Podcast-Stars Jacqueline Belle und Alexander Stevens
Warum sie den Fall Gil Ofarim niemals bringen werden

Jacqueline Belle und Alexander Stevens sind erfolgreiche True-Crime-Podcaster und gehen damit auch auf Tour. Im Gespräch mit Blick sprechen sie über True-Crime-Kritik, Stevens' wohl berühmtesten Mandanten Gil Ofarim und menschliche Abgründe.
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Alexander Stevens und Jacqueline Belle haben seit 2020 einen gemeinsamen Podcast.
Foto: zVg

Darum gehts

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Saskia SchärRedaktorin People

Journalistin Jacqueline Belle (37) und Strafverteidiger Alexander Stevens (45) führen einen der erfolgreichsten True-Crime-Podcasts im deutschsprachigen Raum. Nach dem Knall beim Bayerischen Rundfunk (BR) – der Sender warf Stevens nach einer Kontroverse um einen auf Tour behandelten Fall vergangenes Jahr raus – machen sie unter «True Crime 187» auf eigene Faust weiter.

Blick: Frau Belle, wie erklären Sie sich den Erfolg Ihres Podcasts?
Jaqueline Belle: Das fragen wir uns selbst manchmal auch. Wir wurden damals so ein bisschen zusammengewürfelt und haben schnell gemerkt, dass das zwischen uns gut matcht. Mit Alex haben wir jemanden dabei, der wirklich aus eigener Erfahrung spricht, der bei den Fällen dabei ist, der das alles erlebt hat. So können wir mehr Infos als nur die aus der Presse liefern und tiefer in die Fälle einsteigen. Das unterscheidet uns von anderen True-Crime-Podcasts. 

Trotz des grossen Erfolgs bleiben auch Sie nicht von der Kritik an True-Crime-Formaten verschont. Können Sie diese nachvollziehen?
Alexander Stevens:
Als Strafverteidiger sehe das natürlich mit einer anderen Brille. Dank meines beruflichen Hintergrunds sind wir nicht ein reines Unterhaltungsformat, sondern eines, bei dem man wirklich was lernt. Und bei dem man mit vielen Mythen aufräumen und vieles erklären kann, was man als Aussenstehender oder auch als Journalist gar nicht weiss. Klar kenne ich die True-Crime-Kritik, man würde mit dem Leid von Betroffenen unterhalten. Auf der anderen Seite ist die beste Prävention – und das muss man so sagen – Aufklärung.
Belle: Wir kriegen ja auch wahnsinnig viel positives Feedback – auch von Opfern und Angehörigen. So hat die Mutter eines Mordopfers, deren Fall wir besprochen hatten, gesagt, wie dankbar sie sei, dass über das Thema Stalking aufgeklärt wird. 

Auf der einen Seite gibt es positives Feedback, auf der anderen wird Ihnen, Herr Stevens, immer wieder vorgeworfen, mit Ihren Aussagen im Podcast die öffentliche Meinung über Ihre Mandanten zu beeinflussen und rechtskräftige Urteile infrage zu stellen. Wie reagieren Sie darauf?
Stevens:
Na so, wie man als Strafverteidiger darauf reagiert: Das ist meine Aufgabe. Dafür bin ich ausgebildet worden, und das möchte der Rechtsstaat auch. Der möchte, dass man den Finger in die Wunde legt. Und genau deshalb gibt es so etwas wie Wiederaufnahmeverfahren, genau deswegen gibt es auch unschuldig Verurteilte, die erst im Nachgang ihre Unschuld beweisen können. Und auch solchen Leuten muss man in einem Rechtsstaat, in einem Staat, in dem es Meinungsfreiheit gibt, eine Stimme geben dürfen. Und nichts anderes habe ich getan.
Belle: Ich denke, man kann unseren Hörerinnen und Hörern auch zutrauen, zu verstehen, dass das ein Strafverteidiger ist, der seine Fälle vorstellt. Man darf nicht davon ausgehen, dass die Leute dann sagen «Ach ja, alles, was der Anwalt sagt, da vertraue ich jetzt drauf». Aus den ganzen Nachrichten, die wir täglich bekommen, kann man herauslesen, dass alles hinterfragt wird und unsere Zuhörenden ihre eigenen Meinungen dazu haben. Zudem haben wir immer wieder darauf hingewiesen, dass das keine neutrale Berichterstattung ist, sondern aus Sicht des Anwalts geschildert wird.

Klare Position ergriffen Sie, Herr Stevens, auch bei Gil Ofarim, den Sie in seinem Antisemitismus-Fall vertreten haben. Im Dschungelcamp behauptete er, er müsse wegen einer Erklärung schweigen. Die Gegenseite widersprach. Was steckte wirklich dahinter?
Stevens:
Es gab hinter den Kulissen natürlich Absprachen. Wir haben uns in einem Gentlemen's Agreement – das ist tatsächlich nicht schriftlich festgehalten worden – geeinigt, dass keine der Parteien sich dazu äussert. Und daran haben wir uns gehalten, bis dann im Dschungel der allgemeine Hass losbrach. 

