzählte ich meiner Frau, dass ich gekündigt habe und es als freier Autor versuchen würde. Ruth sagte nur: «Das war sicher richtig. Hör mal, was unser Junge heute gemacht hat.» Das war alles. Ich hatte immer den absoluten Rückhalt von meiner Frau. Von da an lebten wir von der Schreibmaschine in den Mund (lacht).
Ihren ersten Roman …?
… kennt keiner. Den habe ich mit 20 geschrieben, er liegt bis heute in der Schublade.
Wieso?
Er war nicht gut, ziemlich scheusslich sogar. Ich habe ihn nie jemandem gezeigt.
Auch nicht Ihrer Frau? Liest sie eigentlich Ihre Bücher jeweils als Erste?
Nein! Zwar liest Ruth meine Manuskripte als Erste, sie ist aber keine, die mir sagt, wie sie es findet. Aber nach so vielen gemeinsamen Jahren – wir feiern dieses Jahr unseren 57. Hochzeitstag und kennen uns seit 60 Jahren – ist es so, dass, wenn sie sagt, es sei okay, ich es nochmals überarbeite.
Und was ist das höchste Lob, das Sie von ihr je erhalten haben?
Das höchste Lob gab’s für ein Buch, das noch gar nicht publiziert wurde. Nachdem sie es gelesen hatte, sagte sie: «Das hat mir wirklich gefallen!»
Aber wird es noch veröffentlicht?
Ja, es erscheint irgendwann. Der Diogenes Verlag hat auch noch andere Autoren (lacht).
Über den Sommer zieht es den Erfolgsautor von Zürich wieder nach Vereux. «Meine Frau kommt selten mit, schreibende Männer sind keine gute Gesellschaft.» In Frankreich widmet er sich neben dem Schreiben dem Gärtnern. Ganz früher unternahmen Lewinsky und seine Frau ausgiebige Spaziergänge. Aber Ruth entwickelte ein anderes Tempo. Auf die Frage, ob sie schneller oder langsamer als er laufe, meint er sibyllinisch: «Ich bin mit einer Gazelle verheiratet.» Lewinsky ist auch Grossvater, hat drei Enkel zwischen neun und 16 Jahren. Sein Sohn Michael (53) hat zwei Kinder, Tochter Tamar (51) einen Sohn. Den jüngsten Enkel hat er gerade besucht – in Berlin. «Es war sehr schön. Jetzt sehe ich ihn ein paar Monate nicht.»
Sind Sie ein guter Grossvater?
Geht es darum, so wie viele Grosseltern zu sagen, an diesem oder jenem Tag nehme ich euch die Kinder ab, bin ich eher enttäuschend. Ich arbeite ja noch, schreibe jeden Tag von neun bis 11.45 Uhr und ab zwei wieder – oft bis fünf, auch sonntags.
Aber wenn Sie ein Buch fertig haben …
… falle ich jedes Mal in eine tiefe Depression. Ich habe dann das Gefühl, leer zu sein, und mich plagt die Angst, dass mir nichts Neues einfällt. Ich bin dann nicht sehr umgänglich.
Wie äussert sich das?
Ich werde sehr grummelig.
Mit 80 könnten Sie etwas mehr Nachsicht mit sich selbst haben.
Sie meinen, ich sollte gütiger mit mir selbst sein? Nein, ich bin nicht altersmild, ich bin eher alterswild (lacht).
Gibt es etwas, das Sie bereuen?
Jede Menge. Nur das erzähle ich keinem. Aber wenn ich so auf meine 80 Lebensjahre zurückblicke: Ich bin seit 60 Jahren mit derselben Frau zusammen, habe zwei erfreuliche Kinder, drei erquickliche Enkel, bin beruflich erfolgreich – worüber soll ich mich beschweren? Mir geht es gut!
Verraten Sie uns noch ein Geheimnis!
Ich habe daheim eine Eitelkeitsecke: Landet eins meiner Bücher in der Bestsellerliste auf Platz eins, schneide ich es aus und rahme es ein. Inzwischen stehen da fünf Bilderrahmen. Ja, ich halte mich für einen recht brauchbaren Bücherschreiber (lacht).