Darum gehts
- Wagner-Oper «Rienzi» erstmals an den Festspielen in Bayreuth aufgeführt
- Laute Jubelrufe und Fussgetrampel aus dem Publikum am Sonntag
- Wagner-Urenkelin Katharina Wagner findet Resultat «sehr kompakt und gelungen»
Am Ende gab es gestern Sonntag im Publikum laute Jubelrufe und kräftiges Fussgetrampel – höchst unüblich beim stets distinguiert wirkenden Opernpublikum. Pünktlich zum 150. Geburtstag der weltbekannten Festspiele in Bayreuth kommt erstmals Richard Wagners (1813–1883) Frühwerk «Rienzi» zur Aufführung. Es schildert Aufstieg und Fall des italienischen Magistraten Cola di Rienzo (1313–1354) und löst deshalb bis heute so grosse Emotionen aus, weil es als Lieblingsoper von Adolf Hitler (1889–1945) gilt.
«In jener Stunde begann es»
Dass der NS-Diktator und Klassikfan Hitler den deutschen Komponisten Wagner über alles verehrte, ist allseits bekannt. Und seine besondere Faszination für «Rienzi» ist verbürgt.
Thematisiert ist sie im Buch «Adolf Hitler, mein Jugendfreund» des Musikers August Kubizek (1888–1956). Darin beschreibt Kubizek, wie stark Hitler als Jugendlicher von einer «Rienzi»-Aufführung in Linz 1906 als 17-Jähriger begeistert war.
«In jener Stunde begann es», sagte Hitler später und schilderte den Moment als eigentliches «Erweckungserlebnis» für ihn und seine ideologischen Gedanken, die schliesslich im Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust mündeten.
Die Originalpartitur bekam Hitler 1939 zum 50. Geburtstag von der Wagner-Familie geschenkt, sie ist seither verschollen und verbrannte vermutlich 1945 zusammen mit ihm im Führerbunker in Berlin.
Am meisten Eindruck machten Hitler an «Rienzi» offenbar nicht die musikalischen Kniffe von Wagner, sondern – nicht ganz überraschend – die gefühlsbetonten Massenszenen. Die Ouvertüre wurde später immer bei den Reichsparteitagen gespielt.
Dass der namensgebende Volkstribun am Ende stürzt, mag Hitler dagegen weniger gefallen haben. Auch aus diesem Grund wurde die Oper in Italien, wo sie geschichtlich angesiedelt ist, gemieden. Die historische Figur Rienzo soll übrigens wie der italienische Diktator Benito Mussolini (1883–1945) kopfüber aufgehängt worden sein.
Wagner war mit seinem zwischen 1838 und 1840 komponierten und 1842 uraufgeführten Werk im Rückblick nicht mehr zufrieden und bezeichnete es als «Jugendsünde» und die Hauptfigur als «Schreihals».
Er untersagte eine Aufführung bei den Festspielen, die jetzt für das Jubiläum zuerst vom Stiftungsrat per Sonderbeschluss bewilligt werden musste.
Warnung vor dem Rechtsruck
«Rienzi» ist mit fünf Stunden Dauer ohne Pause sein längstes Einzelwerk. In Bayreuth ist eine gekürzte Fassung zu sehen, auch zum Wohl des Publikums.
Die ungarischen Regisseurinnen Alexandra Szemeredy und Magdolna Parditka verlagern die Handlung in eine trostlose römische Plattenbau-Siedlung der nahen Gegenwart, wo die «Rienzi»-Botschaften auf fruchtbaren Boden fallen.
Für Festspielchefin und Wagner-Urenkelin Katharina Wagner (48) ist die Inszenierung «sehr kompakt und gelungen». Die Entscheidung, die Oper nun erstmals am Festival aufzuführen, soll auch eine Reaktion auf die gegenwärtigen politischen Strömungen nicht nur in Deutschland sein.
Katharina Wagner sagt, dass die Inszenierung auch als Warnung vor dem Rechtsruck in Gesellschaft und Politik zu verstehen sei.
Für das Schweizer TV-Publikum läuft «Rienzi» am Samstag, 1. August, ab 20.15 Uhr auf 3sat.