... woraufhin Sie ihren Mandanten in den sozialen Medien verteidigt haben.
Stevens:
Ich habe so etwas selten erlebt. Auch als Strafverteidiger, der wirklich schlimmste Straftäter verteidigt hat. Da gehts bisweilen um Menschen, die Kinder getötet haben, und nicht einmal in solchen Fällen bin ich solchem Hass begegnet. Und das hat mich dazu verleitet – im Übrigen unabgesprochen –, einfach mal klar zu sagen, was Sache war. Und Sache war, dass es dieses Gentlemen's Agreement gab. Dass er sich darüber hinaus auch vertraglich verpflichtet hat, gewisse Sachen nicht noch mal zu sagen, ist auch klar. Zudem hatte er auch von uns Anwälten die Anweisung, die Klappe zu halten. Denn ich finde, in einem solchen Format hat diese Straftat, die es ja zweifelsohne war, nichts verloren. Das ist ein Unterhaltungsformat, und das wird weder dem Opfer noch in dem Fall dem Täter gerecht. 

Wann bereiten Sie den Fall in Ihrem Podcast auf?
Belle:
Niemals! (lacht)
Stevens: Darüber ist Jacqi nicht so begeistert (lacht).

Warum nicht?
Belle:
Diese ganze Diskussion war so aufgeheizt, und ich glaube nicht, dass es eine gute Idee wäre, den Fall aufzunehmen. Ich glaube auch nicht, dass man in einer eineinhalbstündigen Folge diesem Thema gerecht werden kann. Daher war ich der Meinung, lassen wir das lieber. Das gibt es übrigens immer mal wieder, dass wir uns bei manchen Fällen einfach dagegen entscheiden, weil wir das Gefühl haben, das bringt uns nicht weiter oder bringt uns vielleicht gar einen Shitstorm.

Sie beschäftigen sich im Zusammenhang mit dem Podcast mit den menschlichen Abgründen, begegnen nicht nur heftigen Geschichten, sondern ebenso heftigen Bildern. Welchen Einfluss hat das auf Ihren Alltag? Können Sie noch ruhig schlafen?
Belle:
Ich schaue mir tatsächlich Dinge oft nicht an. Alex sagt mir schon oft: «Das ist nichts für dich, schau es dir nicht an.» Ich bin da sehr viel emotionaler und merke, dass ich, seit ich mich intensiver mit dem Thema beschäftige, auf manche Dinge stärker achte. Etwa, wenn ich abends nach Hause gehe.

Stevens: Ich bin natürlich durch meine Zeit als Rettungssanitäter ziemlich abgehärtet. Ich habe mit 15 schon angefangen und diese ganze Ausbildung durchlaufen, und da erlebt man wahnsinnig viel, ist noch viel näher am Geschehen dran. Man erlebt es noch mal ganz anders als jetzt «nur durch die Akten». Aber es gibt schon Fälle – das sind dann die, die wir nicht im Podcast bringen –, die einen fassungslos machen und so tief in die Abgründe der menschlichen Seele blicken lassen, dass man sich fragt, kann das eigentlich sein? Das sind Momente, bei denen man ins Grübeln kommt und sich überlegt, mache ich hier den richtigen Job? Willst du so jemanden verteidigen? Aber da bin ich bisher in meiner Linie immer hart geblieben, habe noch keinen Fall abgelehnt.

Herr Stevens, Sie sind nicht nur Strafverteidiger, Podcaster und mehrfacher Bestsellerautor, Sie gehen auch mit dem einstigen «Tagesschau»-Sprecher Constantin Schreiber auf True-Crime-Tour und waren früher bei der TV-Sendung «Richter Alexander Hold» zu sehen. Sind sie ein bisschen aufmerksamkeits- respektive mediengeil?
Stevens:
Es ist nicht so, dass es mich aktiv zu den Medien zieht. Das beste Argument dafür ist, dass Sie mich nie auf dem roten Teppich sehen werden. An Angeboten diesbezüglich mangelt es nicht, aber es ist einfach nicht meine Welt. Ich bin gar nicht die Rampensau, wie man mir vielleicht gern unterstellt. Im persönlichen Umfeld bin ich eher ein schüchterner Typ. Ich bin auch kein guter Smalltalker, gehe so gut wie nie an Veranstaltungen oder Partys, was vielleicht auch erklären mag, warum ich Single bin. Ich bin tatsächlich nicht so der proaktive Typ. 

Frau Belle, wie steht es denn mit Ihrem Projekt, Herrn Stevens an die Frau zu bringen?
Belle:
Das ist gescheitert (lacht). Ich habe es jetzt zwei oder drei Jahre versucht und habe es aufgegeben. 

Alexander Stevens und Jacqueline Belle sind derzeit mit ihrer Live-Tour «True Crime 187 – Toxic Love» im deutschsprachigen Raum unterwegs. 2027 machen sie mit ihrem neuen Programm «Tödliche Gier» in Zürich Halt. Tickets gibt es auf ticketcorner.ch 

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