Schriftsteller Charles Lewinsky hat den Tamedia-Zeitungen ein Interview gegeben. Und Töne angeschlagen, wie sie typisch sind für die heutigen Kulturschaffenden. Lewinsky ist ein begnadeter Schriftsteller; mit «Melnitz» hat der dem Schweizer Judentum ein Denkmal geschaffen, «Der Wille des Volkes» ist eine brillante Persiflage auf die SVP, garniert mit feinen Spitzen gegen die verluderte Sprache der Journalisten.
Der breiten Öffentlichkeit aber ist Lewinsky als Drehbuchautor der Sitcom «Fascht e Familie» bekannt, die für das Schweizer Fernsehen ein Erfolgsformat war. Doch Lewinsky scheint nicht stolz auf seine TV-Serie zu sein. «Es ist schwer, danach nicht nur der von der Sitcom zu sein», klagt er. «Im Bewusstsein vieler bin und bleibe ich der Lustige.» Fast entschuldigend merkt er an, dass er damals mit dem Job beim Leutschenbach die Familie ernähren konnte. Er habe sich «aber immer als Schriftsteller gesehen, der auch Unterhaltung produzieren kann».
Die Furcht vor Popularität ist ein Phänomen der Gegenwart. William Shakespeare wollte sein Globe Theatre an der Themse füllen und orientierte sich an der Masse, die nach immer mehr Liebe, Tod und Krieg auf der Bühne dürstete. Wolfgang Amadeus Mozart wollte mit der Zauberflöte nicht die Feuilletonisten beglücken, sondern das Publikum. Deshalb packte Theaterdirektor Emanuel Schikaneder die Handlung mit den Sehnsuchtsthemen des kitschigen Zeitgeists jener Epoche voll: eine exotische böse Königin und ein Sieg der Liebe. Das Werk ist heute die populärste Oper der Welt. Mozart würde es gefallen.
Über den Krampf der Kulturschaffenden mit der Masse beklagte sich der verstorbene Udo Jürgens einmal mit dem Hinweis: In Frankreich wäre er ein Chansonnier gewesen, in Italien ein Cantautore – im Deutschen müsse er als Schlagersänger existieren. Allerdings ist bereits der Begriff Kulturschaffender ein Falle – die Designerin, die einen Tisch entwirft, der Metzger, der eine Wurst macht, oder der Bierbrauer: Sind das nicht ebenfalls Kulturschaffende? Sie wollen nichts lieber als den Massengeschmack treffen. Ganz wie Lewinsky mit «Fascht e Familie».