Darum gehts
- Mumford & Sons sprechen über ihr neues Album «Prizefighter» und Offenheit
- Der Song «Icarus» thematisiert persönliche Fehler und die Kraft der Vergebung
- Folkmusik erlebt ein Revival, bietet Bodenständigkeit in einer synthetischen Welt
Blick: «Prizefighter» («Berufsboxer», Anm. d. Red.») klingt martialisch. Wer hat sich in Ihrem neuen Album in die Schlacht geworfen?
Ben Lovett: Eine Person, die bei ihrem Gang durch London alten Dämonen begegnet – eigentlich ist es egal, ob sie real oder fiktiv ist. Der «Prizefighter» ist vielmehr der Geist unserer Band, der immer weitermacht, der alles andere als fertig mit der Welt ist.
... wie ein Boxer?
Lovett: Natürlich haben wir Narben aus all den Jahren, es war eine unglaubliche Zeit. Jetzt blicken wir hoffnungsvoll nach vorn – im Wissen, dass wir alles in unseren Händen haben.
Mumford & Sons gründen sich 2007 in London und werden mit Banjo-Folk und Stadion-Refrains zur Speerspitze der «Nu-Folk»-Welle. Frontmann Marcus Mumford (39) prägt Sound und Texte, oft zwischen Glaube, Zweifel und Beziehungskrisen. Keyboarder Ben Lovett (39) betreibt ausserdem das Label Communion, mit dem er Nachwuchs fördert. Alben wie «Sigh No More» und «Babel» machen die Band weltbekannt. «Prizefigther» ist ihr sechstes Studioalbum. Darauf sind auch Stars wie Hozier (35) oder Gracie Abrams (26) zu hören.
Mumford & Sons gründen sich 2007 in London und werden mit Banjo-Folk und Stadion-Refrains zur Speerspitze der «Nu-Folk»-Welle. Frontmann Marcus Mumford (39) prägt Sound und Texte, oft zwischen Glaube, Zweifel und Beziehungskrisen. Keyboarder Ben Lovett (39) betreibt ausserdem das Label Communion, mit dem er Nachwuchs fördert. Alben wie «Sigh No More» und «Babel» machen die Band weltbekannt. «Prizefigther» ist ihr sechstes Studioalbum. Darauf sind auch Stars wie Hozier (35) oder Gracie Abrams (26) zu hören.
Sie sprechen von Narben. Tatsächlich klingen Ihre neuen Songs oft wie eine Art Abrechnung – oder Bilanz?
Marcus Mumford: Das kann man so sagen. Für uns fühlt es sich wie das Ende einer Ära an, andererseits wie ein kompletter Neuanfang.
Bezeichnend dafür finde ich den Song «Icarus» – die Geschichte vom Jungen, der zu nah an die Sonne wollte und tief fiel. Das klingt ziemlich autobiografisch.
Mumford: Ja, das ist es tatsächlich. Oder ums noch etwas weiter zu drehen: «Icarus» zeigt, was passiert, wenn man es zu weit treibt – und auch, dass man ihm dafür vergeben soll.
Macht Ihnen diese neue Offenheit nicht auch etwas Angst?
Lovett: Nicht wirklich. Je persönlicher unsere Songs sind, desto mehr Trost spenden sie. Wir stellen uns ja auch nicht zur Schau, nur um ein Spektakel zu bieten.
Wie meinen Sie das genau?
Lovett: Die Storys, die wir in unseren Songs erzählen, sind echt. Die Bedeutung dahinter ergründen müssen unsere Fans. Oft führt das zu wichtigen Kapiteln in ihrem Leben. Das ist extrem verbindend und alles andere als auszehrend.
Viele Fans haben Ihnen nach den ersten paar Alben die Abkehr von Ihrem stampfenden Americana-Folk hin zu klassischen Rocksongs übelgenommen. Sind Sie zur Vernunft gekommen?
Lovett: Vor allem zwischen dem vierten und fünften Album hatten wir Zeit, erwachsen zu werden. Wir haben aufgehört, alles zu überdenken und konnten endlich einfach «fadegrad» Musik machen.
Sie wurden in der Vergangenheit oft als Retter der Folkmusik bezeichnet – weil Sie das Genre entstaubt haben. Setzt das nicht enormen Lovett: Wir sträuben uns generell eigentlich nicht gegen dieses Label, obwohl wir ihm früher gern etwas ausgewichen sind.
Warum?
Lovett: Weil wir nicht genau wussten, was wir damit anfangen sollen. Mittlerweile verstehen wir die Rolle besser, die wir eingenommen haben. Am Ende des Tages sind auch wir einfach Musikfans. Wir haben deswegen nicht ein überhöhtes Selbstbild.
Wie würden Sie Folk in eigenen Worten beschreiben?
Lovett: Folk erzählt Geschichten – Geschichten von Kämpfen und gemeinsamen Erinnerungen. Und vielleicht sind die gerade jetzt wichtiger denn je. Unsere Welt ist auf eine seltsame Art und Weise vernetzt, die Menschen suchen nach Wegen, ihre Erfahrungen zu artikulieren.
Wie meinen Sie «gerade jetzt»?
Lovett: Wir leben in einer Zeit, in der sich vieles unecht anfühlt – oder synthetisch. Das wird zunehmend zur Bedrohung. Folkmusik ist mit seiner Bodenständigkeit gerade jetzt oft der Fels in der Brandung. Es geht dem Genre so gut wie schon lange nicht mehr!
Ihre Liveshows leben von einer einzigartigen Energie – zum Ende der Konzerte sind sowohl Sie als auch das Publikum nassgeschwitzt. Woher kommt dieses Feuer?
Lovett: Auch Bands, in denen ich früher gespielt habe, waren leidenschaftlich – bei Mumford & Sons ist es aber anders. Vielleicht liegt es in unserer DNA oder an unseren Ursprüngen. Wir haben früher in den letzten Ecken von irgendwelchen Bars gespielt und händeringend versucht, Aufmerksamkeit zu erhaschen. Dazu kommt, dass unsere Songs – wie schon erwähnt – sehr persönlich sind, wir geben uns ihnen jeweils komplett hin. In der Band sprechen wir jeweils davon, unsere Musik zu «versenden», wirklich alles aus den Liedern herauszubringen. Wir geniessen unsere Shows genauso wie das Publikum!