Darum gehts
- Boaz Davidson schrieb die ersten Drehbücher zur «Eis am Stiel»-Filmreihe vor 50 Jahren
- Der erste Teil der Reihe war für einen Golden Globe nominiert und lief 1978 an der Berlinale
- RTL Zwei zeigt die ersten drei Filme der Reihe am Sonntag, 19. Juli 2026
Am Sonntag zeigt RTL Zwei ab 20.15 Uhr wieder einmal die erste Hälfte der acht «Eis am Stiel»-Filme. Die Reihe ist ein Denkmal der Popkulturgeschichte, das niemanden kaltlässt und dessen Entstehung nun 50 Jahre zurückliegt.
Bei ihrer Ersterscheinung werden die Werke kontrovers besprochen, und ihr Ruf hat mittlerweile etwas gelitten. «Eis am Stiel» ist heute ein Synonym für billig wirkenden Softerotik-Klamauk. Der bekannteste der drei Hauptdarsteller, Zachi Noy (73) als Johnny, ist später in Trash-TV-Formaten wie «Promi Big Brother» oder «Das Supertalent» zu sehen. Ein Gastauftritt als Glacé-Verkäufer 2023 im Film «Manta Manta – Zwoter Teil» fällt dem Schnitt zum Opfer.
Ein kritischer NDR-Dokfilm von Eric Friedler (55) aus dem Jahr 2018 beleuchtet Vorkommnisse hinter den Kulissen. Manche Darsteller werden angeblich zu Nacktszenen genötigt und haben danach Mühe, ihre Karriere fortzusetzen. Fakt ist, dass Noy wie auch Yiftach Katzur (68, Benny) und Jonathan Sagall (67, Momo) dem Schauspielbusiness beruflich auch nach diesen Filmen treu bleiben. Sagall kommt 1993 gar zu einer kleinen Rolle in «Schindlers Liste».
«Sind Sie nicht der Dicke aus ‹Eis am Stiel›?»
Noy sagt in seiner 2024 erschienenen Biografie von Martin Hentschel (41) auf die Frage, ob es nicht bitter sei, immer wieder auf «der Dicke» aus «Eis am Stiel» reduziert zu werden: «Das ist meine Schuld, weil ich mich damit seit über 40 Jahren selbst vermarkte. Vielleicht ist ‹Schuld› das falsche Wort. Ich möchte es gar nicht bewerten. Diese Rolle gehört zu mir und nimmt einen grossen Stellenwert in meinem Leben ein.»
Am Anfang der «Eis am Stiel»-Saga steht Regisseur und Drehbuchautor Boaz Davidson (82), der seine Kindheit in Tel Aviv verbringt. In den 1960er-Jahren steigt er mit «Bourekas», einem speziellen israelischen Melodrama-Genre, in die Branche ein. Künstlerisch orientiert er sich rasch Richtung Amerika. Zwei Filme beeindrucken ihn besonders: die Coming-of-Age-Klassiker «Sommer ’42» von 1971 und «American Graffiti» von 1973.
In «Eis am Stiel» finden sich viele Zitate daraus. Seine persönlichen Erlebnisse und sein Charakter fliessen in die Figur von Benny ein. Aufgenommen wird die Geschichte am Originalschauplatz in der Mittelmeer-Metropole. Kameramann ist Adam Greenberg (1937–2025), der später Blockbuster wie «Terminator» oder «Sister Act» realisiert.
Der erste Teil wird unter dem Titel «Eskimo Limon» – benannt nach einer damals beliebten Glacé-Kreation – in knapp 20 Tagen gedreht. Er enthält noch kaum Slapstick-Elemente und freizügige Szenen, sondern ist von einer Grundmelancholie getragen und tendiert Richtung Drama. Er läuft 1978 im offiziellen Wettbewerb der Berlinale, ist für einen Golden Globe nominiert und steht auf der Longlist für den Oscar als bester fremdsprachiger Film.
Kassenschlager in Israel und Deutschland
In Israel sehen ihn eine Million Menschen, in Deutschland zweieinhalb. Das Staunen ist gross, dass ein bisher nicht als Kinonation bekanntes Land ein solches Werk hervorbringt. Vermutlich trägt er auch dazu bei, die damals noch stark belasteten israelisch-deutschen Beziehungen zu normalisieren.
Mit Blick auf möglichen Profit in der Bundesrepublik beteiligen sich ab Folge 3 deutsche Produzenten an der Reihe. Um dort noch mehr Publikum in die Kinos zu locken, treten bekannte Gesichter wie die Erotik-Starlets Sibylle Rauch (66) oder Bea Fiedler (69) auf.
Grossen Anteil am Erfolg des Erstlings hat der Soundtrack mit vielen Rock- und Pop-Hits. In der Eile klärt Davidson die Songrechte nicht sauber ab. Für den internationalen Markt kommt vorerst eine zensurierte Version zum Einsatz. Doch grundsätzlich liegt Davidson mit der Verwendung solcher Songs im Trend. Die ersten «Eis am Stiel»-Filme erscheinen in der Hochblüte von Musik- und Tanzfilmen wie «Saturday Night Fever» 1977 oder «Grease» 1978, der bis heute als Musical erfolgreich ist – siehe die aktuellen Thunerseespiele.
Die «Go-Go-Boys» und Bauhaus
Die wichtigsten Unterstützer von Boaz Davidson sind Menahem Golan (1929–2014) und Yoram Globus (82). Die beiden «Go-Go-Boys» genannten Cousins produzieren alle «Eis am Stiel»-Filme. Die beiden bieten mit ihrer Firma Cannon Group in den 1980er-Jahren mit günstig und rasch hergestellten Action-Reissern mit Sylvester Stallone (80) oder dem kürzlich verstorbenen Chuck Norris zeitweise den grossen Hollywoodstudios Paroli.
«Eis am Stiel» besteht aus einer Ära mit und ohne Boaz Davidson. Bereits in Folge 3 wird er dazu gedrängt, vermehrt Erotikszenen und Klamauk einzubauen. Im vierten Teil führt er letztmals Regie, nach Folge 5 steigt er auch als Drehbuchautor aus.
So ist sein Vermächtnis vor allem in jenen Filmen spürbar, die nun auf RTL Zwei laufen. Diese Werke sind es auch, die heute sogar Architektur-Interessierten als Studienobjekt in Uni-Hörsälen dienen.
Viele der in den Filmen noch als Kulisse sichtbaren ikonischen Bauhaus-Bauten von Tel Aviv sind mittlerweile beschädigt und werden abgerissen, weil die salzhaltige Meeresbrise das empfindliche Mauerwerk permanent angreift. Nicht alle Denkmäler sind also unvergänglich.